Umstrittene Fachtagung in Ihlow  Warum Sexualität in der Kita kein Tabu ist

| | 17.09.2023 14:14 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Regenbogenflagge steht für sexuelle Vielfalt. Foto: Sommer/dpa
Die Regenbogenflagge steht für sexuelle Vielfalt. Foto: Sommer/dpa
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Selten hat eine Fachtagung für Kita-Personal so viel Aufmerksamkeit erregt. In Ihlow wurde am Wochenende über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt gesprochen. Vorausgegangen war ein Shitstorm.

Ihlow - Der Shitstorm war gewaltig. Vor vier Wochen veröffentlichte ein anonymer Nutzer auf Facebook einen Brief an die Eltern von Kindergartenkindern in der Gemeinde Ihlow. Darin wurde auf eine Fachtagung für Erzieherinnen und Erzieher am 15. September hingewiesen, deretwegen die Kindertagesstätten an diesem Tag bereits um 13 Uhr schließen. Stein des Anstoßes war der Titel der Tagung: „Akzeptanz von klein auf! Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der frühkindlichen Inklusionspädagogik“.

Diese Worte lösten bei einigen Facebook-Nutzern offensichtlich wüste Vorstellungen aus, jedenfalls hagelte es digitale Hasskommentare. Hier eine Auswahl: „Absolut krank, so ein Thema in den Kindergarten zu schleppen“, „In Deutschland muss gewaltig aufgeräumt werden“, „Gott sei Dank gab es so einen Schwachsinn nicht in meiner Zeit“, „Ekelhaft ist das“, „Die Menschheit wird untergehen“, „Halbnackte Geschichtenerzähler demnächst auch in deiner Kita“, „Nehmt eure Kinder aus dieser Kita“.

Den Kritikern hätte es nicht gefallen

Wegen der öffentlichen Schelte nahmen Petra Saathoff, Leiterin der Kita „Zwergennest“ in Riepe, und der Landkreis Aurich als Veranstalter der Tagung vorab in einem Pressegespräch Stellung. Sie erklärten, was am 15. und 16. September geplant war: In Workshops sollten Themen der Selbstfindung, der Zuschreibung von traditionellen Familienbildern, aber auch Elternarbeit bei queeren Themen aufgegriffen und fachlich beleuchtet werden. Es gehe nicht um die Sexualisierung von Kindern, sondern um die Sensibilisierung von Erzieherinnen und Erziehern.

Nun ist die Fachtagung im Bürgerhaus am Ihler Meer mit rund 80 Erzieherinnen und Erziehern aus dem Landkreis Aurich vorbei. Sie endete am Sonnabend mit einer öffentlichen Podiumsdiskussion. Diesmal blieb der Shitstorm aus. Die Kritiker waren zu Hause geblieben. Was auf dem Podium diskutiert wurde, hätte ihnen mit Sicherheit nicht gefallen. Die Teilnehmer vertraten selbstbewusst die Haltung, dass gendersensible Pädagogik und psychosexuelle Entwicklung Themen sind, die den Kita-Alltag berühren – ob es den Eltern nun gefällt oder nicht.

„Kinder haben ein Recht auf Information“

Bürgermeister Arno Ulrichs (parteilos) unternahm bei der Begrüßung und auch später per Wortmeldung aus dem Publikum den Versuch, ein gewisses Verständnis für die Kritiker zu wecken: „Nicht alles, was gegen dieses Thema vorgebracht wird, ist falsch.“ Eltern wollten die Deutungshoheit über die Sexualität ihrer Kinder behalten. „Man muss akzeptieren, dass Eltern da empfindlich reagieren.“

Sabine Sundermeyer ist freie Referentin für Genderpädagogik. Foto: Luppen
Sabine Sundermeyer ist freie Referentin für Genderpädagogik. Foto: Luppen

Sabine Sundermeyer, Referentin für Genderpädagogik aus Wedemark (Region Hannover), wies das zurück: Wenn Eltern darauf bestünden, ihr Kind allein zu erziehen, dann dürften sie es nicht in eine außerfamiliäre Betreuung geben. „Wir sind sehr wohl angehalten, sexuelle Bildung mit Kindern zu betreiben“, sagte Sundermeyer. Darinka Herrmann, stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Aurich, sieht es genauso: „Kinder haben ein Recht auf Information. Da können Eltern nicht sagen: ‚Ich will das nicht‘.“

„So was von grottenschlecht aufgeklärt“

Kinder müssten unbefangen Fragen zu sexuellen Themen stellen können, erklärte Sundermeyer. „Dann braucht es eine sachbezogene Antwort und nicht ein ‚Komm, wir gehen schnell zum Mittagessen‘.“ Um angemessen reagieren zu können, müssten Erzieherinnen und Erzieher Souveränität entwickeln und ruhig bleiben. Diese Souveränität habe früheren Generationen gefehlt. „Wie viel Falsches und wie viel Schrott wir in der Schule gelernt haben! Wir sind so was von grottenschlecht aufgeklärt.“

Das sieht Kita-Leiterin Saathoff genauso: „Wir sind die Generation, in der sehr viel Scham in dieses Thema gelegt wurde.“ Wer kein Hintergrundwissen habe, könne im Gespräch nicht klar sein, sondern bleibe schwammig. „Dann ist das zum Scheitern verurteilt. Es geht darum, dass wir fachlich gut aufgestellt sind, um nichts anderes.“

„Wie schwul ist das denn?"

Auch die jüngere Generation kennt schlechte Aufklärung aus der Schule. Janik Daniels aus Emden ist 26 Jahre alt, Sozialarbeiter und Vorsitzender des Queeren Netzwerks Ostfriesland. „In meiner Kindheit und Jugend war es auch noch so“, sagte er. „Alles andere außer heterosexuell kam nicht vor, weder im Kindergarten noch in der Schule.“ Das Wort „schwul“ sei nur als Beleidigung oder Abwertung verwendet worden: „Wie schwul ist das denn?“ „Das kann ja nichts sein, womit ich mich identifizieren möchte“, habe er dann gedacht. „Ich war in meiner Identitätsfindung auf mich allein gestellt.“ Einzig ein Biologielehrer sei ihm in positiver Erinnerung. Der habe einmal in der siebten Klasse im Unterricht unbefangen erklärt, was Homosexualität ist. „Da spürte ich zum ersten Mal Offenheit.“ Er finde es „wunderbar“, so Daniels, dass Fachkräfte heutzutage für dieses Thema sensibilisiert würden. „Das hilft den Kindern ungemein.“ Queere Jugendliche seien gefährdet. Ihre Suizidrate sei extrem hoch.

Janik Daniels ist Vorsitzender des Queeren Netzwerks Ostfriesland. Foto: Luppen
Janik Daniels ist Vorsitzender des Queeren Netzwerks Ostfriesland. Foto: Luppen

Sundermeyer betrachtet Sexualpädagogik auch als Teil der Prävention gegen Missbrauch. Pädagogen müssten unterscheiden können: Was ist altersgemäße sexuelle Entwicklung und was nicht? „Um zu erkennen, wo man in den roten Bereich kommt, muss man den grünen Bereich erst mal kennen.“ Sie ging auf den Unterschied zwischen kindlicher und erwachsener Sexualität ein: „Kindliche Sexualität ist spontan, egozentrisch und hat was mit Wohlfühlen zu tun.“ Kinder empfänden Sexualität nicht als Sexualität. „Kinder sind unbefangen. Sie berühren sich überall und finden dies und das schön.“ Erwachsene hingegen seien sich ihrer Sexualität bewusst. „Erwachsene wissen sehr wohl, was sie tun, wenn sie Sex haben.“

Zurück zum starken Helden?

Die Referentin für Genderpädagogik sprach über Geschlechterrollen bei Kindern. Das Geschlecht sei vor allem für Erwachsene relevant. „In welche Schublade kann ich das Kind stecken?“ Sie berichtete von einem blond gelockten Jungen, dem Erwachsene immer wieder in die Haare gefasst und den sie gefragt hätten: „Bist du ein Junge oder ein Mädchen?“ Das Kind habe schließlich entnervt geantwortet: „Ich bin gar nix, ich bin ein Joghurt!“

Kirstin Pothmann, Pastorin der Kirchengemeinde Ihlow, hat den Eindruck einer gewissen Rückwärtsentwicklung. Überkommene Rollenbilder seien wieder angesagt. Mädchen wünschten sich einen starken Helden. „Das kollidiert mit der Erwartung der Eltern, die ein selbstsicheres Wesen erziehen wollen.“ Kleine Prinzen passten nicht zu Pippi-Langstrumpf-Mädchen. Auch die Sprache entwickle sich zurück, sagte Pothmann. Die Monatsblutung werde wieder mit Sprüchen wie „Tante Rosa kommt zu Besuch“ umschrieben.

Kita-Leiterin Saathoff verließ die Tagung mit einem sehr guten Gefühl, wie sie im Gespräch mit der Redaktion sagte. Es gehe um Haltung. „Wenn wir über etwas reden wollen, müssen wir Ahnung haben.“ Jedes Kind werde so angenommen, wie es ist. „Es muss niemand Angst haben, dass jetzt in den Kitas Sexualkundeunterricht erteilt wird.“

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