Ländliche Akademie Krummhörn-Hinte  Premiere von „Die Frauen im Schreyers Hoek“ - Geschichte zum Anfassen

| | 31.08.2023 15:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zwischen den Szenen sangen die Darstellerinnen und Darsteller maritime Stücke. Foto: Weiden
Zwischen den Szenen sangen die Darstellerinnen und Darsteller maritime Stücke. Foto: Weiden
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Die Premiere am Mittwoch konnte wegen des schlechten Wetters zwar nicht wie geplant am Emder Ratsdelft stattfinden. Die Inszenierung überzeugte die Zuschauer aber trotzdem.

Krummhörn/Hinte/Emden - Der Himmel ist tiefgrau und der Nieselregen will an diesem Mittwoch einfach nicht aufhören. Das Team um Christine Becker-Schmidt von der Ländlichen Akademie Krummhörn-Hinte (LAK) hat deshalb spontan entschieden, die Premiere des Theaterstücks „Die Frauen von Schreyers Hoek“ in die Emder Martin-Luther-Kirche zu verlegen. Eigentlich hätte sie in historischer Kulisse auf der Delfttreppe stattfinden sollen - nur wenige Meter vom namensgebenden Schreyers Hoek entfernt.

Was und warum

Darum geht es: das Theaterstück „Die Frauen von Schreyers Hoek“

Vor allem interessant für: alle, die sich für Kultur und/oder die Geschichte Emdens und der Heringsfischerei interessieren

Deshalb berichten wir: Das Stück feierte am Mittwoch Premiere.

Die Autorin erreichen Sie unter: h.weiden@zgo.de

Während der Platz unweit der Delfttreppe heute beliebter Treffpunkt für Einheimische und Touristen ist, war sie in den letzten Jahrhunderten nämlich nicht selten Ort der Trauer und Tränen: Von hier aus verabschiedeten die Frauen und Kinder damals ihre Männer und Väter, die wochenlang auf See fuhren, um Hering zu fangen. Am Schreyers Hoek erfuhren die Frauen dann oft, dass ihr Mann auf See gestorben war. Ihre Schreie und Tränen gaben dem Platz seinen Namen.

In dem Stück steht das Leben der Frauen im Emder Hafen im Mittelpunkt. Foto: Archiv / J. Doden
In dem Stück steht das Leben der Frauen im Emder Hafen im Mittelpunkt. Foto: Archiv / J. Doden

Vom Anfang und vom Ende

In der Inszenierung blickt die Theatergruppe auf die mehr als 500-jährige Geschichte der Emder Heringsfischerei zurück, die Mitte des 16. Jahrhunderts Fahrt aufnahm. Anstoß dafür lieferten die Niederländer, die damals nach Emden geflohen waren. Da sie bereits Erfahrung mit der Heringsfischerei hatten, suchten sie sich Emder, die sich ihrem Vorhaben, von der Seehafenstadt aus Fischfang zu betreiben, anschlossen - und jede Menge Geld damit verdienen wollten.

Eigentlich hätte die Premiere am Emder Ratsdelft stattfinden sollen. Wegen des Wetters wurde sie in die Martin-Luther-Kirche verlegt. Dieses Foto stammt von einer Probe. Foto: Archiv/J. Doden
Eigentlich hätte die Premiere am Emder Ratsdelft stattfinden sollen. Wegen des Wetters wurde sie in die Martin-Luther-Kirche verlegt. Dieses Foto stammt von einer Probe. Foto: Archiv/J. Doden

Es folgten Jahrhunderte des Aufschwungs und der Niederlagen, ehe die Heringsfischerei nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich endgültig ihre Stärke verlor. Finanzielle Belastungen, Absatzschwierigkeiten, preiswertere Heringsimporte und nicht zuletzt die Abnahme der Heringsschwärme in der Nordsee zählen zu den Gründen. 1976 wurden die Gesellschaften dann offiziell aus dem Handelsregister gelöscht. Und die Emder Heringsfischerei war Geschichte.

Eine Szene in der Emder Kultkneipe "Alte Liebe". Hier haben die Seeleute oft ihr Geld gelassen. Foto: Weiden
Eine Szene in der Emder Kultkneipe "Alte Liebe". Hier haben die Seeleute oft ihr Geld gelassen. Foto: Weiden

Frauen im Mittelpunkt

Christine Becker-Schmidt, die das Stück geschrieben und nun Regie geführt hat, erzählt das alles vor allem anhand der im Hafen gebliebenen Frauen. Sie leiden unter Armut, müssen körperlich schwer arbeiten und können nur hoffen, dass ihre Männer auch lebend wieder nach Emden zurückkehren. Sind sie dann zurückgekehrt, verbringen sie die Stunden in Emden dann auch noch lieber in den Hafenkneipen wie der „Alten Liebe“ oder bei den „Hübschlerinnen“ - sehr zum Ärger der „Frauen von Schreyers Hoek“. Immer wieder zieht Becker-Schmidt dabei Verbindungen zwischen den menschlichen Schicksalen und der Historie, indem sie zwischen den Szenen ein „Expertenteam“ und eine Moderatorin zu Wort kommen lässt. Sie erzählen von den Hintergründen der Geschichte und welche Auswirkungen diese noch heute auf Emden haben.

Christine Becker-Schmidt hat Regie geführt. Foto: Archiv/ J. Doden
Christine Becker-Schmidt hat Regie geführt. Foto: Archiv/ J. Doden

„Die Frauen von Schreyers Hoek“ feierte in ursprünglicher Form bereits vor zehn Jahren beim Emder Hafen- und Delftfest schon einmal Premiere. Die damalige Fassung stammt aus den Federn von Gerd Brandt und Christine Becker-Schmidt. Letztere hat sie nun noch einmal überarbeitet - sie hat neue Szenen ergänzt und Bezüge zu aktuellen Fragen hergestellt. Themen sind etwa Überfischung und ökologisches Bewusstsein. Dafür gibt es eine satte Förderung von der Stiftung Niedersachsen.

Viel los beim Einlass zur Premiere. Foto: Weiden
Viel los beim Einlass zur Premiere. Foto: Weiden

60 Mitwirkende aus der Region

Das Ensemble ist deutlich größer als das vom Sommer 2013. Auch ein Chor und eine eigens von vier Oldenburger Musikstudenten dafür zusammengestellte Band gehören zu den insgesamt etwa 60 Mitwirkenden. Die Laiendarstellerinnen und -darsteller im Alter zwischen acht und 80 Jahren kommen aus der Krummhörn, der Gemeinde Hinte, der Stadt Emden und anderen Orten Ostfrieslands.

Eine durchgängige Handlung gibt es in dem Stück nicht - das wäre bei 500 Jahren zu erzählender Geschichte auch eine sportliche Leistung. Vielmehr reihen sich Szene an Szene, Geschichte an Geschichte. Die Übergänge finden dabei in musikalischer Form statt: In alter Hafen-Manier werden maritime Lieder und Stücke gesungen, bei denen am Mittwoch mit rührigem Blick auch der ein oder andere Zuschauer von der Kirchenbank mit einstimmte.

„Die Frauen von Schreyers Hoek“ wird noch bis zum 3. September aufgeführt. Bei gutem Wetter sollen die Veranstaltungen wie ursprünglich geplant an der Delfttreppe stattfinden. Sollte das Wetter weiter regnerisch bleiben, finden die restlichen Vorstellungen in der Martin-Luther-Kirche statt. Dort gibt es dann auch noch Karten an der Abendkasse - die Open-Air-Veranstaltungen sind restlos ausverkauft. Die LAK informiert auf ihrer Website tagesaktuell, an welchem Veranstaltungsort das Stück an dem jeweiligen Tag gezeigt wird.

Geht doch!

Ein Kommentar von Hannah Weiden

Theaterstücke wie dieses zeigen, dass Kultur verdammt wichtig und die Investition darin verdammt richtig ist! Das zeigt sich zum einen im Engagement der (Laien-) Darstellerinnen und Darsteller aber auch in den positiven und teilweise gerührten Reaktionen aus den Zuschauerreihen der gut gefüllten Martin-Luther-Kirche. Wieder einmal zeigt sich, dass der ländliche Raum sich in Können von Kultur in keiner Weise hinter den deutlich besser geförderten und personell besser aufgestellten Strukturen der (Groß-)Städte verstecken muss. Gerade deshalb sind die Förderungen solcher Projekte im ländlichen Raum auch so wichtig. Denn am Ende wird durch Inszenierungen wie "Melanie Schulte" oder "Frauen von Schreyers Hoek" nicht nur erstklassiges Theater geliefert, sondern auch ein Stück Lokalgeschichte zugänglich gemacht.

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