Berlin  Studiobosse kassieren „obszöne“ Millionen: Wütender Autor erklärt Hollywood-Streik

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 06.09.2023 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Hollywoods Drehbuchautoren streiken für bessere Arbeitsbedingungen - im Schauspieler Richard Gere (Bild) finden sie einen prominenten Unterstützer. Foto: Vanessa Carvalho/ZUMA Press Wire/dpa
Hollywoods Drehbuchautoren streiken für bessere Arbeitsbedingungen - im Schauspieler Richard Gere (Bild) finden sie einen prominenten Unterstützer. Foto: Vanessa Carvalho/ZUMA Press Wire/dpa
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Die Drehbuchautoren legen Hollywood lahm. Einer von ihnen, Dennis Lehane („Shutter Island“), hat uns erklärt, warum er so empört ist – über die Studiobosse und ihre Millionen-Einnahmen ist. Ein wütendes Interview:

„Diese Zahlen sind obszön.“ Dennis Lehane braucht nur einen Satz, um zu erklären, warum er und rund 11.000 weitere Drehbuchautoren seit über drei Monaten Hollywood lahmlegen. Der 58-Jährige spricht von den Summen, mit denen die Traumfabrik ihre Topmanager entlohnt: „Der Warner-Chef David Zaslav soll im vorletzten Jahr – mit allen Boni und Aktienoptionen – 246 Millionen Dollar bekommen haben. Eine Viertelmilliarde!”, empört sich Lehane. „Und dann sagen sie, sie haben kein Geld.“

Die enorme Summe trifft dem Branchenblatt „Hollywood Reporter“ zufolge tatsächlich zu; sie kam vor allem durch Aktienoptionen zustande. Im Vorjahr hatte Zaslav demzufolge „nur“ 37,7 Millionen Dollar verdient.

Um sein eigenes Einkommen braucht Dennis Lehane („Shutter Island“) sich keine Sorgen zu machen. Seine Thriller sind Bestseller und wurden von Regisseuren wie Martin Scorsese und Ben Affleck verfilmt. Sein neuer Krimi „Sekunden der Gnade“ steht auf Obamas Sommer-Leseliste. Dass sein aktuelles Serienprojekt auf Eis liegt, kann er verkraften. Das Gros seiner Kollegen arbeitet in allerdings in deutlich prekären Verhältnissen.

Lehane nennt das „Problem der Writer’s Rooms“. In diesen Großraumbüros schreiben ganze Autorenteams die preisgekrönten Serien, auf denen Streamingdienste wie Netflix und Amazon Prime ihren Erfolg aufbauen. „Für eine große Serie wie Emergency Room‘ kommt man neun Monate lang ins Büro, wobei am Ende nicht jeder eine eigene Folge schreibt. Manche lernen dabei auch nur, wie es geht“, sagt Lehane.

Dann erklärt er, warum sich das nicht mehr lohnt: „Früher wurden dann alle für die gesamte Zeit bezahlt. Heute kommt man jeden Tag und wird wieder nach Hause geschickt, wenn man gerade nicht gebraucht wird. Das ist krank.“ Deshalb forderte die Drehbuch-Gewerkschaft nun, dass die Studios eine bestimmte Anzahl von Autoren für eine vorher festgelegte Zeit fest einstellen.

Der Vertriebsweg Streaming hat das Einkommen von Hollywoods Schreibern auch auf eine andere Weise verschlechtert, sagt Lehane – und zwar, weil es das Konzept der sogenannten „Residuals“ beendet habe. Diese Zahlungen bekamen Autoren bislang, wann immer ihre Produktion im Fernsehen wiederholt wurde. Je beliebter, je langlebiger ein Format war, desto besser verdiente der Autor.

Das Modell funktionierte aber nur im linearen Fernsehen. Bei Netflix stehen Serien jetzt jederzeit bereit. „Streamer sagen den Autoren nicht mal mehr, wie oft ihre Episode angesehen wurde“, sagt der 58-Jährige. Und wo die Abrufzahlen geheim bleiben, profitieren die Beteiligten auch nicht vom Erfolg. Für Lehane bedeutet das: „Das Streaming-System ist nicht fair.“

Und noch etwas bereitet dem Schriftsteller Sorge: „Wir wollen nicht, dass Computer uns das Schreiben abnehmen.“ Ist Künstliche Intelligenz etwa auch beim kreativem Schreiben von Drehbüchern ein Thema? „Die Studios flirten ganz unübersehbar damit“, so Lehane. „Sie wünschen sich, dass die KI die Beschreibungen übernimmt und der Autor die andere Hälfte – und dann auch nur die Hälfte verdient. Das ist eine existenzielle Bedrohung für Autoren.“

Über 120 Tage dauert der Autorenstreik nun schon an. „Spüren werden wir das so um den Januar 2024 herum. Auf einmal wird nichts Neues mehr laufen“, vermutet Lehane. “Alle Produktionen werden sich verzögern. Die Produktion der letzten ‘Stranger Things’-Staffel wurde gestoppt. Massen von Formaten kommen nicht raus.” Auch seine eigene True-Crime-Serie „Firebug“ über einen Feuerteufel hängt in der Warteschleife.

Was die Autoren weitermachen lässt, ist auch die Wut. „Die Studiobosse haben den ganzen Sommer lang unseren Streik ignoriert und die Zeit auf ihren Yachten und in Privatflugzeugen verbracht“, sagt Dennis Lehane und empört sich über die Verhandlungspolitik der Gegenseite: „Ein Studiochef hat dem Magazin ‚Deadline‘ wörtlich gesagt: ‚Am Ende geht es darum, die Sache so lange hinauszuziehen, bis die Gewerkschaftler ihre Apartments und Häuser verlieren‘“, zitiert der Drehbuchautor. In dem Magazin-Beitrag blieb der Manager anonym. Lehane: „,Hoffentlich finden wir irgendwann raus, wer das war.“

Die harten Bandagen treffen auch Kollegen, die nicht aus der Streikkasse bezahlt werden: Kameraleute und Kostümbildnerinnen, Cutterinnen und PR-Frauen – sie alle können nicht arbeiten. „Es ist schrecklich, das reinste Blutbad“, sagt Lehane. „Aber wir geben nicht nach.“

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