Berlin  Heinz Strunk: Bei ARD und ZDF nimmt Diversität religiöse Ausmaße an

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 12.09.2023 17:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Heinz Strunk in seiner Hamburger Wohnung. Foto: picture alliance/dpa
Heinz Strunk in seiner Hamburger Wohnung. Foto: picture alliance/dpa
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Mit der Amazon-Serie „Last Exit Schinkenstraße“ zieht Heinz Strunk die Bilanz seiner Jahrzehnte im Humor-Geschäft. Bei ARD und ZDF, sagt der Autor, wäre das Format nie umgesetzt worden – wegen mangelnder Diversität.

Links von Heinz Strunk steht ein Deko-Globus voller Schnapsflaschen, rechts ein Ständer mit einer enormen Auswahl an Pilotenbrillen: Wir sind im Hamburger Wohnzimmer des Humoristen. Hier spricht der 61-Jährige über seinen Arbeitsalltag, der morgens mit Schlagerfernsehen beginnt und am Abend mit Alkohol ausklingt. In der Zeit dazwischen schreibt Strunk ein Werk nach dem anderen – zuletzt ein Bilderbuch über Käse („Die Käsis“) und die Amazon-Serie „Last Exit Schinkenstraße“. 

Frage: Herr Strunk, Alkoholismus spielt in Ihrem Werk eine große Rolle. Sind Sie selbst gefährdet?

Antwort: Jeder Autor bedient sich in seinem Privatleben, und Alkohol ist seit Jahrzehnten integraler Bestandteil von meinem. Mit 61 Jahren darf ich aber sagen, dass ich es halbwegs im Griff habe. Bei meinen Süchten habe ich immer eine Grenze gefunden, wenn es destruktiv wurde. Ich trinke total gerne und wahrscheinlich würde auch jeder Arzt sagen: zu viel. Aber das interessiert mich nicht.

Frage: Wie trinken Sie?

Antwort: Abends. Ich trinke lieber allein, weil ich mich dann besser auf die Wirkung konzentrieren kann. Wenn ich am Ende eines arbeitsreichen Schreibtages nüchtern bleiben müsste, fände ich das wirklich langweilig. Also koche ich oder ich setze mich auf die Dachterrasse oder auf das Sofa, auf dem Sie gerade sitzen. Dann mache ich den Fernseher an, trinke was und löse die gleißende Nüchternheit des Tages mit so einem Glimmer ab.

Frage: Alkohol war für viele Schriftsteller ein Thema …

Antwort: Aber für die Kreativität zu trinken, funktioniert nicht. Das ist ein Märchen. Ich wüsste niemanden, der unter Drogen- oder Alkoholeinfluss als Künstler besser geworden wäre. Eigentlich fällt mir nicht mal jemand ein, der mit Alkohol auch nur was zustande bringt.

Frage: Für Ihre Kreativität spielt der Rausch der anderen eine Rolle. Im Roman „Ein Sommer in Niendorf“ bestehen ganze Kapitel aus den Schnacks von Stammgästen einer Säuferkneipe.

Antwort: Da kann ich Ihnen was verraten: In Lübeck gab es in den 90ern die Kneipe Hilmar, in der ich oft mit meiner Freundin saß. Die Gespräche in der Kneipe habe ich aufgezeichnet und eins zu eins in „Niendorf” verwendet. Das Tonband ist ungefähr 20 Minuten lang, etwa die Hälfte habe ich verwendet. Es ist nichts erfunden. Die Leute hießen sogar so: Hardy, Mike und Frank.

Frage: Durch solche Spelunken sind Sie mit Ihrer Freundin gezogen?

Antwort: In angesagte Discos habe ich mich nie reingetraut. Das Hilmar war auch witziger.

Frage: Bis Ende des Jahres soll Cannabis legal sein. Eignen sich Kiffergespräche für die Literarisierung?

Antwort: Ich habe nicht die geringste Ahnung – weil ich selber nach einer sehr unangenehmen Cannabis-Psychose nichts mehr angerührt habe. Kein Hasch, kein Kokain, keine Opiate. Mit 18 Jahren hat mich das Kiffen wirklich in eine schwere Schieflage gebracht, und das dann über Jahre.

Frage: Dann sehen Sie die Legalisierung skeptisch?

Antwort: Ja, schon weil der THC-Anteil der heutigen Züchtungen nicht mehr mit den 70ern vergleichbar ist. Hasch ist heute viel stärker. Ich habe die Folgen bei Kindern von Freunden beobachtet. Zwei sind richtig abgeschmiert, einer noch viel schlimmer als ich damals. Der ist jetzt dreißig und seit zehn Jahren fertig mit dem Leben. Für ein profundes Urteil fehlen mir Informationen, aber toll finde ich eine Cannabis-Legalisierung nicht.

Frage: Wie hat Ihre Psychose denn ausgesehen? Hatten Sie Wahnvorstellungen?

Antwort: Ich hatte das Gefühl, verrückt geworden zu sein. Vielleicht 24 Stunden war ich richtig weggetreten; danach blieben mir stärkste Ängste, die mich über Jahre begleitet haben. Das wirkt bis heute nach.

Frage: Statt zu Hause könnten Sie auch in dem Restaurant trinken, in das Sie sich gerade eingekauft haben. Warum treffen wir uns trotzdem in Ihrem Wohnzimmer – statt bei feiner französischer Küche?

Antwort: Aus reinen Bequemlichkeitsgründen. Freunde von mir finden es auch befremdlich, dass ich Interviews bei mir zu Hause gebe. Aber ich habe nichts zu verbergen und bin hoffentlich einigermaßen geschmackvoll eingerichtet.

Frage: Wieso der Gang in die Gastronomie?

Antwort: Mit dem Betreiber Alvaro Piña habe ich vor fünf Jahren schon mal ein Restaurant aufgezogen – wobei ich damals nur Geldgeber war. Das ist an die Wand gefahren; ich habe 106.000 Euro verloren. Damit war das Thema für mich erstmal abgeschlossen. Aber seit zwölf Jahren betreibt Alvaro sehr erfolgreich einen zweiten Laden. Als seine Freundin ausgestiegen ist, wurden 50 Prozent der Anteile frei. Die habe ich übernommen.

Frage: Und weil der Laden funktioniert, ist es diesmal kein Risikoinvestment?

Antwort: So sehe ich das sowieso nicht. Gastronomie betreibt man als Hobby. Wer investieren will, muss Aktien kaufen.

Frage: Sie haben mehrere neue Projekte im Angebot. Eins ist das Bilderbuch „Die Käsis”. Wieso sind Ihre Helden gerade ein Trüffel-Parmesan und ein Billigkäse – und nicht Würstchen oder Gurken?

Antwort: Die Wurstis kommen nicht infrage; Wurst ist heute nicht mehr cool. Und seit „Fleisch ist mein Gemüse” werde ich sowieso schon ständig darauf festgelegt. Bei Gurkis fehlt mir die Vielfalt. Käsis sind einfach süß und lustig.

Frage: Sie schildern auch einen Käseschurken mit dem Namen Beef Jezos. Wollten Sie da Ihr Gewissen beruhigen, weil Sie für Ihr anderes aktuelles Projekt mit Amazon-Chef Jeff Bezos gemeinsame Sachen machen – für die Serie „Last Exit Schinkenstraße”?

Antwort: Da muss ich vorsichtig antworten. Jeff Bezos ist mein Arbeitgeber und als wir auf Mallorca gedreht haben, kreiste seine Jacht immer in Sichtweite herum. Ich musste mir aber nichts von der Seele schreiben. Im Käsebuch wird Beef Jezos am Ende in seiner eigenen Rakete ins All geschossen. Also brauchte ich für die Anspielung einen Milliardär, der Raketen baut. Es hätte auch Elon Musk sein können.

Frage: Für die Serie „Last Exit Schinkenstraße” haben Sie ganz tolle Party-Schlager geschrieben. „Liebesdöner” zum Beispiel. Oder: „Man soll nicht lecken, bevor es tropft”. Werden das die nächsten Sommerhits?

Antwort: Dann würde ein Jugendtraum wahr werden. Aber abwarten. Für einen Hit reicht es nicht, dass mein Publikum den Song mag. Das muss auch vom Ballermann-Publikum angenommen werden; und vor solchen Fans haben wir es noch nicht ausprobiert. In der Serie spielen wir die Songs nur vor spanischen Statisten. Die verstehen kein Wort und jubeln bloß, weil sie müssen.

Frage: Was für Leute sitzen denn in Ihren eigenen Veranstaltungen?

Antwort: Mein Publikum ist höflich, freundlich, gut gekleidet und gemessen an meinem eigenen Lebensalter ziemlich jung.

Frage: Als Gaststar taucht in der Serie der echte Ballermann-Entertainer Mickie Krause auf und klaut Ihre Songs. Nimmt er den „Liebesdöner” auch im wirklichen Leben ins Repertoire auf?

Antwort: Da sträubt er sich. Meine Texte sind ihm zu kompliziert; er findet das alles ganz untypisch und sagt, da sind viel zu viel Worte drin. Mickie Krause sieht meine Songs nicht als potenziellen Hit.

Frage: Was stimmt denn nicht? Die Songs sind lustig, zotig und so erbarmungslos gereimt, dass man auch betrunken textsicher mitsingt.

Antwort: Versucht hatten wir etwas, das allen gefällt. Den Ballermann-Leuten, weil sie ihre Fäkalsprache darin wiederfinden. Und dem Feuilleton, weil es trotzdem witzig ist. Natürlich hätte ich das auch von echten Ballermann-Produzenten schreiben lassen können. Aber es soll ja gut sein. Die Serie ist mein ureigenstes Projekt, das Resultat von 30 Jahren an der Humorfront. Und echte Ballermann-Hits sind sprachlich beschämend schlicht. Sowas wie „Layla” oder „Bumsbar” hat bei uns keinen Platz.

Frage: Schlager werden neuerdings ernst genommen. Wenn Politiker bei „Layla” mitschunkeln, folgt die Sexismus-Debatte. Als Roland Kaiser einen alten Udo-Jürgens-Song gesungen hat, in dem das Wort „Mohrenkopf” vorkommt, gab es sogar eine Stellungnahme der ARD.

Antwort: Als älterer, weißer Mann sollte man sich dazu möglichst nicht äußern. Aber diese Debatte um „Layla” fand ich schon einigermaßen albern. Wenn man die frühen Mickie-Krause-Songs daneben hält … Die Diskussion ist sowas von öde. Aber wenn die Leute sonst nichts haben, womit sie sich beschäftigen können. Und der „Mohrenkopf” – ach, was weiß ich. Es gibt ja auch die Debatte, ob man die Bücher von Astrid Lindgren auf Stand der Political Correctness bringen soll. Ich finde das nicht richtig. Und weil Sie gerade die ARD erwähnt haben: Unsere schöne „Schinkenstraße” wäre bei ARD und ZDF in 1000 Jahren nicht produziert worden.

Frage: Eckt der Stoff bei öffentlich-rechtlichen Redaktionen an?

Antwort: Ein kompletter Ausschlussgrund wäre allein schon der Umstand, dass die Hauptrollen zwei ältere, weiße Herren spielen. Wir sind nicht divers. Wir haben nicht die nötigen Quotenbesetzungen vorgenommen. Bei den Öffentlich-Rechtlichen nimmt das schon religiöse Ausmaße an. Da kann man froh sein, dass das bei Amazon keine Rolle gespielt hat.

Frage: Sie lieben den Schlager der 60er und 70er. Waren die Songs damals musikalisch besser als heute?

Antwort: Die Schöpfungshöhe war deutlich höher. Mitte der 60er bis Anfang der 80er hatte der deutsche Schlager seine Blütezeit. Da waren richtig anspruchsvolle Sachen dabei. Hören Sie sich mal an, wie Marianne Rosenbergs Songs arrangiert waren. Das waren Meisterwerke.

Frage: Haben Sie diese Lieder auch gespielt, als Sie am Beginn Ihrer Karriere mit einer Tanzband über die Dörfer getourt sind?

Antwort: Ja, das alles. „Wenn i mit dir tanz” von Nicki, ein Chris-Roberts-Medley und viel Marius Müller-Westernhagen – der war der Renner auf den Landjugend-Bällen.

Frage: Schlager werden gern als zynisches Geschäft belächelt; gleichzeitig haben Schlagerstars für viele Fans eine wichtige soziale Funktion.

Antwort: Stimmt. Wenn DJ Bobo auftritt, hat man das Gefühl, Jesus Christus ruft die Notleidenden und Gebrochenen zusammen. Ich war mal auf einem Konzert von Howard Carpendale. Da treffen sich – ganz wertfrei gesprochen – die Armen und Geplagten. Für zwei Stunden tauchen sie in die heile Welt des Schlagers ein. Ich glaube auch, dass das wichtig ist. Und je schlichter, desto besser.

Frage: Die zynische Seite sehen Sie also nicht?

Antwort: Nicht beim Schlager, aber bei allem, was man allgemein als Neue Deutsche Songpoeten bezeichnet: Musiker, die so tun, als sei ihre Musik was Besseres als Schlager. Das löst bei mir richtigen Ekel aus. In dem Zusammenhang: Kennen Sie die Schlagersender, die es jetzt im Angebot von MagentaTV gibt?

Frage: Ist das etwa Ihr Programm, wenn Sie abends eine gute Flasche öffnen? Kenne ich nicht, was ist das?

Antwort: Das sind so sechs, sieben neue Sender – wie VIVA, nur für Schlager. Da laufen die alle rauf und runter: Duo Fantasy, Fernando Express, die Amigos – und sogar die Tochter von einem der Amigos: Daniela Alfinito – ein klangvoller Name. Das gucke ich aber nicht abends. Das mache ich mir morgens an. Zum Kaffee.

Frage: Ihre Bücher werfen einen ungeschönten Blick auf Niedergang und Verfall. Werden Sie sich mit den Jahren selbst unangenehmer?

Antwort: Eigentlich nicht. Bei mir hängt das stark mit meinem Gewicht zusammen. Der Stoffwechsel wird ja nicht schneller. Im Moment bin ich mal wieder unzufrieden; ab und an mache ich Heilfasten. Aber unangenehm bin ich mir nicht. Bei den Büchern wird mir das Abstoßende gelegentlich vorgeworfen.

Frage: Was antworten Sie?

Antwort: Da antworte ich: Schönheit ist die Ausnahme. Ich untertreibe. Verbringen Sie mal einen Tag an der Autobahnraststätte und gucken Sie die Leute an. Ich traue mich gar nicht mehr, das zu beschreiben, sonst heißt es wieder: Strunk, der Menschenfeind.

Frage: Was halten Sie von der Redewendung „in Würde altern”? Fällt Ihnen da ein Beispiel ein?

Antwort: Von Philip Roth gibt es die Formulierung: „Alter ist ein Massaker”. Das halte ich für übertrieben. Ein gutes Gegenbeispiel ist der sehr humorlose, aber auch sehr agile Reinhold Messner. Der hat immer noch die Kondition eines Zwanzigjährigen. Das finde ich beeindruckend.

Frage: In Würde altern heißt für Sie also: am besten gar nicht altern.

Antwort: Im Grunde schon. In welchem Zustand man altert, hat man selbst in der Hand. Man muss weder fett werden noch krumm und schief. Man kann Sport treiben, Yoga, Gymnastik – es gibt viele Möglichkeiten, dem vollkommenen Niedergang vorzubeugen.

Frage: Gibt es einen Punkt in Ihrem Leben, ab dem Sie sich selbst alt gefühlt haben?

Antwort: Eigentlich nicht. Natürlich ertappe ich mich immer wieder mal bei unangenehmen Spießigkeiten. Bei den wichtigen Sachen wähne ich mich aber auf der richtigen Seite. Walter Kempowski hat das so auf den Punkt gebracht: „Ich kann nicht fassen, dass jemand anderer Meinung ist als ich.” So geht es mir auch. Was cool ist und was uncool, weiß ich schon deshalb, weil ich Humor mache. Da muss man genau sein. Eine falsche Vokabel und alles kippt. Bei mir passiert das nie. Deshalb vertrete ich die These: Wo ich bin, ist modern.

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