Senioren sollen Urlaubern weichen  Hunderte demonstrieren in Greetsiel gegen Ferienwohnungen

| | 10.09.2023 14:51 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Rund 300 Menschen nehmen an einer Kundgebung in Greetsiel gegen die Pläne eines Investors, aus einem Seniorenheim Ferienwohnungen zu machen, teil. Fotos: Wagenaar
Rund 300 Menschen nehmen an einer Kundgebung in Greetsiel gegen die Pläne eines Investors, aus einem Seniorenheim Ferienwohnungen zu machen, teil. Fotos: Wagenaar
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Die Greetsieler haben Ferienwohnungen satt. Weil ein Seniorenheim im Ortskern Ferienwohnungen weichen soll, kamen mehr als 300 Leute bei einer Kundgebung zusammen. Was bringt das aber wirklich?

Greetsiel - Ganz viel Frust hat sich in Greetsiel angestaut. „Wir gehen seit Jahren nicht mehr in den Ort rein“, sagt Johannes „Hans“ de Vries, während sich am Sonntagvormittag viele Menschen um den gebürtigen Greetsieler herum zu einer Kundgebung auf dem Vorplatz der „Oase“ (Koppke) zusammenfinden. „Wir haben nichts gegen Touristen, aber es wird einfach zu viel“, sagt der Rentner. Der Stein des Anstoßes aktuell: Das derzeit leerstehende „Seniorenhuus“ im Kern des Fischerdorfs soll 32 Ferienwohnungen weichen.

Was und warum

Darum geht es: In Greetsiel hat man die Nase voll von noch mehr Ferienwohnungen.

Vor allem interessant für: Leute, die in Greetsiel leben oder anderswo in Ostfriesland, wo es ebenfalls immer mehr Ferienwohnungen gibt

Deshalb berichten wir: Dass das mittlerweile leerstehende „Seniorenhuus“ in Greetsiel Ferienwohnungen weichen soll, erhitzt die Gemüter in Greetsiel. An diesem Sonntag erreichte das seinen aktuellen Höhepunkt mit einer Kundgebung. Wir haben diese begleitet.

Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de

Video
Greetsiel wehrt sich gegen weitere Ferienwohnungen
10.09.2023

„Der Betreiber hat nur das Geld rausgeholt und will das Seniorenheim jetzt loswerden“, ist sich de Vries sicher. „Ferienwohnungen sind ein leichter Weg, an Geld zu kommen.“ Es sei ein großer Unmut im Ort, sagt auch seine Tochter Susanne de Vries. Nach den Plänen für das Jufa-Hotel, ein Hotelneubau mit 90 Zimmern am Deich, habe sich nun „die nächste Baustelle“ aufgetan. Ein normales Wohnhaus in Greetsiel könne sich indes kaum noch jemand leisten, sagt sie.

Erika und Johannes "Hans" de Vries sind gebürtige Greetsieler, kommen aber seit Jahren nicht mehr in den Ort. Zu überlaufen, finden sie.
Erika und Johannes "Hans" de Vries sind gebürtige Greetsieler, kommen aber seit Jahren nicht mehr in den Ort. Zu überlaufen, finden sie.
Sind am Anfang von der "Oase" noch etwa 100 Leute losgelaufen, kommen am Ende rund 300 vor dem ehemaligen "Seniorenhuus" zusammen.
Sind am Anfang von der "Oase" noch etwa 100 Leute losgelaufen, kommen am Ende rund 300 vor dem ehemaligen "Seniorenhuus" zusammen.

Auch viele junge Menschen bei Kundgebung dabei

Wie groß der Frust ist, merkt man während der Kundgebung, die einmal durchs Dorf führt, schnell. Waren es zunächst etwa 100 Teilnehmende, finden sich am Ende – vor dem ehemaligen „Seniorenhuus“ gut 300 Leute ein. Greetsiel ist an diesem Sonntag ohnehin schon voll. Viele Tagesgäste und Touristen bummeln durch die beschaulichen Gassen und halten sich im Hafen auf. Viele bleiben angesichts des langen Menschenzugs stehen und stellen Fragen. Die Irritation darüber, dass Senioren aus dem Dorf „abgeschoben“ wurden, ist bei einigen merklich groß. Es gibt viel Zuspruch. „Das kann ich gut verstehen, richtig so“, ermuntert eine Passantin die Demonstrierenden.

Jana Sutter (rechts) und Anna Bredemeier aus Greetsiel setzen sich für den Erhalt des Seniorenheims ein.
Jana Sutter (rechts) und Anna Bredemeier aus Greetsiel setzen sich für den Erhalt des Seniorenheims ein.
Urlauber sollen Senioren nicht verdrängen, fordern die Demonstrierenden.
Urlauber sollen Senioren nicht verdrängen, fordern die Demonstrierenden.

Auf den vielen Schildern, die die Leute bei der Kundgebung hochhalten, steht unter anderem: „Wir wollen hier alt werden“, „Wo sind Oma und Opa?“, „Greetsiel für Mehrgenerationen“, „Senioren werden abgeschoben, nicht mit uns“ und „Betreutes Wohnen anstatt Massentourismus“. Unter den Demonstrierenden sind nicht nur Menschen nahe dem oder im Seniorenalter. Auch viele Leute im mittleren Alter, junge Menschen und Kinder nehmen an der Kundgebung teil. Ein klares Zeichen dafür, dass das Thema alle auf die ein oder andere Weise trifft.

Durch den Ortskern von Greetsiel zieht die Kundgebung.
Durch den Ortskern von Greetsiel zieht die Kundgebung.

Senioren seien unter Vorwand abgeschoben worden

Alfred Jacobsen, SPD-Gemeinderatsherr und Organisator der Kundgebung, spricht in seiner Rede insbesondere über die unmöglich Art, wie die Bewohnerinnen und Bewohner des Seniorenheims vom Betreiber ausquartiert wurden. Gunnar Sander, einer der Eigentümer des ehemaligen Pflegeheims, habe die Senioren mit der Aussage, dass das Greetsieler Heim saniert werden müsse, in andere Heime seines Unternehmens verteilt.

Am mittlerweile leerstehenden "Seniorenhuus" ist schon ein Banner angebracht, auf dem zu lesen ist: "Hier entstehen 32 Ferienwohnungen zwischen 50 m² und 110m²". Das aber wollen Greetsieler verhindern.
Am mittlerweile leerstehenden "Seniorenhuus" ist schon ein Banner angebracht, auf dem zu lesen ist: "Hier entstehen 32 Ferienwohnungen zwischen 50 m² und 110m²". Das aber wollen Greetsieler verhindern.
Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos) und SPD-Ratsherr Alfred Jacobsen sprechen sich bei der Kundgebung klar gegen noch mehr Ferienwohnungen für Greetsiel aus.
Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos) und SPD-Ratsherr Alfred Jacobsen sprechen sich bei der Kundgebung klar gegen noch mehr Ferienwohnungen für Greetsiel aus.

Als aus der Sanierung nichts wurde, durften die Leute nicht zurück. Es könne nicht sein, dass ein „so wertvolles Heim verschwindet“, sagt Jacobsen. Mit den geplanten 32 Ferienwohnungen werde Greetsiel „etwas aufgedrückt, was es nicht mehr verkraften kann. Greetsiel ist zu klein“, betont er. Die Zeit dränge, man werde aber alles versuchen, um die Pläne des Investors zu verhindern, so Jacobsen.

"Senioren werden abgeschoben, nicht mit uns" steht auf vielen Schildern.
"Senioren werden abgeschoben, nicht mit uns" steht auf vielen Schildern.

Viel kann die Gemeinde nicht gegen Pläne tun

Auch Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos) spricht sich klar gegen das Vorhaben aus. Man wolle an diesem Sonntag gemeinsam ein Zeichen setzen dafür, dass man enttäuscht, traurig und wütend darüber sei, dass das Seniorenheim mitten in Greetsiel geschlossen wurde. „Und dass wir das nicht kampflos hinnehmen wollen“, so Looden. Es falle schwer, zu glauben, dass dem Betreiber nicht von Anfang an klar gewesen sei, dass es kein Zurück für die Bewohner geben würde.

Jung und Alt demonstriert zusammen.
Jung und Alt demonstriert zusammen.

„Wir brauchen in Greetsiel vieles, aber weitere Ferienwohnungen brauchen wir sicher nicht“, so die Bürgermeisterin. „Das Zeichen, das wir heute setzen wollen, ist aber auch: Wir wollen uns einbringen. Wir wollen uns an der Suche nach einer Lösung, die für Herrn Sander wirtschaftlich machbar und für Greetsiel verträglich ist, beteiligen.“ Sie habe genau wie andere Gemeindevertreter in den vergangenen Tagen viele Gespräche geführt und Informationen zu Alternativen eingeholt. Es sei ihnen aus der Seniorenheim-Branche zurück gespiegelt worden, dass aktuell viele in der Krise seien. Das Haus in Greetsiel sei zu groß und das auch wohl von Anfang an.

Für Hiltrud Tepper (von links), Jutta und Catharina Brodowski ist es eine Selbstverständlichkeit, bei der Kundgebung mitzulaufen.
Für Hiltrud Tepper (von links), Jutta und Catharina Brodowski ist es eine Selbstverständlichkeit, bei der Kundgebung mitzulaufen.

Am Montag gibt es ein Gespräch mit Betreiber

Auch sie wünsche sich, dass das Seniorenheim so weiterbetrieben werde wie bisher, aber: „Realistisch wird das in der Form wohl nicht möglich sein“, räumt Looden ein. Dass die Gemeinde das Haus kauft, womöglich auch noch überteuert, und es saniert, „ist – das muss ich ganz ehrlich sagen – für mich keine Option“. Es sei ihnen auch von allen, mit denen sie darüber gesprochen haben, davon „dringend abgeraten“ worden. Drei Betreiber hätten bislang das „Seniorenhuus“ nicht wirtschaftlich führen können, angefangen mit der Kirche, die das Heim nach kurzer Zeit an private Hände übergeben habe.

Viele Gäste sind am Sonntagvormittag in Greetsiel und haken zur Kundgebung nach.
Viele Gäste sind am Sonntagvormittag in Greetsiel und haken zur Kundgebung nach.

Was kann die Gemeinde dann tun? Nicht viel. Die Entscheidungsgewalt liege am Ende bei Sander. Genehmigungen, die rechtlich nicht zu beanstanden seien, müssten ihm auch erteilt werden. Man könne ihm nur Vorschläge machen. An diesem Montag stehe für sie ein Gespräch mit ihm und der Touristik in Greetsiel an. Danach werde sie „gerne berichten“.

"Wir wollen hier alt werden": Bei der Kundgebung sind auch viele Menschen nahe dem oder im Rentenalter, die sich für seniorengerechtes Wohnen in Greetsiel einsetzen.
"Wir wollen hier alt werden": Bei der Kundgebung sind auch viele Menschen nahe dem oder im Rentenalter, die sich für seniorengerechtes Wohnen in Greetsiel einsetzen.

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