Mehr Kinder in Obhut Jugendhilfe im Kreis Leer am Limit
Das Leeraner Jugendamt nimmt seit 2022 so viele Kinder und Jugendliche in amtliche Obhut wie nie zuvor. Tendenz: steigend. Unbegleitet einreisende minderjährige Flüchtlinge spielen eine große Rolle.
Kreis Leer - „Immer mehr junge Eltern sind heute mit der Betreuung ihrer Kinder überfordert, geraten eher an ihre Grenzen. Manche Eltern erkennen das selbst. Andere nicht. Da meldet sich dann durchaus das wachsame Umfeld.“ So erklärt Grete Stedler vom ostfriesischen Verein der Adoptiv- und Pflegeeltern Gründe für die deutlich zunehmenden amtlichen Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen. Im Kreis Leer steigt die Zahl gefährdeter Minderjähriger ganz besonders drastisch – von 64 Fällen vor zwei Jahren auf voraussichtlich mehr als 150 in diesem Jahr. Das wiederum bringt das Jugendamt in mehrerlei Hinsicht an seine Grenzen. Zwar teilt die Kreisverwaltung auf Nachfrage mit: „Zum Schutz von Kindern und Jugendlichen wurde bisher immer eine Lösung gefunden.“ Aber der Spielraum für das meist sehr kurzfristige Unterbringen von Kindern und Jugendlichen, die das Jugendamt zu ihrem Schutz in Obhut nimmt, wird kleiner.
Inobhutnahme
Was hinter dem sperrig klingenden Wort „Inobhutnahme“ in Bezug auf Kinder und Jugendliche steckt, ist in Paragraf 42 des Sozialgesetzbuches festgelegt. Dort heißt es unter anderem: Das Jugendamt ist berechtigt und verpflichtet, ein Kind oder einen Jugendlichen in seine Obhut zu nehmen, wenn
2022 hatte sich im Leeraner Kreisgebiet die Zahl der Inobhutnahmen (136) im Vergleich zum Jahr davor erstmals mehr als verdoppelt. Und in diesem Jahr sind es bisher abermals schon mehr als 100. Rund die Hälfte der in Obhut genommenen Kinder und Jugendlichen sind ohne Erziehungsberechtigte eingereiste Flüchtlinge, die bundesweit auf die Landkreise verteilt werden. Aber auch die Zahl der zu schützenden Kinder und Jugendlichen, die im Leeraner Kreisgebiet ansässig sind, ist so hoch wie noch nie und steigt von Jahr zu Jahr. Die häufigsten Gründe, die Jungen und Mädchen aus ihren Familien zu nehmen, sind nach Angaben der Kreisverwaltung Überforderung und Beziehungsprobleme der Eltern, Vernachlässigung und körperliche oder psychische Misshandlung der Kinder, Straffälligkeit sowie Integrationsprobleme der Kinder im Heim oder der Pflegefamilie, Schul- und Ausbildungsprobleme, Suchtprobleme der Kinder und Jugendlichen sowie sexuelle Gewalt gegen die Kinder.
Bereitschafts-Pflegefamilien sind ausgelastet
Die betroffenen Minderjährigen werden laut Kreisverwaltung in 40 zur Verfügung stehenden Bereitschafts-Pflegefamilien, in zwei Inobhutnahmeplätzen für Jugendliche ab 15 Jahren oder in vier Kriseninterventionsplätzen für Kinder bis 14 Jahre aufgenommen. Weil die für solche Fälle verfügbaren Bereitschafts-Pflegefamilien ausgelastet sind, quartiert das Jugendamt Leer die Jungen und Mädchen inzwischen auch bei deren Verwandten und Bekannten sowie in freien Jugendhilfe-Einrichtungen wie dem Leinerstift (Hauptsitz Großefehn) ein. „In der Regel können alle Kinder und Jugendliche, die in Obhut genommen werden müssen oder selbst um diese bitten, untergebracht werden“, heißt es aus dem Kreishaus. Immer häufiger müssten jedoch „reguläre“ Jugendhilfeplätze von freien Trägern der Jugendhilfe zusätzlich in Anspruch genommen werden. Ziel des Jugendamtes Leer sei es deshalb, jetzt noch mehr Bereitschaftsfamilien zu generieren.
Das deckt sich mit dem Bestreben des in Großefehn ansässigen Vereins der Adoptiv- und Pflegeeltern für Ostfriesland, kurz Apfel. Dessen Vorsitzende Grete Stedler sagt: „Wir sind gerade dabei, unsere ehrenamtlichen Aktivitäten, die sich bisher hauptsächlich auf den Kreis Aurich beschränkten, gleichermaßen im Kreis Leer zu intensivieren.“ Der Informations- und Erfahrungsaustausch unter den Pflege- und Adoptiveltern solle auch hier forciert werden, kündigt sie an, verweist Interessierte auf die Vereins-Homepage (www.apfel-ev.de) und unterstreicht: „Wir sind mit 90 Familien der mitgliederstärkste Pflegefamilienverein in Niedersachsen.“ Das Jugendamt akquiriere potenzielle Pflegeeltern, mache mit ihnen Vorbereitungskurse, setze sie auf eine Bewerberliste und könne dann im Bedarfsfall auf sie zurückgreifen. Die Apfel-Mitglieder hingegen stünden den Pflegefamilien außerhalb des Jugendamtes mit ihrer Erfahrung und Rat zur Seite, so Stedler.
Beim Leeraner Jugendamt kneift es derweil auch noch personell: Während die Fallzahlen bei den Inobhutnahmen steigen, ist nach Angaben des Landkreises Leer gleichzeitig der Fachkräftemangel in der freien und öffentlichen Jugendhilfe angekommen und spürbar. Unbesetzte Stellen (zum Beispiel wegen Mutterschutz oder Elternzeit) könnten nicht selten erst nach mehrfachen Ausschreibungen besetzt werden. Die Belastungen in den Jugendämtern und bei den freien Trägern von Jugendhilfeeinrichtungen seien hoch und die Anforderungen an das Personal vielfältig. Seit Monatsbeginn checkt deshalb beim Kreisjugendamt eine externe Beratungsfirma die Arbeitsprozesse und den Personaleinsatz.