Frankfurt/Hamburg  Michel Friedman: „Die Lebensqualität für Juden ist schlechter geworden“

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 07.09.2023 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Michel Friedman warnt vor wachsenden Antisemitismus in Deutschland. Foto: imago images/Stephan Wallocha
Michel Friedman warnt vor wachsenden Antisemitismus in Deutschland. Foto: imago images/Stephan Wallocha
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Michel Friedman ist einer der bekanntesten Publizisten Deutschlands. Im Interview warnt er vor dem Aufstieg der AfD und vor wachsendem Antisemitismus.

„Schlaraffenland abgebrannt“ - schon der Titel des neuen Buches von Michel Friedman verheißt nichts Gutes. Friedman zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die verlernt hat, mit Krisen und Angst umzugehen. Im Interview erzählt der 67-Jährige, was ihm persönlich Angst macht, wie er auf den wachsenden Erfolg der AfD blickt und wie sich das Leben für Juden in Deutschland verändert hat.

Frage: „Schlaraffenland abgebrannt” heißt ihr neues Buch. „Von der Angst vor einer neuen Zeit” ist der Untertitel und Angst ist das beherrschende Thema. 278 Mal kommt das Wort vor. Warum beschäftigt Sie Angst aktuell?

Antwort: Angst ist ein menschliches Urgefühl. Wir leben allerdings in einer Gesellschaft, in der ein Großteil dieses Gefühl gar nicht mehr kennt. Generationen sind in einem Schlaraffenland ohne existenzielle Sorgen aufgewachsen. Es ging ums Leben, aber nicht ums Überleben, jedenfalls für die meisten. Jetzt gibt es große strukturelle Probleme wie Krieg, Migration, Seuche, Klima und der Angriff auf die Demokratie. Das macht Angst. Und wir können damit nicht gut umgehen. Viele Menschen erleben einen Muskelkater der Angst, weil sie nicht gelernt haben, sich mit diesem Gefühl auseinanderzusetzen. Die Angst haben wir jahrzehntelang mit Geld betäubt, aber das geht jetzt nicht mehr.  Wir haben in vielen Bereichen einen Rückstand von drei Jahrzehnten und müssen in diesem Jahrzehnt grundlegende Veränderungen vornehmen. Tun wir das nicht, wird Deutschland in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. 

Frage: Sie zeichnen ein düsteres Bild von Deutschland, das sich vor großen Herausforderungen duckt. Wie blicken Sie in die Zukunft?

Antwort: Es ist kein düsteres, sondern ein realistisches Bild. Wir müssen sofort handeln. Handeln wir nicht jetzt, wird Deutschland mit den Krisen nicht mehr umgehen können.

Frage: Deutschland gehört noch immer zu den reichsten Ländern der Welt. Geht es uns denn nicht eigentlich ganz gut?

Antwort: Ich verstehe die Sehnsucht nach dem Gefühl: Es geht uns ganz gut. In Wirklichkeit zehren wir aber an unserer Substanz. Wer 30 Jahre mit denselben Möbeln gelebt hat, der weiß: Irgendwann hilft das Abstauben nicht mehr, das Material ist erschöpft. Das Gleiche gilt für Deutschland: Wir haben jahrzehntelang poliert, renoviert, aber die Substanz bröckelt. Die Sanierung ist überfällig. Die Infrastruktur ist marode, das Gesundheitssystem an der Grenze der Belastbarkeit. Es gibt einen Krieg in Europa und wir haben keine strategische Außenpolitik. Wir haben uns immer nur auf Wachstum konzentriert und für günstiges Erdgas eine Appeasement-Politik gegenüber Russland durchgezogen. Jetzt ist spürbar, dass die Politik hilflos ist. Selbstverschuldet. Außerdem erleben wir eine reaktionäre Renaissance. Wir sehen erfolgreiche populistische Regierungen in Polen, Ungarn, Schweden, USA. Auch in Deutschland ist die Partei des Hasses, die AfD, auf Erfolgskurs. Der Satz „Es geht uns gut” hat Risse. Die Statik hält kaum noch.

Frage: Die AfD liegt nach einer aktuellen Umfrage bei 20 Prozent. In Ihrem Buch schreiben Sie: Das Gegenteil von Angst ist nicht Mut, sondern Gleichgültigkeit. Was macht Ihnen mehr Angst: die aktiven Wähler der AfD oder der Rest, der die Wahlergebnisse und Umfrageergebnisse hinnimmt?

Antwort: Beides. Ich nehme Wähler ernst – auch die der AfD. Mit 18 sind alle deutschen Staatsbürger mündig und man unterstellt, dass sie wissen, was sie tun. Nur bei der AfD gibt es die Behauptung: Das sind eigentlich Protestwähler. Für mich ist das eine Respektlosigkeit gegenüber den Wählern und eine Möglichkeit, sich und die AfD-Wähler von Schuld freizusprechen, nach dem Motto: Die sind gar nicht so drauf. Dabei hat die Partei ihren Schafspelz längst ausgezogen. Ihre Wähler entscheiden sich für Hass und Demokratievernichtung. 

Frage: Und wozu entscheiden sich die restlichen 80 Prozent?

Antwort: Zu den 80 Prozent zähle ich gleichgültige Demokraten, die sich nicht engagieren, und dekadente Demokraten, die nehmen, aber nicht geben. Ich weiß nicht, wie viele es sind, aber es müssen eine Menge sein. Denn sonst wäre der Protest gegen die AfD und für die Demokratie viel lauter und bunter. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um unsere Demokratie. Sie ist gefährdet. Sie wird mit viel Leidenschaft und Energie angegriffen, aber in der Verteidigung steckt keine kollektive Energie. Ich denke, wenn die Leidenschaft der einen mit der Trägheit der anderen zusammenfällt, kann es Kipppunkte geben. Regierungen können sich verändern, zwar nicht im nächsten Jahr, aber in nicht allzu ferner Zukunft. 

Frage: Mit der Wahl Robert Sesselmanns zum Landrat im Kreis Sonneberg in Thüringen stellt die AfD das erste Mal den ranghöchsten Beamten eines Landkreises in Deutschland. Proteste gab es nicht. Ist die AfD in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Antwort: Ja! Ein Teil der Gedanken und der Sprache ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Schamlosigkeit ist überall hörbar und sichtbar. Ich glaube, in mittelgroßen Orten – nicht nur in Ostdeutschland – sagen die Leute nichts, weil sie Angst vor der AfD haben. Ich stelle mir schon die Frage, warum die Polizei mit Härte gegen sogenannte Clan-Kriminalität vorgeht – zu recht –, aber in Orten, die rechtsextreme Schwerpunkte sind, nicht genug passiert – zu unrecht. Lokalpolitiker legen sogar aus Angst ihre Ämter nieder. Immerhin hat die Bundesregierung 2023 erkannt, was seit der Gründung der Bundesrepublik klar war: Rechtsextremismus ist die größte Gefahr für die Demokratie.

Frage: Hat der Antisemitismus mit dem Aufstieg der AfD zugenommen?

Antwort: Der Judenhass in Deutschland ist nicht von der AfD erfunden worden, er war schon immer da. Aber es hat sich etwas zum Negativen verändert. Die geistige Brandstiftung und die brutale Gewalt haben zugenommen. Alles scheint wieder sagbar zu sein. Diese Entwicklung ist dramatisch, und ob wir sie zurückdrängen können, ist die große Frage der nächsten Jahre. 

Frage: Fühlen Sie sich in Deutschland sicher?

Antwort: Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, hat vor einigen Jahren festgestellt, dass Juden nicht mehr an jedem Ort und zu jeder Zeit sicher sind. Was für ein Offenbarungseid! Die Lebensqualität ist für Juden in Deutschland schlechter geworden.  Ich war mit 25 Jahren unbeschwerter mit einem Davidstern in der Öffentlichkeit, als die Generation heute es ist. Das hat auch mit islamischem Antisemitismus zu tun. Das ist zwar nicht der primäre Antisemitismus, aber er ist aggressiver. Ich hätte nicht gedacht, dass sich der Alltag in diesem Land derart deformiert, dass man in der Straßenbahn oder auf der Straße angepöbelt oder gar angegriffen wird, nur weil man als Jude erkennbar ist.

Frage: Ende Juni war Alice Weidel auf dem Cover des Sterns, sie hat ein Interview gegeben. Sie haben für die Ausgabe ein Essay geschrieben. Das Cover hat eine Debatte über den Umgang der Medien mit der AfD ausgelöst. Sollten Medien so mit der AfD umgehen?

Antwort: Die AfD ignorieren können und dürfen Medien nicht. Das Dilemma wird bleiben. Gibt man dieser demokratiefeindlichen Bewegung zu viel oder zu wenig Raum? Arbeitet man aufklärerisch, hilft man, ohne es zu wollen, der AfD? Print-Interviews sind dabei besonders problematisch, weil sie autorisiert werden müssen. 

Frage: Würden Sie mit der AfD sprechen?

Antwort: Sie will ja eigentlich nicht mit mir sprechen. Für sie bin ich ein Mensch zweiter Klasse.  Sie erkennt mich nicht an als Gesprächspartner auf Augenhöhe. Was immer ich antworten würde, die Antwort wäre irrelevant, weil sie ja von einem „Juden“ kommt. Für ein Propagandatheater stehe ich nicht zur Verfügung.

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