Überraschend viele Funde in Marx  Mittelalterliche Strukturen bremsen neues Baugebiet

| | 08.09.2023 15:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Am Börgerhörn in Marx befindet sich diese große Fläche, die unzählige Geheimnisse birgt. Grabungshelfer legen hier seit Monaten Funde frei, dokumentieren und sichern sie. Dabei sollten sie mit ihrer Arbeit eigentlich schon fertig sein. Foto: Archiv/Ullrich
Am Börgerhörn in Marx befindet sich diese große Fläche, die unzählige Geheimnisse birgt. Grabungshelfer legen hier seit Monaten Funde frei, dokumentieren und sichern sie. Dabei sollten sie mit ihrer Arbeit eigentlich schon fertig sein. Foto: Archiv/Ullrich
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In Marx sollten eigentlich die Vorbereitungen für den Bau neuer Eigenheime beginnen. Doch Grabungen der Landschaft bringen noch immer deutlich mehr Funde als erwartet zutage. Wie geht es jetzt weiter?

Marx - So war das nicht geplant: Anstelle der noch immer ohne Unterlass fleißigen Grabungstechniker des Archäologischen Dienstes der Ostfriesischen Landschaft und ihren Grabungshelfern sollten am Börgerhörn in Marx eigentlich langsam die Bautrupps loslegen. „Wir sind gestartet, um in Marx ein Baugebiet zu erschließen. Und jetzt sind wir weiter davon entfernt als je zuvor“, stellt Helfried Goetz (parteilos) mit Bedauern fest. Der Bürgermeister der Gemeinde Friedeburg wirkt schon fast ratlos angesichts der Ausmaße dessen, was sich dort nach und nach offenbart. „Die Funddichte ist sehr hoch.“ Er ergänzt: „Der ursprüngliche Zeitplan wird da nicht mehr funktionieren.“ Das Ausmaß sei bei der sogenannten Prospektion, der archäologischen Voruntersuchung einer Teilfläche, vor Monaten schlichtweg nicht absehbar gewesen.

Was und warum

Darum geht es: Seit Jahren wartet die Friedeburger Ortschaft Marx auf ein Baugebiet. Wie es aussieht, wird dieser Zustand noch anhalten: Mitarbeiter des Archäologischen Dienstes der Ostfriesischen Landschaft haben ungewöhnlich viele interessante Funde gemacht. Deren Sicherung dauert an.

Vor allem interessant für: potenzielle Bauherren, Geschichtsbegeisterte

Deshalb berichten wir: Im Herbst sollten die Vorarbeiten für das neue Baugebiet beginnen. Die Redaktion wollte in Erfahrung bringen, wie es um diesen Zeitplan steht.

Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de

Als erster Arbeitsschritt auf dem Weg zum neuen Marxer Wohngebiet mit mehr als 40 Grundstücken sollte ein Regenrückhaltebecken gebaggert werden. Geplant ist, eine Gesamtfläche von 4,5 Hektar zu erschließen. Es sind Bauplätze, die die Friedeburger Ortschaft dringend benötigt, um junge Familien dauerhaft an sich zu binden. Zunächst geht es um zwei Drittel der Fläche in einem ersten Planungsabschnitt. Doch zum jetzigen Zeitpunkt ist vollkommen unklar, wie und vielleicht sogar, ob es weitergeht. „Da will ich nicht vorgreifen“, reagiert Goetz verhalten auf die Frage nach den Folgen für das Projekt angesichts ausufernder Grabungskosten. Die Gemeinde geht derzeit offenbar davon aus, dass die Arbeiten sich bis November 2025 hinziehen und Gesamtkosten von 630.000 Euro verursachen werden. Fakt ist: Die Kosten für die Erschließung und damit auch die Bodenuntersuchung sollen zumindest teilweise auf den späteren Grundstückspreis umgelegt werden.

Funde sind überraschend in ihrer Art und Anzahl

Sind diese Summen aber zu hoch, ist das Baugebiet nicht wettbewerbsfähig – die Gemeinde könnte auf den Grundstücken sitzenbleiben. Schlimmstenfalls könnten die Funde dazu führen, dass die Gemeinde auf die Erschließung neuer Grundstücke an dieser Stelle verzichtet. So geschehen „An der Mühle“ zwischen Westerholt und Nenndorf in der Samtgemeinde Holtriem. Seit 1999 fanden dort Ausgrabungen statt, bei denen Siedlungsreste der Bronzezeit und Römischen Kaiserzeit gefunden wurden. Die Arbeiten zogen sich über Jahre hin. Schließlich fiel der Entschluss, dort von einem dritten Bauabschnitt abzusehen.

Dr. Sonja König (von rechts) besucht regelmäßig die Grabungsstellen und tauscht sich vor Ort mit Grabungstechnikern und -helfern aus. Hier ist sie in Marx im Gespräch mit Amelie Mohrs (knieend, von links), Axel Prussat und Grabungshelfer Thomas Haehner. Foto: Archiv/Ullrich
Dr. Sonja König (von rechts) besucht regelmäßig die Grabungsstellen und tauscht sich vor Ort mit Grabungstechnikern und -helfern aus. Hier ist sie in Marx im Gespräch mit Amelie Mohrs (knieend, von links), Axel Prussat und Grabungshelfer Thomas Haehner. Foto: Archiv/Ullrich

Am Dienstag, 12. September, werden die Mitglieder des Planungsausschusses der Gemeinde Friedeburg über den aktuellen Stand in Marx informiert. Politik und Verwaltung müssen abwägen, was über den November hinaus passieren soll. Dr. Sonja König, Leiterin des Archäologischen Dienstes, wird die bisherigen Fortschritte zusammenfassen und den Kommunalpolitikern Rede und Antwort stehen. Aus archäologischer Sicht sei es „sehr, sehr spannend“, was ihre Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit den Grabungshelfern bislang freigelegt haben, so König. Die Fülle an Funden aus dem Mittelalter wie Scherben und sichtbare Siedlungsstrukturen in Form von Gebäuden und Handwerksplätzen gebe Aufschluss darüber, dass es bereits vor geschätzt 1200 Jahren Leben am Börgerhörn gegeben haben muss.

Handwerksplätze aus dem frühen Mittelalter

Die Spuren aus dem Frühmittelalter und Hochmittelalter unterscheiden sich von den Hinweisen auf Häuser, Brunnen und Gruben, die der Archäologische Dienst meist vorfinde. In Marx habe man zahlreiche Gruben entdeckt, die auf handwerkliche Tätigkeiten mit Feuer schließen lassen: kleine Öfen, durchglühte Steine und Asche; Hinweise auf beispielsweise metallverarbeitende Gewerke. Auch die freigelegten Gräben mit einer Breite von mehr als zwei Metern seien nicht gewöhnlich, sagt König. Mitte der Woche habe sie gemeinsam mit ihrem Team die Struktur vor Ort in Augenschein genommen, soweit die schon freigelegt worden ist. Die rechteckig angelegte Entwässerungsvorrichtung ist auf mindestens drei Seiten verbunden und wurde „in der gleichen Phase geplant und angelegt“. König geht von einer Umwehrung aus, die etwas einhegt und schützt. „Das ist schon etwas Besonderes.“ Es könnte ein Wohnhaus einer wohlhabenden Familie, vielleicht sogar eine Burg, gewesen sein. Spekulieren will die Wissenschaftlerin nicht. Erst weitere Untersuchungen und Analysen werden Antworten bringen. Bis dahin aber vergehen noch mehrere Monate.

Jede dieser Nummern deutet auf einen weiteren Fund hin, der noch im Boden versteckt liegt. Foto: Archiv/Ullrich
Jede dieser Nummern deutet auf einen weiteren Fund hin, der noch im Boden versteckt liegt. Foto: Archiv/Ullrich

Im November laufen die Verträge mit den vier Grabungshelfern aus, die die Gemeinde zur Unterstützung der Grabungstechniker aus Aurich eingestellt hat. Und die sie bereits verlängert hatte. Vier der ursprünglich fünf Personen, die dort mit Akribie Spuren aus vergangenen Zeiten sichern, sind weiter dabei. Ein gutes Team, das motiviert, gewissenhaft und schnell arbeitet, lobt König. Sollten die Grabungen über den November hinaus weitergehen, wird das wahrscheinlich witterungsbedingt erst ab April 2024 wieder der Fall sein.

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