Trend setzt sich fort Ein weiterer Landwirt gibt in der Krummhörn sein Milchvieh ab
In einem landwirtschaftlichen Betrieb muss man fast rund um die Uhr arbeiten. Hat man Milchvieh, gibt es auch noch viel Kritik und viele Auflagen. Davon wenden sich immer mehr Landwirte ab.
Krummhörn - Die Krummhörner Dörfer sind beschaulich und wie aus einem Werbekatalog für Ostfriesland. Eine urige Warf mit vielen gedrungenen, rotsteinigen Häusern neben der anderen, eine historische Kirche oder Mühle haben viele - und ringsherum gibt es ganz viel Grün mit vielen Kühen. Eigentlich. In diesem Jahr haben gleich zwei der letzten Milchviehbetriebe in Rysum ihre Tiere abgegeben - und im benachbarten Loquard folgt nun der nächste Hof.
Was und warum
Darum geht es: die Entwicklung der Landwirtschaft in der Krummhörn und Ostfriesland
Vor allem interessant für: Landwirtinnen und Landwirte sowie Leute, die gerne regionale Produkte einkaufen möchten und sich über Kühe auf der Weide freuen
Deshalb berichten wir: Wir hatten gehört, dass in Loquard in der Krummhörn ein Landwirt sein Milchvieh abgeben möchte. Wir haben mit ihm gesprochen und uns allgemein den Trend angeschaut. Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de
Heiko Barth hat aktuell noch etwa 60 Milchkühe. Zuvor waren es mal 80 bis 90. „Es ist sehr arbeitsintensiv“, sagt der Landwirt. Er will jetzt auf den Ackerbau umsatteln. Das geht nicht von heute auf morgen. Schon seit 2015 ist er dabei, für all seine Flächen einen Ackerstatus zu beantragen. Jetzt ist die letzte Genehmigung durch. Auf gut 178 Hektar, also umgerechnet fast 250 Fußballfeldern, möchte er in Zukunft Gerste, Weizen, Raps, Mais und Kartoffeln anbauen.
Kühe sollen vernünftig unterkommen
Seine Milchkühe möchte er als Herde aber in gute Hände abgegeben. Von Kalb an hat er sie groß gezogen und eine Verbindung zu den Tieren aufgebaut, sagt er. „Sie sind sehr auf mich bezogen und kommen, wenn ich rufe“, so Heiko Barth. „Sie sollen vernünftig unterkommen.“ Ob eine seiner drei Töchter irgendwann wieder Milchvieh halten will? Unklar.
Seine jüngste Tochter Deike ist elf Jahre alt und fährt gerne mit ihrem Vater auf dem Trecker mit, sagt er. Der Stall bleibt auch erhalten. Ein wenig Jungvieh, in das schon eine „Fleischrasse“ eingekreuzt ist, will er vorerst auch zur Fleischproduktion behalten. Alle Milchvieh-Kälber - egal ob weiblich oder männlich - würden aber verkauft.
Kein Milchviehbetrieb mehr in Rysum
Familie Weets machte im April in Rysum für dieses Jahr den Anfang. Dort hat man sich dafür entscheiden, das Milchvieh abzugeben und sich anderen Aufgaben - wie einem Ferienhäuschen und dem Engagement bei der Interessengemeinschaft (IG) Rysum - zu widmen. Viele wollten die landwirtschaftliche Arbeit nicht mehr machen. Im Sommer sei immer viel zu tun, heißt es im Gespräch mit dieser Zeitung.
Gerd Uken schaltete im Mai die Melkanlage in Rysum für immer ab. All sein Milchvieh hat er abgegeben und ist in den Ruhestand gegangen. Uken hat den Hof in vierter Generation geführt - „genau 49 Jahre und elf Monate“, sagte der 65-Jährige im Mai dieser Zeitung. „Doch ich will nicht mit 70 noch im Melkstand stehen müssen. Irgendwann muss auch mal Schluss sein.“ Zuletzt hatte der Landwirt an die 50 Milchkühe. Mit einer seiner Töchter wollte er noch ein paar Tiere zur Fleischproduktion halten.
Drei Prozent der Betriebe der Region hören jährlich auf
„Der Trend ist hier so wie auch deutschlandweit“, sagt Milva Iderhoff. Sie ist erste Vorsitzende der Krummhörner Zweigstelle des Landwirtschaftlichen Hauptvereins (LHV) Ostfriesland. Entweder man gehe aufs Ganze oder man lasse es bleiben. „Wachsen oder weichen“, wird häufig in dem Kontext auch gesagt. Neue Vorgaben zu Silo-Anlagen und Güllelagern machten bei vielen Betrieben nun große Investitionen nötig. Es gebe eine Milchkrise nach der anderen. Und öffentliche Kritik - wie bei der Demonstration bei der Ammerland Molkerei vor kurzem - belaste die Landwirte. „Dann ist eine Entscheidung natürlich noch schneller getroffen, wenn auch noch eine Hofnachfolge fehlt“, sagt sie.
Es sei sehr schade, da es insbesondere in Ostfriesland eigentlich die Betriebe gebe, die in ihrer Struktur so von der Öffentlichkeit gewünscht seien: kleingliedrig, meist familiengeführt, mit Kühen auf der Weide. Auf ihrem eigenen Hof hatten sie 1970 auf Ackerbau umgestellt. „Tierhaltung ist in Deutschland schwierig und irgendwie nicht gewollt.“ Sie fragt sich, wo die Milch dann herkommen soll: Aus riesigen Betrieben aus dem Ausland, aus Indien etwa?
Laut Rudolf Bleeker vom Landwirtschaftlichen Hauptverein Ostfriesland hören in Ostfriesland jährlich etwa drei Prozent der Betriebe auf, sagte er dieser Zeitung im Mai. Im Landkreis Leer etwa seien das bei aktuell 1000 verbleibenden Betrieben an die 30 Höfe. „Das sind vielfach kleinere Betriebe, wo es dann keine Nachfolge gibt“, sagt der Geschäftsführer des Leeraner Kreisverbands. Diese Beobachtung lässt sich demnach auf ganz Ostfriesland übertragen.