Köln  Rekord-Zuwanderung: Nicht alle Geflüchteten für Arbeitsmarkt geeignet

Jule Pinno
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Von Jule Pinno
| 14.09.2023 06:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
2022 zogen ungefähr 1,46 Millionen Personen nach Deutschland. Foto: picture alliance/dpa | Michael Matthey
2022 zogen ungefähr 1,46 Millionen Personen nach Deutschland. Foto: picture alliance/dpa | Michael Matthey
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2022 verzeichnete Deutschland eine Rekord-Zuwanderung. Aus Arbeitsmarktsicht müsste Deutschland explizit Fachkräfte aus dem Ausland anwerben und die Fluchtmigration begrenzen. Ein Überblick.

Deutschland verzeichnete 2022 eine Rekord-Zuwanderung. Grund dafür war unter anderem der Angriffskrieg von Russland gegen die Ukraine. Aber auch aus anderen Ländern kamen deutlich mehr Zuwanderer als die Jahre zuvor. Bei der Migration aus EU-Ländern ist hingegen ein Rückgang zu verzeichnen. Das wirkt sich auch auf die Anwerbung von Fachkräften aus.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) untersuchte in einer neuen Studie genau diese Sachverhalte. Laut der Studie steht Deutschland „vor der großen Herausforderung, dass es aus ökonomischer Sicht einige Zuwanderungsformen sehr gezielt fördern und gleichzeitig an anderer Stelle eher restriktiv vorgehen sollte.“

2022 hatte Deutschland eine Nettozuwanderung von 1,46 Millionen Menschen. Das bedeutet, dass 2,67 Millionen Menschen nach Deutschland zogen, während 1,2 Millionen wegzogen. Somit erreicht die Zuwanderung einen neuen Rekord und übertrifft 2015. Grund dafür sind vorrangig die 960.000 Geflüchteten aus der Ukraine, die kein Asylverfahren durchlaufen müssen. Aus anderen Ländern wurden 218.000 Erstanträge auf Asyl gestellt.

Die zweitstärkste Zuwanderung erfolgte aus Syrien mit 68.000 Personen, gefolgt von Afghanistan mit 55.000 Personen an dritter Stelle. Insgesamt ergeben sich aus den acht Hauptasylherkunftsländern – Afghanistan, Eritrea, Iran, Irak, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien – eine Nettozuwanderung von rund 149.000 Personen.

Die viertstärkste Zuwanderung erfolgte aus der Türkei mit etwa 49.000 Personen, gefolgt von Indien mit 38.000 Personen. Auf dem sechsten Platz befindet sich das Westbalkanland Rumänien mit 35.000 Personen. Im Gesamtbild ergibt sich für die neuen EU-Mitgliedsländer eine Nettozuwanderung von ausländischen Staatsangehörigen von 78.000 Personen.

Geflüchtete treten häufig mit Verzögerung oder manchmal gar nicht in den Arbeitsmarkt ein. Dies liegt unter anderem daran, dass sie zunächst die deutsche Sprache erlernen, Qualifikationen erwerben müssen oder nicht berechtigt sind zu arbeiten. Dies kann an der Unterbringung oder dem Aufenthaltsstatus liegen.

Betrachtet man alle acht Herkunftsländer für Asylbewerber, war „die Beschäftigungsquote mit 35,5 Prozent etwas höher und der Anteil der erwerbsfähigen Leistungsbezieher mit 40,0 Prozent deutlich niedriger“, schreibt die Studie.

Oftmals wird geflüchteten Menschen die Integration auf dem Arbeitsmarkt erschwert. Migranten dürfen keinen Beruf, Praktikum, Ausbildung oder ähnliches ausüben, wenn sie sich innerhalb einer Wartefrist befinden. Diese Wartefrist endet meist nach drei Monaten. Ausgenommen davon sind Ukrainer, da sie kein Asylverfahren durchlaufen müssen.

Ab dem vierten Monat haben sie aber nur einen „abgestuften Zugang zum Arbeitsmarkt und zu bestimmten Beschäftigungen“, schreibt der Caritasverband für das Bistum Aachen. Jeglicher Art von Beschäftigung können geflüchtete Menschen erst nach vier Jahren nachgehen.

Flüchtlinge, die in einer sogenannten Aufnahmeeinrichtung wohnen, haben auch ein Arbeitsverbot. Dies kann bis zu 18 Monate andauern. Menschen aus einem sicheren Herkunftsland, die einen Asylantrag nach 2015 gestellt haben, ist es ebenso nicht gestattet zu arbeiten, so die Arbeitsagentur für Arbeit. Als sichere Herkunftsstaaten gelten: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Ghana, Kosovo, Nordmazedonien, Montenegro, Senegal und Serbien.

Die Zuwanderung aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten und den Westbalkanländern war 2022 mit 78.000 und 65.000 Personen ebenfalls sehr hoch. Laut der Studie gelingt es diesen Menschen oftmals „sich am deutschen Arbeitsmarkt gut zu integrieren, sodass sie auch in substanziellem Maß zur Stabilisierung der öffentlichen Haushalte beitragen.“

Der demografische Wandel in den neuen EU-Mitgliedsstaaten und Westbalkanländern hat nicht nur Auswirkungen auf die zukünftigen Möglichkeiten der Migration, sondern stellt den Forschern zufolge auch eine Einschränkung für eine vorrangige Anwerbung von Fachkräften für den deutschen Arbeitsmarkt dar. „Zur Sicherung der Fachkräftebasis“ sollte sich die Zuwanderung auf demografiestarke Staaten aus dem außereuropäischen Bereich konzentrieren.

Seit 2010 ist die Zahl der erwerbsfähigen Hartz-IV- beziehungsweise heutigen Bürgergeld-Bezieher ohne deutschen Pass von 1 Million auf 1,8 Millionen gestiegen. Die Zahl der Bezieher mit einem deutschen Pass reduzierte sich hingegen von 4 auf 2,1 Millionen Euro.

In den vergangenen Jahren habe Deutschland bedeutende Erfolge bei der Zuwanderung aus Indien verzeichnet. Im Jahr 2022 sind etwa 38.000 mehr Menschen aus Indien nach Deutschland gezogen, als das Land verlassen haben. 56,5 Prozent der Personen mit indischer Staatsangehörigkeit übten im September 2022 eine Tätigkeit aus, die einen Hochschul- oder Fortbildungsabschluss zum Meister, Techniker oder Fachwirt voraussetzen.

Obwohl auch aus anderen außereuropäischen Ländern wie Ägypten, Indonesien und Kolumbien eine Zuwanderung erfolgte, die im Hinblick auf die Sicherung von Fachkräften und die Stabilisierung der öffentlichen Haushalte vorteilhaft ist, waren es hier deutlich weniger. Die Zuwanderung von Menschen aus Indien ist größtenteils darauf zurückzuführen, dass in diesem Land mehr als ein Sechstel der Weltbevölkerung lebt.

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