München  Zu früh gefreut: Warum Aiwanger die Flugblatt-Affäre überstehen dürfte

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 01.09.2023 14:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Hubert Aiwanger: Im Festzelt weiter unangefochten. Foto: dpa
Hubert Aiwanger: Im Festzelt weiter unangefochten. Foto: dpa
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Hitler-Grüße, Judenwitze und ein widerliches Flugblatt: Für viele war Hubert Aiwangers politisches Schicksal mit diesen Vorwürfen aus seiner Schulzeit besiegelt. Doch viel spricht dafür, dass der Freie-Wähler-Chef die Affäre durchsteht und seine Gegner sich zu früh gefreut haben - ein bemerkenswerter Vorgang.

Markus Söders Kalkül ist offensichtlich. Weil das rot-grüne Lager Hubert Aiwanger mit seiner Flugblatt-Kampagne vor der Wahl vor sich hertreiben will, wirkte der bayrischen Ministerpräsident selbst wie getrieben, wenn er allzu sehr auf die Kritik an seinem Partner eingeht.  Verharmlost Söder hingegen das Irrlichtern des Freie-Wähler-Chefs in dessen Jugend, macht er sich selbst zur Zielscheibe.

Ein wenig Strenge ist demnach geboten. Folglich entschied sich Söder für seine 25 Fragen. Damit verdeutlicht er, dass er die Macht hat, sich rapportieren zu lassen. Zugleich verfällt er nicht in übermäßige Aufregung, sondern gibt den besonnenen Aufklärer.

Am Ende wird Söder den Delinquenten begnadigen. Den Minister zu chassen, würde Aiwanger erst recht Rückenwind unter jenen verschaffen, die die Aufregung schon jetzt für übertrieben halten. Umfragen zeigen, dass sie die Mehrheit bilden, aber man sieht es auch im Alltag: Im Bierzelt jubeln sie mehr denn je. Und im Gegensatz zu anonymen Anschuldigern springen ihm frühere Mitschüler inzwischen auch namentlich zur Seite, statt ihn zu belasten, inklusive dessen, der das Flugblatt in einer Facharbeit verarbeitet hat und Aiwanger dezidiert nichts vorwerfen will.

Aiwangers Anhängern gilt eine gewisse Unbeholfenheit zudem als authentisch. Sie nehmen sie ihm nicht übel, im Gegenteil. Sie ist ein Abgrenzungsmerkmal zu den Polit-Profis, gegen die er agitiert, und auch gegenüber Medien wie der „Süddeutschen Zeitung“, die schäumend registrieren müssen, dass er sich ihren Rücktrittsforderungen nicht beugt und ihr zentraler Vorwurf ins Leere gelaufen ist.

Inzwischen hat sich Aiwanger auch zu einer Entschuldigung durchgerungen. Natürlich, seinen Kritikern war sie nicht gut genug. Jetzt soll es die Art seiner Reaktion sein, die in ihren Augen einen Rücktritt gebietet, gar nicht mehr der zweifelhafte Vorwurf selbst; es wirkt sehr bemüht.

Zudem hat der SPD-Rentner Sigmar Gabriel an sein eigenes Lager eine interessante Frage gerichtet: Welches Ziel haben Aufklärungs- und Aussteigerprogramme, wenn ein mutmaßlicher Sympathisant der rechten Szene nach 35 Jahren dann doch gebrandmarkt wird? Dann könne man sich die Mühen auch sparen, moniert Gabriel, worin durchaus eine Logik liegt.

Wie man es also dreht und wendet: Im Ergebnis hat Aiwanger die Antisemitismus-Attacke, Stand jetzt, überstanden. Viele hätten ihm das nicht zugetraut - wie schon vieles andere in seiner Laufbahn. Dies ist durchaus bemerkenswert.

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