Theatertradition in Aurich Spöldeel blickt zurück auf eine bewegte Geschichte
Das Niederdeutsche Theater in Aurich wurde vor 100 Jahren gegründet. Es begeisterte Publikum und Kritiker zugleich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Spielbetrieb rasch wieder aufgenommen.
Aurich - Am 24. April 1923 wurde die Niederdeutsche Bühne Aurich offiziell aus der Taufe gehoben. Sie war der Vorläufer des heutigen Niederdeutschen Theaters Aurich, das somit 2023 sein 100-jähriges Bestehen feiert. Die Anfänge liegen aber noch ein bisschen weiter zurück.
Schon in den Jahren vor Gründung der Bühne waren in Aurich plattdeutsche Theateraufführungen zu sehen. Über eine Aufführung in „Brems Garten“ veröffentlichte eine Auricher Lokalzeitung am 6. April 1922 einen begeisterten verfassten Bericht: „De Tokiekers weern d’r all good mit tofrää, frei’n sük un klappern bi jede Uptog flietig mit de Hann‘“, heißt es darin. Zudem äußert der Autor die Hoffnung, dass die Theaterleute ihre Arbeit fortsetzen. Tatsächlich war die Truppe bis dahin bloß ein loser Verbund. Der bekam schließlich eine feste Basis, indem man ihn an dem eingangs genannten Datum in den 1921 gegründeten Auricher Heimatverein integrierte. Als nächste Inszenierung wurde am 26. und 30. November 1923 „De Verschriebung“ von Heinrich Behnken aus Hamburg gezeigt.
Die Suche nach einem Probenraum
Ein großes Problem, das die Auricher Spöldeel fast während ihrer gesamten Historie begleiten sollte, war die Suche nach einem geeigneten Domizil. Die ersten Proben wurden in einem Raum des Lehrerseminars abgehalten. Wie einem Schreiben von Spielleiter Fritz Ebel an den Heimatverein zu entnehmen ist, soll der Seminardirektor über solcherlei Übungsstunden jedoch „seine stolze Nase gerümpft“ haben, woraufhin sich der Spölbaas weigerte, den Seminarraum jemals wieder zu betreten.
Ab März 1924 stellte Bürgermeister Schwiening ein Zimmer in der Stadtschule zur Verfügung. Um die Kosten für „Feuerung und Beleuchtung“ zu decken, musste eine Gebühr von 50 Goldpfennigen entrichtet werden. Am 1. April 1924 stand mit „Gib mir das Licht“ von Wilhelm Kleeberg ein anspruchsvolles „Drama aus Ostfrieslands Vergangenheit“ auf dem Spielplan. Das Ensemble wollte damit beweisen, dass es in der Lage war, ernste Stücke auf die Bühne zu bringen. Die Vorstellung in Brems Garten war mit rund 300 Personen bestens besucht und erntete positive Kritiken in der Lokalpresse. Auch finanziell hatte sich die Sache gelohnt. Die Einnahmen von 360 Mark übertrafen die Ausgaben von 270 Mark deutlich.
Was wurde in der NS-Zeit gespielt?
Die Spöldeel hatte sich nun im Auricher Kulturleben etabliert. In den nächsten Jahren gab es mit „Wittensand“ (1926), „Dat leewe Geld“ (1927), „Hochtied in de Pickbalje“ (1928), „Faderhuus“ (1928), „Sodom und Gomorrha“ (1929), „Pulterabend“ (1930) und „Dat Lock in den Häg“ (1931) sieben Inszenierungen, die vom Publikum und von der Kritik gleichermaßen gut angenommen wurden. Trotzdem entschloss sich Spielleiter Fritz Ebel 1927, sein Amt niederzulegen. Sein Nachfolger wurde 1928 Hinrich Schoolmann.
Aus der NS-Zeit sind nur zwei Inszenierungen, eine über Klaus Störtebeker und das plattdeutsche Volksstück „Unner Napoleon“, das im 1939 anlässlich der 400-Jahr-Feier der Stadt Aurich Premiere hatte. Die Spielleitung oblag laut der Programmzettel einer Frau Dr. Daniel. Von 1939 bis 1945 kam der Theaterbetrieb ganz zum Erliegen.
Wie ging es nach dem Zweiten Weltkrieg weiter?
Nach dem Zweiten Weltkrieg war es wiederum Hinrich Schoolmann, der ehemalige Mitstreiter zusammentrommelte, nachdem er erfahren hatte, dass die britische Militärregierung eine Aufführung von „Wittensand“ für die ostfriesischen Kammerspiele in Leer genehmigt hatte. Das „Heimatspill“ von Siegfried Siefkes war den Aurichern noch aus den 1920er Jahren wohlbekannt und kam am 14. und 15. Dezember 1946 erneut zur Aufführung. Der Reinerlös in Höhe von knapp 2400 Reichsmark wurde an das Hilfswerk der freien Wohlfahrtsverbände gespendet.
Richtig los mit dem Theater ging es ab 1948, als mit „Mannslü sünd Pack“ und „Rook in de Köken“ zwei Stücke binnen eines Jahres gespielt wurden. Die Vorstellungen fanden einstweilen in Ahrenholz’ Garten statt. Erst 1950 kehrte die Spöldeel nach der Wiedereröffnung von Brems Garten an ihre alte Wirkungsstätte zurück. Im selben Jahr übernahm Edo Schmidt den Posten des Spielleiters.
Auricher wirkten bei Wiesmoorer Inszenierung mit
Vernünftige Kulissen existierten vorerst keine. Die notwendigsten Dinge wie Möbel wurden oft einfach nur auf Papier gemalt, das man mit Leisten fixierte. Erst 1956 entstand unter Anleitung von Reent Goudschaal ein transportabler Kulissensatz.
Als die Freilichtbühne Wiesmoor für den Ostfriesentag im Mai 1959 ein Schauspiel über die legendäre ostfriesische Häuptlingsgattin „Quade Foelke“ von der Heimatschriftstellerin Marie Ulferts inszenieren wollte, bestand die Autorin darauf, Mitwirkende der Auricher Spöldeel einzubeziehen. Die Wahl fiel auf Hermann Edzards, der den Häuptling Focko Ukena verkörperte, und Albert Janssen, der die Rolle des Enno von Larrelt übernahm. „Zu den Proben sind wir mit dem Taxi abgeholt worden“, schwärmt Albert Janssen. Und weiter: „Das war auch sonst alles hochprofessionell organisiert. Wir hatten einen Berufsregisseur, von dem wir uns eine Menge abgeguckt haben.“
Im Jahr 1961 trat Spölbaas Edo Schmidt aus Krankheitsgründen zurück. Sein Nachfolger Albert Janssen sollte diese Position vier Jahrzehnte lang ausüben. Hermann Edzards kümmerte sich fortan um die Regiearbeit. Beide Männer waren ambitioniert und machten die Professionalität, die sie in Wiesmoor kennengelernt hatten, zum Maßstab für ihre Arbeit.
Zähes Ringen mit dem Heimatverein
Ein wichtiger Schritt dahin war die Aufnahme in den Niederdeutschen Bühnenbund. Erst galt es aber noch, eine Art Aufnahmeprüfung zu bestehen. Die Verantwortlichen erschienen am 28. Oktober 1963 zu einer Vorstellung von „De Hochtiedsbidder“ in „Brems Garten“, um die Arbeit der Auricher zu begutachten. Ihnen gefiel, was sie sahen. Das Ensemble wurde 18. Mitglied im Norddeutschen Bühnenbund und durfte sich offiziell „Niederdeutsche Bühne“ nennen.
Zu den damit verbundenen Verpflichtungen gehörte neben der jährlichen Aufführung von zwei Vollinszenierungen ein eigener Vorstand, was angesichts der bis dahin bestehenden Strukturen ein Problem darstellte. Der Auricher Heimatverein betrachtete das Theater nach wie vor als seinen Ableger und hatte in finanziellen Fragen das Sagen. „Der Heimatverein bekam unsere Einnahmen, wenn wir aber Geld brauchten, mussten wir immer drängeln und bitten“, erzählt Janssen.
Nach zähen Verhandlungen einigte man sich während einer Generalversammlung im August 1965 auf eine Verselbständigung als „Spöldeel im Heimatverein“. Der Heimatverein war weiterhin an den Bruttoeinnahmen der Theateraufführungen beteiligt und blieb im Vorstand der Bühne vertreten. Albert Janssen wurde zum Bühnenleiter gewählt. Als Spölbaas hatte er Sitz und Stimme im Vorstand des Heimatvereins.
Für die Auricher Spöldeel sollte sich der Deal auszahlen. „Wir konnten jetzt völlig anders gegenüber der Stadt und den Sponsoren auftreten“, meint Albert Janssen. Das wirkte sich positiv aufs Budget aus, so dass einige Anschaffungen getätigt werden konnten.
Neues Domizil war eine Bruchbude
Was hingegen weiterhin fehlte, war ein angemessenes Domizil. Nach dem Krieg nutzte die Spöldeel zunächst einen Raum, den der Heimatverein im Hause Dinkgräve zur Verfügung gestellt hatte. Anschließend tagte man erst in der Reilschule und dann in der Hubertusschenke bei der Reithalle neben der Ulferts-Brauerei. Das waren aber durch die Bank provisorische Lösungen.
Ende der 1970er bot der damalige Stadtdirektor Friemann Albert Janssen Räume in der ehemaligen Gartenbauversuchanstalt am Ems-Jade-Kanal in Haxtum an. Dort war zwar viel Platz, aber das Haus befand sich in einem miserablen Zustand. Glücklicherweise verfügte die Spöldeel über versierte Handwerker, die fähig und willens waren, die Immobilie wieder auf Vordermann zu bringen.
Die Eigenleistung wurde in Geld um- und auf die Miete angerechnet. Unterm Strich bedeutete das für die Bühne, dass für zehn Jahre keine Miete gezahlt werden musste. Damit war die Zukunft langfristig gesichert.
Nach vier Jahrzehnten als Spölbaas abgedankt
Inzwischen ist Albert Janssen nicht mehr Spölbaas: „Der Generationswechsel hat ja nicht nur bei uns sondern auch beim Publikum stattgefunden. Viele Stücke, die wir früher gespielt haben und die damals erfolgreich waren, könnten wir heute nicht mehr bringen. Umgekehrt hätten etliche modernere Stücke, die heutzutage gut beim Publikum ankommen, früher nie und nimmer funktioniert, weil die Leute uns das damals nicht abgenommen hätten.“
Bei seiner Auricher Spöldeel, die 2017 dank eines großzügigen Sponsors mit dem Haxtumer Speicher ein neues Vereinsheim inklusive eines eigenen Theaters bekommen hat, schaut Albert Janssen nach wie vor regelmäßig und gern vorbei.
„Damals wie heute hatten wir eine tolle Gemeinschaft“, resümiert Janssen, der seit 1949 Mitglied der Bühne ist und bald seinen 90. Geburtstag feiern darf. „Das war schon immer so. Und es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich immer noch dazu gehöre.“