Mann aus Weener vor Gericht  Einbrecher auf Drogenentzug greift Hausbewohner an

| | 18.09.2023 17:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Vor dem Landgericht Aurich ging es am Montag um besonders schweren Raub. Foto: Archiv/Ortgies
Vor dem Landgericht Aurich ging es am Montag um besonders schweren Raub. Foto: Archiv/Ortgies
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Weil er dringend Geld für Drogen brauchte, ging ein 33-Jähriger aus Weener im März auf Beutezug. Er brach in Häuser ein und bedrohte die Bewohner. Nun steht er vor Gericht.

Aurich/Weener - Er brach in Häuser ein, bedrohte Menschen, griff sie körperlich an und versetzte sie in Todesangst, um Beute zu machen. Er brauchte dringend Geld, um Drogen zu kaufen. Wegen besonders schweren Raubes, Körperverletzung und Wohnungseinbruchdiebstahls steht seit Montag ein 33-jähriger Mann aus Weener in Aurich vor Gericht. Vor der 4. Großen Strafkammer des Landgerichts wird ihm der Prozess gemacht. Ihm droht eine mehrjährige Haftstrafe. Das ist für den Angeklagten nichts Neues. Seine erste Freiheitsstrafe trat er im Alter von 16 Jahren an. Insgesamt zwölf Jahre seines Lebens hat er hinter Gittern verbracht.

Auch momentan sitzt der 33-Jährige in Untersuchungshaft. Er war gerade aus dem Gefängnis entlassen worden, da wurde er wieder straffällig. Laut Anklageschrift brach er am 23. März in ein Einfamilienhaus in Weener ein. Wie üblich hatte er vorher geklingelt, um sicherzustellen, dass niemand zu Hause war. Dort erbeutete er 230 Euro in bar.

Mit Waffe auf Kopf geschlagen

Zwei Tage später drang er nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft erneut in ein Einfamilienhaus in Weener ein. Auf sein Klingeln hatte zwar niemand geöffnet, doch im Haus traf er auf die 78-jährige Bewohnerin. Die Frau sah, dass der Eindringling einen Kuhfuß und ein Chromrohr hatte, und ließ ihn aus Angst gewähren. Er erbeutete 120 Euro. Die 78-Jährige wollte flüchten, doch der Einbrecher versperrte ihr den Weg, hielt ihr den Mund zu und forderte mehr Geld. Er schubste die Zeugin, sodass diese Blutergüsse an den Armen und am Rücken erlitt.

In der darauffolgenden Nacht schlug der 33-Jährige laut Anklageschrift zum dritten Mal zu. Diesmal klingelte er an einem Haus in Bunde. Als der Bewohner öffnete, forderte er unter Vorhalt einer Pistole Geld. Der Bewohner wehrte sich, woraufhin der Eindringling ihn mit der Waffe auf den Hinterkopf schlug und verletzte. Die Mutter des Opfers, die mit ihm im Haus wohnt, gab dem Angreifer schließlich aus Angst um ihr Leben und das ihres Sohnes 100 Euro. Der Täter forderte mehr und bekam weitere 50 Euro. Auf der Flucht aus dem Haus verlor er 100 Euro.

Auf Video festgehalten

Insgesamt erbeutete der Angeklagte bei den drei Taten 400 Euro. Ungleich höher ist der materielle Schaden. Allein im ersten Haus entstand durch die aufgehebelten Fenster und Türen ein Schaden von rund 3000 Euro. Auch die seelischen Schäden, die er bei den Opfern angerichtet hat, dürften schwer wiegen.

Am ersten Verhandlungstag sagten die Opfer des ersten Einbruchs aus, ein junges Ehepaar mit Kind aus Weener. Deren Haus wird online überwacht. Als der Einbrecher klingelte, war die Familie zwar nicht zu Hause, doch sie erhielt eine Nachricht, dass jemand geklingelt hatte. In der Klingel ist eine Videokamera installiert, die automatisch Aufnahmen von dem Unbekannten fertigte und speicherte. Ihr Mann habe sie benachrichtigt, dass jemand geklingelt habe, sagte die 26-jährige Bewohnerin. Dabei habe sie sich zunächst nichts gedacht. Nach der Arbeit habe sie ihr Kind von der Betreuung abgeholt und zu Hause gesehen, dass Licht brannte.

„Da wusste ich: Irgendwas ist faul“

Auch das habe sie zunächst nicht gewundert, gab die Zeugin zu Protokoll. „Mein Mann lässt öfter mal Licht brennen.“ Als dann jedoch die Wohnzimmertür offen stand, sei sie misstrauisch geworden. „Da wusste ich: Irgendwas ist faul.“ Ihr sei dann der Unbekannte an der Haustür wieder eingefallen. Zunächst habe sie sich nicht ins Haus getraut, dann jedoch den Hund gehört. Im Wohnzimmer habe sie Chaos gesehen: Schränke und Schubladen waren aufgerissen, die Fenster aufgehebelt. Sie habe ihren Schwiegervater gerufen und mit diesem das ganze Haus inspiziert. „Ich hatte immer Angst vor so was“, sagte die Zeugin. „Mir geht es nicht so gut.“ Auch ihrer Tochter sei das Ganze sehr nahegegangen, zumal der Täter deren Ersparnisse geplündert habe.

Der Angeklagte schwieg vor Gericht, ließ die Vorwürfe über seinen Verteidiger Folkert Adler aber weitgehend einräumen. Der 33-Jährige sei seit Jahren drogenabhängig und habe unter enormem Beschaffungsdruck gestanden, sagte Adler. Daher sei er von seinem „üblichen Vorgehen“ abgewichen und in Häuser eingedrungen, obwohl die Bewohner zu Hause waren.

Mit zehn angefangen zu rauchen

Die psychiatrische Sachverständige Inga Deutschmann zeichnete das Bild eines Menschen, der nie eine wirkliche Erziehung genossen hat. Seine Eltern trennten sich, als er zwei war. Die Beziehung zur Mutter war von Gewalt geprägt. Der Stiefvater war nie eine Vaterfigur. In der Schule hatte er Ärger mit Mitschülern und Lehrern, schwänzte oft, schaffte trotzdem den Hauptschulabschluss. Da die Eltern mit ihm überfordert waren, kam er in eine Jugendhilfeeinrichtung, fühlte sich verstoßen. Er wurde von Wohnheim zu Wohnheim geschickt, weil er nirgendwo tragbar war. Der Mann betrachtet sich selbst als „nicht sozialkompatibel“ und will lieber in einem Wohnwagen mit einem oder zwei Hunden leben.

Mit zehn Jahren fing er an zu rauchen. Mit elf kam Cannabis dazu, mit zwölf Ecstasy und Amphetamine, mit Anfang 20 Heroin und Kokain, als Ersatz dafür später Tabletten. Eine Langzeitentwöhnung brach er ebenso ab wie zwei Ausbildungen. Nach der Haftentlassung gab er sein Übergangsgeld für Crack aus. Was folgte, waren die nun angeklagten Taten und ein Haftbefehl. Da er suizidgefährdet war, wurde der 33-Jährige zunächst in die Psychiatrie eingewiesen.

Der Prozess wird am Dienstag, 26. September, um 9 Uhr in Saal 108 des Landgerichts fortgesetzt.

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