Anwohnerprotest erfolgreich  Neues Baugebiet in Aurich droht zu scheitern

| | 31.08.2023 16:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
An dieser Stelle soll ein Baugebiet entstehen. Fotos: Luppen
An dieser Stelle soll ein Baugebiet entstehen. Fotos: Luppen
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Anwohnern gelingt es womöglich, ein Neubaugebiet in Aurich-Kirchdorf zu Fall zu bringen. Sie fürchten die Verkehrsbelastung.

Aurich - Der Protest der Anwohner hat sich ausgezahlt: Bei der Verwirklichung eines Baugebiets im Auricher Ortsteil Kirchdorf ist mächtig Sand im Getriebe. Die Planung gerät ins Stocken, da alles überarbeitet werden muss. Womöglich scheitert das Projekt kurz vor der Zielgeraden sogar komplett.

Das Baugebiet liegt in der Nähe der Kirchdorfer Straße. Grafik: Kirsten Schüür
Das Baugebiet liegt in der Nähe der Kirchdorfer Straße. Grafik: Kirsten Schüür

Das neue Baugebiet mit 80 Wohneinheiten soll eine Lücke zwischen zwei bestehenden Wohngebieten am Hohen Weg und am Schwarzen Fehn schließen. Es wird von der Niedersächsischen Landgesellschaft (NLG) entwickelt und vermarktet.

Aus Sackgassen werden Durchfahrtsstraßen

Anwohner protestieren seit Monaten gegen das Vorhaben, die von Wallhecken umgebene Weidefläche zu bebauen. Sie sehen eine enorme Verkehrsbelastung auf sich zurollen. Der Verkehr zu den neuen Häusern soll durch die Straßen der benachbarten Wohngebiete fließen. Aus Sackgassen mit Blick ins Grüne würden somit Durchfahrtsstraßen.

Um das zu verhindern, müsste das neue Wohngebiet direkt an die Kirchdorfer Straße (Kreisstraße 111) angebunden werden. Das jedoch lehnt der Landkreis Aurich ab. Zusätzliche Einfahrten in die Kirchdorfer Straße würden die Leichtigkeit und Sicherheit des Verkehrs beeinträchtigen, hatte Landkreis-Pressesprecher Rainer Müller-Gummels dieser Zeitung bereits im Juni gesagt. Allenfalls während der Bauphase sei eine temporäre Zufahrt denkbar. „Die Verkehrsbedeutung und -belastung der K 111 hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen.“ Eine weitere Zufahrt würde dieses Problem verschärfen. An dieser Einschätzung habe sich nichts geändert, sagte Müller-Gummels am Donnerstag.

Tempo 50 statt 70 gefordert

Die Fronten sind verhärtet. Der Ortsrat Kirchdorf hat in seiner Sitzung am Mittwochabend die Anbindung des Wohngebietes an die Kirchdorfer Straße zur Bedingung gemacht. Ohne eine solche Straße werde man dem Bebauungsplan nicht zustimmen, entschieden die Mitglieder des Gremiums einstimmig. Der Vorhabenträger – also die NLG – werde beauftragt, mit der Kreisverwaltung eine Einigung zu erzielen. Die Pläne müssten dann überarbeitet werden. Dadurch würden auch Bauplätze verloren gehen. Außerdem fordert der Ortsrat in Höhe des Baugebiets Tempo 50 auf der Kirchdorfer Straße (statt Tempo 70).

Rund 50 teils aufgebrachte Anwohner verfolgten die Sitzung. Dabei wurde Ortsbürgermeisterin Antje Harms (SPD) hart angegangen: Die Anwohnerin Almut Hübner-Barghoorn fragte Harms in der Einwohnerfragestunde ganz direkt, warum sie dieses Baugebiet mit so viel Energie vorantreibe, ob sie womöglich persönliche Interessen verfolge. Harms wies das zurück. „Ich fühle mich von Ihnen persönlich angegriffen“, sagte sie. „Ich hab da keine Aktien drin. Da brauchen Sie sich mal keine Sorgen zu machen.“ Ortsratsmitglied Gunther Siebels-Michel von der Wählergemeinschaft Grün-Alternative Politik (GAP) warnte Hübner-Barghoorn vor Verleumdungen: „Sie sollten Ross und Reiter nennen.“

„Die Leute fragen uns nach Grundstücken“

Der Bedarf nach neuen Bauplätzen in Kirchdorf sei jedenfalls da, versicherte Harms. „Die Leute fragen uns nach Grundstücken.“ Ihr liege die Entwicklung des Ortsteils am Herzen, erklärte die Ortsbürgermeisterin. „Was nützt es denn, wenn wir alle zu Hause sitzen und es läuft hier kein Kind mehr über die Straße?“

Ortsbürgermeisterin Antje Harms (links) schaut sich bei einem Ortstermin mit Mitgliedern des Ortsrates und des Bauausschusses um. Hinten rechts ist die Anwohnerin Almut Hübner-Barghoorn zu erkennen, die Harms hart anging.
Ortsbürgermeisterin Antje Harms (links) schaut sich bei einem Ortstermin mit Mitgliedern des Ortsrates und des Bauausschusses um. Hinten rechts ist die Anwohnerin Almut Hübner-Barghoorn zu erkennen, die Harms hart anging.

Bei einem gemeinsamen Ortstermin hatten sich am Nachmittag Mitglieder des Ortsrates und des Bauausschusses das künftige Baugebiet und die angrenzenden Straßen angeschaut. Es herrschte weitgehend Einigkeit, dass die geplante Straßenführung so nicht möglich sei. Es gehe nur mit einer direkten Anbindung an die Kirchdorfer Straße.

„Die Aussagen sind eindeutig“

Auch an dieser Begehung nahmen zahlreiche Anwohner teil. Hübner-Barghoorn stellte die Notwendigkeit des Neubaugebietes grundsätzlich in Frage. Die Leute gäben Grundstücke zurück, weil sie sich Neubauten nicht leisten können. Im nicht weit entfernten Baugebiet „Im Timp“ seien zahlreiche Bauplätze frei. „Ich weiß nicht, warum man jetzt noch wieder ein Baugebiet aufreißen muss.“ Das Land würde unwiderruflich kaputt gemacht, warnte sie. „Das sollten wir mal diskutieren und nicht nur, ob hier die Müllwagen durchkommen.“

Wie geht es jetzt weiter? Die Redaktion hat bei Planungsamtsleiter Mirko Wento nachgefragt. „Wir werden das mit der NLG besprechen müssen“, sagte er. Letztlich liege die Entscheidung über eine Anbindung an die Kreisstraße aber beim Landkreis. „Die müssen die Genehmigung erteilen.“ Allzu optimistisch klang Wento nicht. „Wir kennen den Standpunkt des Landkreises. Die Aussagen sind eindeutig.“ Aus fachlicher Sicht sei die Planung so, wie sie ist, in Ordnung. „Dass die Anwohner eine andere Meinung haben, ist nachvollziehbar“, sagte der Amtsleiter.

Die Stadt wird nun abwarten, ob sich der Bauausschuss des Rates in seiner Sitzung am 11. September der Meinung des Ortsrates anschließt – also eine direkte Anbindung an die Kreisstraße zur Bedingung macht, um dem Bebauungsplan zuzustimmen. Wenn ja, werde die Stadt auf den Landkreis zugehen, so Wento. Und wenn dieser bei seiner ablehnenden Haltung bleibt? „Dann muss die Politik am Ende entscheiden, ob das Projekt weiterverfolgt wird.“

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