Oldenburg Filmfest Oldenburg: So tickt der Mann, der Nicolas Cage nach Norddeutschland holte
Zum Start des 30. Internationalen Filmfests Oldenburg blickt Festivalleiter Torsten Neumann auf die bewegte Vergangenheit von drei Dekaden zurück – und gewährt einen Blick hinter die Kulissen.
Ob man nach 30 Jahren noch Bock hat? „Wenn es läuft, weiß man, warum man es macht. So einfach ist das“, sagt Torsten Neumann (58). 1994 hat er – gemeinsam mit Thorsten Ritter – das Internationale Filmfest Oldenburg gegründet. Ein Festival, das sich voll und ganz am Mainstream vorbei dem Independent-Kino verschrieben hat. Vom 13. bis zum 17. September wird nun die 30. Auflage zelebriert.
Die beiden T(h)orstens kannten sich aus der Schulzeit. Ritter schrieb für ein Oldenburger Stadtmagazin und hatte 1993 den Auftrag, über die Berlinale zu berichten. Da Neumann zu der Zeit in Berlin wohnte, quartierte Ritter sich bei ihm ein und beide besuchten gemeinsam das Festival.
Dort hatten sie dann Interviews mit unerreichbar scheinenden Größen wie Filmemacher Spike Lee führen können. Schlüsselerlebnisse waren auch Filmpartys, auf denen man sich offen mit Filmemachern austauschen konnte. Der Filmvirus war nicht mehr aufzuhalten. Nach einem weiteren Festivalbesuch in München, wo sie viele Indie-Filmemacher aus New York kennenlernten, saßen die beiden gemeinsam im Auto und sagten sich: „So! Jetzt machen wir auch so ein Festival in Oldenburg. Wir wissen nun, wie es geht“, erzählt Neumann ironisch lachend ob der damaligen Naivität.
Die unbefangene Herangehensweise sollte sich dennoch auszahlen: Schon sehr früh konnte das Festival mit bekannten Namen aufwarten; bereits im zweiten Jahr – 1995 – war etwa Regisseur und Schauspieler Frank Oz zu Gast (auch bekannt als Puppenspieler und Stimme etwa von Yoda oder Miss Piggy). Wie Neumann das geschafft hat, fragt er sich nachträglich selbst. In den 90ern sei mehr möglich gewesen. „Am Anfang haben wir uns gesagt: Wir werden nicht versuchen, von unten loszulegen und dann so nach oben schauen, was so geht. Sondern: Wir fangen von oben an und norden uns langsam nach unten ein.“
Im ersten Jahr haben sie etwa Robert De Niro angefragt. „Das war natürlich absurd – aber wenn ich zurückschaue, war das keine schlechte Art“, merkt der Festivalleiter an. Und dann klappt plötzlich so etwas wie Frank Oz oder 1997 Matthew Modine („Full Metall Jacket“). „Als der zugesagt hatte, hatten wir uns einen Brandy besorgt, eine Zigarre angezündet und gesagt: Oh ja – jetzt sind wir angekommen.“
Im Laufe der Zeit erarbeitete sich das Festival eine weltweite Reputation mit starker Strahlkraft auch auf namenhafte Filmschaffende. 2016 gab es für die beschauliche Stadt Oldenburg dann den Ausnahmezustand, als tatsächlich Hollywoodstar Nicolas Cage das Festival besuchte. Neumann betont, dass Cage zwar das Studiosystem erobert hat, aber gleichzeitig das Independent-Kino mit Werken wie etwa „Leaving Las Vegas“ oder „Wild At Heart“ ausfüllt. Neumann bevorzugt Gäste, die richtig schauspielern und nicht nur eine Rolle ausfüllen würden.
„Tom Hanks spielt etwa eine Rolle – das macht er auch richtig gut, aber er wird nie einen Bösewicht spielen, sondern eben immer den charmanten Hanks“, so Neumann. Ziel sei es, Leute fürs Festival zu gewinnen, die nicht in einer einzigen Rolle stecken. Hier nennt er beispielsweise ehemalige Gäste wie Stacy Keach, Amanda Plummer – oder auch Hollywoodschauspielerin Deborah Kara Unger – mit der Neumann seit mehreren Jahren liiert ist.
Weiterlesen: So war der Besuch von Hollywoodstar Nicolas Cage in Oldenburg
Angesprochen auf irre Situationen, die Neumann rückblickend erlebt hat, fällt ihm spontan eine Begebenheit mit dem polnischen Regisseur Andrzej Żuławski ein. Dieser war 2004 für eine Retrospektive zu Gast; unter anderem mit dem Anfang der 80er Jahre gedrehten Film „Possession“. In einem Telefonat vorab habe Żuławski gefordert: „Besorge auf keinen Fall die englisch synchronisierte Version! Die ist Mist; es muss das französische Original mit Untertiteln sein!“ Diese war jedoch nicht aufzutreiben. „Das war damals zu Zeiten von 35-mm-Filmen wesentlich schwieriger als heute.“ Da nur eine französische Version ohne Untertitel gefunden wurde und Neumann hier leere Kinosäle befürchtete, entschied er, doch die englischsprachige Version zu zeigen – ohne Rücksprache.
Zur Filmvorführung erhielt Neumann einen Anruf vom Kinobetreiber: „Du musst unbedingt kommen; Żuławski stampft laut fluchend durchs Kino.“ Der Regisseur hatte Neumann dann vor versammelten Kinobesuchern rund gemacht. „Zu Recht“, wie der Festivalleiter mit Blick auf die nicht erfolgte Rücksprache betont. Es ging dann aber doch versöhnlich aus. Kurz vor der Abschluss-Gala habe Żuławski sich entschuldigt. „Ihr macht das mit ganz viel Herzblut. Wenn ich irgendwas für dich tun kann, dann nenne es“, habe der Regisseur zum Festivalleiter gesagt, der spontan entgegnete: „Das kannst du dann auf der Bühne sagen.“ Darauf gab Żuławski eine rührende Liebeserklärung ans Festival ab.
Thorsten Ritter verließ 1998 das Festival zugunsten einer Stelle bei den Bavaria Filmstudios. Seitdem leitet Neumann das Festival alleine. Die Jagd nach den Filmen habe sich in den letzten Jahren gewandelt. „In früheren Jahren haben wir viel mehr Filme selbst angefragt; nun suchen wir größtenteils aus Einreichungen aus, die wir qualitativ gut finden“, erzählt Neumann. Dies würde auch für die gestiegene Festivalreputation sprechen.
Ans Aufhören denkt Neumann noch lange nicht. Früher habe er nicht wie Heinz Badewitz enden wollen. Badewitz gilt als legendärer Festivalleiter, der 49 Jahre die Internationalen Hofer Filmtage leitete und kurz vorm 50. Jubiläum mitten in einer Filmvorführung am Herzinfarkt starb. Nun kann Torsten Neumann sich nichts anderes vorstellen: Film als Kunstform, die in einem großen, dunklen Saal von mehreren Menschen gemeinsam erlebt wird.