Frankfurt  Warum es gut war, in der Bundestrainer-Frage nicht auf Effenberg zu hören

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 19.09.2023 15:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Jüngling als Bundestrainer? Julian Nagelsmann - hier 2014 als Jugendcoach der TSG Hoffenheim - bringt sieben Jahre Cheftrainer-Erfahrung aus der Bundesliga mit ins neue Amt. Foto: imago sportfotodienst
Ein Jüngling als Bundestrainer? Julian Nagelsmann - hier 2014 als Jugendcoach der TSG Hoffenheim - bringt sieben Jahre Cheftrainer-Erfahrung aus der Bundesliga mit ins neue Amt. Foto: imago sportfotodienst
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Wieviel Aura braucht ein Bundestrainer? Seit Dienstag wissen wir, dass wir es mit einem Jüngling zu tun bekommen, der nie Profi war und in der Reserve des FC Augsburg unter Trainer Thomas Tuchel in der Landesliga spielte. Das kann nicht gut gehen, hat Ex-Nationalspieler Stefan Effenberg schon vorher gesagt. Unser Kolumnist hält dagegen.

Auf Stefan Effenberg hört auch keiner mehr. Die Frage, was für ein Bundestrainer es denn bitte sein soll, hatte der einstige Bayern-Leader am Sonntag beim TV-Talk „Doppelpass“ sinngemäß so beantwortet, dass die Person in Ehren ergraut und ordensbehängt sein müsse und keineswegs ein 36-Jähriger Jüngling namens Julian Nagelsmann (36) sein dürfe. Denn unsere Jungmillionäre müssen doch noch mal zu irgendwem aufschauen können – so wie zuletzt beim One-Fight-Stand mit Rudi Völler.

Es gab dazu Kontra, der Ansatz, einen klugen Kopf mit frischem Gesicht auf unsere Nationalspieler loszulassen, gefiel der Runde durchaus. Für beide gab es Applaus, aber es konnte nur einen geben – und es wurde Julian Nagelsmann. Kann das gut gehen oder werden wir uns noch an Effes Warnung erinnern im kommenden Sommer?

Ich falle mal mit der Tür ins DFB-Haus: der erste Weltmeistertrainer war 31 und nur sechs Tage älter als sein ältester Spieler. Sein Name würde nicht mal in einer Fußball-Nerd-Runde fallen, er ist schlichtweg vergessen. Der Ernst der Stunde verlangt es, ihn aus der Versenkung zu holen: Alberto Suppici führte Uruguay 1930 im eigenen Land zum Titel, Nationalspieler war er nie. Aber der richtige Mann zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle.

Das gilt auch für die vier ersten Bundestrainer. Otto Nerz war kein großer Fußballer und erst 34, als er das Amt übernahm. Respekt verschaffte er sich durch seine Drillmethoden, auch der Doktortitel mag geholfen haben und überhaupt hatte er es mit einer Generation zu tun, die vor Vorgesetzten noch Respekt hatte. Platz drei bei der WM 1934 war seine größte Tat, danach ging’s bergab.

Sein Nachfolger Sepp Herberger, Weltmeister 1954, kam aus den DFB-Reihen und hatte es auf drei Länderspiele gebracht. Mit Schläue und psychologischem Feingefühl leitete der bei Antritt 39jährige die Nationalmannschaft, trotz einer 4 im Fach Psychologie im Abschlusszeugnis an der Sportakademie. Es gelang ihm, ein „Nach-Zuhause-Kommen-Gefühl“ zu erzeugen, wenn die Spieler zur Nationalmannschaft fuhren. Ein guter Trainer war er natürlich auch und nach eigenen Worten „besessen“ vom Fußballspiel.

1964 kam Helmut Schön an die Reihe, ehemaliger Meisterstürmer des Dresdner SC und 16maliger Nationalspieler mit 17 (!) Toren. Aber wusste das noch jemand von den Bundesligakickern? Für sie war er in erster Linie der Assistent Herbergers, der nun nachrückte. Mit seinen fast 50 Jahren war er schon zu Amtsantritt mehr Vater als Trainer der Spieler, die ihn ob seiner Sensibilität liebten. Ihn wollten sie nie enttäuschen. 1978 taten sie es doch, nach der verpatzten Titelverteidigung in Argentinien kam der nächste Assistent.

Auch vor Jupp Derwall stand niemand stramm, nicht wegen seiner zwei Länderspiele und auch nicht trotz seiner 51 Jahre. Paul Breitner legte bei einer Spielersitzung sogar die Füße auf den Tisch und auf so mancher Reise büxten de Spieler nachts aus. Derwall ging als, anfangs überaus erfolgreicher, Trainer mit der langen Leine in die Annalen ein, bis sie riss und mit ihr der Erfolgsfaden. Dann kam die Kaiserzeit und eine Zäsur. Nach Franz Beckenbauer regierten mit Berti Vogts, Rudi Völler und Jürgen Klinsmann drei weitere Weltmeister, als Trainer aber alle unerfahren. Sie erlebten Höhen und Tiefen, Beckenbauer (Weltmeister) und Vogts (Europameister) holten Titel.

Mit dem gestanden Bundesligatrainer Erich Ribbeck, bei Amtsantritt 1998 schon 61, fuhr die Auswahl anno 2000 gegen die Wand. Wie Ribbeck waren auch Jogi Löw und zuletzt Hansi Flick nie A-Nationalspieler, „nur“ Bundesligakicker. Löw verdankte dem Nachrückprinzip im Hause DFB seinen Posten, bei Antritt war er 42 und wir erlebten herrliche Jahre, erst zum Ende hin wurden sie schrecklich.

An seinem Ansehen in Spielerkreisen lag es nicht, er machte halt wie auch der als Bayern-Trainer hochdekorierte Flick ein paar Fehler. Außerdem ist es immer noch Fußball und nur manchmal gewinnt der Bessere. Fazit: drei von vier Weltmeister- und zwei von drei Europameistertitel holten Trainer ohne große Aura. Ist das ein Argument, Herr Effenberg?  

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