München  Etliche Übergriffserfahrungen: Senta Berger zweifelt am MeToo-Erfolg

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 22.09.2023 06:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 12 Minuten
Senta Berger sieht den Erfolg der MeToo-Bewegung heute skeptisch Foto: Imago Images/APress
Senta Berger sieht den Erfolg der MeToo-Bewegung heute skeptisch Foto: Imago Images/APress
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Lange vor MeToo hat Senta Berger von etlichen MeToo-Fällen berichtet. Den Erfolg der Bewegung sieht sie heute skeptisch. Ein Interview über frühe, schmerzhafte und schöne Erinnerungen aus dem Leben des Weltstars.

In ihrem neuen Film „Weißt du noch“ schluckt Senta Berger eine Wunderpille, die längst verschüttete Erinnerungen wachruft. Im Interview erklärt die 82-Jährige, warum sie selbst keine Gedächtnishilfen braucht – und warum sie auch alle anderen bewusstseinserweiternden Mittel verweigert hat, die ihr im Hollywood der 60er Jahre angeboten wurden.

Frage: Frau Berger, was ist Ihre früheste Erinnerung?

Antwort: Das ist der Gabentisch, den meine Eltern mir zum dritten Geburtstag aufgebaut haben. Den sehe ich bildlich vor mir. Ich muss ein Nachmittagsschläfchen gemacht haben; als ich aufwachte, stand wundersamer Weise ein Tisch vor mir, mit einer Kerze, einer kleinen Torte und einer Puppe. Sie hatte einen echten Porzellankopf: die Rosa. Das ist die allererste Erinnerung. Die danach kamen, haben alle mit dem Krieg zu tun.

Frage: Wollen Sie die auch teilen?

Antwort: Es waren sehr starke, prägende Bilder. Meine Eltern hatten in Wien eine kleine Wohnung direkt gegenüber der Kaserne am Küniglberg. Heute sitzt da der ORF. Es muss im Januar oder Februar 45 gewesen sein, dass Wien bombardiert wurde. Erst kamen die Christbäume, also die Leuchtsignale. Und dann kamen die Einschläge der Bomben. Merkwürdigerweise waren wir Kinder in dieser Nacht nicht im Keller; wir standen hinter der Haustüre und haben uns das angesehen wie ein Silvesterspektakel – unvergesslich. Diese Christbäume waren einfach unvergesslich. Wenn ich heute ein Propellerflugzeug höre, kommt das überfallartig zurück. Es ist alles noch da.

Frage: Es klingt so, als ob Sie das angstfrei wahrgenommen haben. Aber so war es doch sicher nicht?

Antwort: Doch. Diese Nacht habe ich angstfrei erlebt.

Frage: Wie haben Ihre Eltern es bloß geschafft, ihre eigenen Ängste zu verbergen?

Antwort: Mein Vater war im Krieg. Mutter war da, und wie sie das geschafft hat, weiß ich nicht. Ich habe andere Erinnerungen voller Angst: im Keller zu sitzen, verschüttet zu sein. Da habe ich die Angst der Erwachsenen mitbekommen. Und hauptsächlich das hat meine eigene Angst ausgelöst. Vielleicht ist das nicht so wichtig und auch zu persönlich. Darüber wollen wir lieber nicht sprechen. Das sind Ausnahmesituationen, aus denen Sie nichts lernen können.

Senta Bergers neuer Film: Der Trailer zu „Weißt du noch“?

Frage: Ihr neuer Film handelt auch vom Erinnern. Die Jugend Ihrer Figur bebildern Sie mit privaten Jugendaufnahmen. Haben Sie die selbst ausgewählt?

Antwort: In klassische Rückblenden werden meist jüngere Schauspieler eingesetzt; für mich hat das nie funktioniert. Als mich der Regisseur Rainer Kaufmann dann wegen etwas ganz anderem besucht hat, gerieten ihm DVDs in die Hände. Darauf stand: Senta und Michael, Los Angeles 1969. Oder: Senta und Familie, 1966. Ach ja, sage ich arglos, das haben wir uns überspielen lassen. Willst du was ansehen? Er hatte da wohl schon eine gewisse Absicht. Als wir reingeschaut haben, war blitzartig klar: Das ist unsere Lösung. Jetzt zeigt der Film: Meine Figur war jung. Und ich war es auch.

Frage: In alten Wochenschauberichten sehen Sie mit Mitte 20 ungeheuer erwachsen aus. Gibt es in Ihrem Leben Phasen, in denen Sie sozusagen schneller älter wurden als in anderen?

Antwort: Die ersten Jahre sind auch für mich erstaunlich. Meine ersten Schritte habe ich in einer Zeit gemacht, als der deutsche Film langsam, aber sichtbar dem Niedergang entgegenschritt. Damals habe ich gedreht, was zu dieser Zeit eben gedreht wurde, Musikfilme: Ich heiße Babsi oder Trixi, treffe einen jungen Mann, es gibt ein großes Missverständnis und dann wird doch noch alles gut. Dagegen habe ich mich erst spät aufgelehnt. Bis dahin hatte ich viel gelernt. Immer saß ich neben der Kamera. Was ist ein Objektiv, warum wird es gewechselt? Das waren meine Handwerksjahre. Und dann ist alles auf einmal passiert.

Frage: Meinen Sie den Wechsel nach Hollywood?

Antwort: Anfang der 60er habe ich mehrere amerikanische Filme in Europa gemacht: Für Disney die Johann-Strauß-Biografie „Liebe im 3/4-Takt“. Und mit Richard Widmark einen furchtbaren Spionagefilm: „Geheime Wege“. Widmark suchte ein Mädchen, das ein bisschen Englisch konnte und wie eine zweite Marilyn Monroe aussah. Man hat mir also die Haare blondiert und mich in ein schwarzes Kleid gesteckt. Die Fotos davon haben dann dafür gesorgt, dass ich auch für den Kriegsfilm „Die Sieger“ besetzt wurde. Vier Wochen später war ich in Amerika.

Frage: Das waren also die Jahre, in denen Ihr Leben die größte Beschleunigung hatte?

Antwort: Ich weiß es nicht – es kommt mir so vor, als wäre das alles gestern gewesen. Körperlich und geistig geht die Zeit in den letzten zehn Jahren viel schneller vorbei. Schon wieder ist ein Jahr weg und ich habe Angst vor dem Winter. Wie kann das sein?

Frage: Warum haben Sie Angst vor dem Winter?

Antwort: Ach, es ist einfach trostlos. Ich mag keine Kälte. Ich habe gern Blätter an den Bäumen. Jetzt werden Sie mir sagen, ich soll die ruhigen Stunden am Kamin genießen, mit einem guten Buch und einem Cello-Konzert. Nein! Der Winter ist einfach nur kalt.

Frage: Und warum vergeht Ihnen die Zeit heute schneller als in den Jahren dieses produktiven Rauschs?

Antwort: Die Zeit vergeht schneller, weil die verbleibenden Jahre überschaubarer werden. Jeden Tag kann etwas geschehen – dir, den anderen. Die Zeit wird knapp und darum vergeht sie auch schnell.

Frage: Im Film schlucken Sie eine Wunderpille, die verschüttete Erinnerungen wachruft. Für welche Lebensphase würden Sie die selbst einnehmen?

Antwort: Die brauche ich nicht. Ich ziehe einfach nur die Schubladen auf: die Kindheit, Amerika, die Rückkehr nach Deutschland. Das ist alles abrufbar. Bei mir zumindest; natürlich nicht für jeden. Ich glaube zum Beispiel, dass Männer sich nicht so gut erinnern. Vielleicht, weil sie Situationen nicht so aufnehmen wie Frauen – die seit Millionen von Jahren bemüht sind, an jeden mitzudenken. Ich kann immer noch sagen, wie das Gulasch schmeckte, das ich mit Kreisky (Österreichs Bundeskanzler der 70er und frühen 80er, Anm. d. Red.) im Gasthof Eder gegessen habe. Er hatte von Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ gesprochen. Und als er dann wissen wollte, ob ich diesen Mammutroman auch gelesen habe – habe ich gelogen und gesagt: Ja.

Frage: Ertappen Sie sich manchmal bei falschen Erinnerungen?

Antwort: Nie. Aber ich sehe manchmal alte Interviews von mir, in denen ich mich nicht erkenne. Als ich jung war, habe ich eine Rolle gespielt – aus Angst, dass man mich für eine hochmütige, in Amerika zwar geadelte, aber auch arrogante Schauspielerin hält. Ich hatte Angst, man könnte mir in Europa meinen Hollywood-Erfolg vorwerfen.

Frage: Romy Schneider ist nach dem Wechsel ins Ausland genau das passiert. Warum war das bei Ihnen anders?

Antwort: Bei Romy war das Gefälle viel größer. Ich bin nie so geliebt worden wie Romy in ihren ersten Jahren. Das Publikum hat ihr nicht ihre Entwicklung verziehen. Mir hat auch übelgenommen, dass ich erwachsen geworden bin: Die Senta in Amerika? Das hat der Presse nicht gefallen. Aber ich stand nicht in der ersten Reihe. Ich war nie Sissi.

Frage: In Ihrer Biografie haben Sie schon 2006 MeToo-Erfahrungen beschrieben – etwa, wie der Produzent Darryl Zanuck Sie im Bademantel empfing, wie O. W. Fischer Ihre Bluse aufriss, wie Kirk Douglas und Charlton Heston Ihnen Küsse aufzwangen. Diskutiert wurde das alles aber erst in der MeToo-Zeit. Hat sich seitdem etwas verändert?

Antwort: Das weiß ich wirklich nicht. Die Öffentlichkeit hat nur über unsere öffentliche Branche gesprochen. Aber was passiert im Büro? Wehrt sich ein Zimmermädchen, wenn der Chef handgreiflich wird? Ich fürchte nein. Dabei hat sich viel bewegt – nur nicht so viel, wie wir gedacht haben. Es hätte eine tiefgreifende Diskussion sein können. Aber die war’s nur zum Teil.

Frage: Und zum anderen Teil?

Antwort: Zum Teil ging es stark in den Voyeurismus, in die Boulevardisierung der Situationen, die Frauen geschildert haben. Es gab eine Art von öffentlicher Geilheit, die der Sache nicht gutgetan hat. Und jetzt erarbeitet die Deutsche Filmakademie einen Verhaltenskodex – mit Regeln, wie man sich in einem Filmatelier zu benehmen hat. Ich glaube, wir brauchen keinen Kodex, um zu wissen, was Anstand bedeutet. Aber in der Filmakademie sitzen ein paar Systemiker.

Frage: Was meinen Sie damit?

Antwort: Ich habe den Eindruck, er mag falsch sein und meinem Alter entsprechen, dass in der Filmakademie „gegendert“ wird, weil man das jetzt eben so macht. Ob es inhaltlich richtig ist, wage ich zu bezweifeln. Es geht um eine Korrektheit, die aus Teilen der amerikanischen Gesellschaft kommt. Man sieht heute den vollkommen unbedachten, alltäglichen Rassismus und Sexismus der Vergangenheit und möchte es wiedergutmachen – indem man alles besonders korrekt macht. Kubricks „Lolita“? So ein Film gilt in den USA jetzt als pädophil und ist indiskutabel. In Deutschland ist das eigentlich gar nicht unsere Haltung. Aber weil wir medial mit Amerika so verflochten sind, übernehmen wir es. Das ist nicht gut. Wir verleugnen uns.

Frage: Sie haben international und in Deutschland gearbeitet, fürs Kino und fürs Fernsehen, Mainstream und Arthouse. Haben Sie über solche Trennungen je nachgedacht?

Antwort: Meine amerikanischen Fernsehfilme waren Piloten, die alle zu Serien wurden. Ich hätte in allen weiterspielen sollen – und habe abgelehnt. Damit wäre es mit meinen schauspielerischen Möglichkeiten vorbei gewesen. Ich hätte auf ewig „Solo für „O.N.C.E.L.“ gedreht. Ich war wählerisch, aber eben auch nur so wählerisch wie möglich. Meine Rollenentscheidungen hatten auch immer mit der Existenz zu tun. Mein Mann Michael und ich hatten eine Produktionsfirma gegründet. Für unseren Film „Die weiße Rose“ haben wir eine Hypothek aufs Haus aufgenommen. Die arbeitet man dann ab. Angebote bedenkenlos abzusagen, habe ich mir nur geleistet, wenn ich schwanger war und meine Kinder gestillt habe.

Frage: Ihr Figur im aktuellen Film bekennt sich zu einem LSD-Trip. Haben Sie so etwas in Hollywoods wilden Jahre auch erlebt?

Antwort: Nie. Ich war öfter mal zu Abenden eingeladen, wo man das ausprobieren wollte. Aber das hat mich nie interessiert. Ich habe Schauspieler erlebt, die daran kaputtgegangen sind. Und ich war informiert: Vor seiner Regielaufbahn war mein Mann Arzt. Aber vor allem: Ich wollte es nie. Was ich erlebe, will ich klar erleben – sei es in erotischer Hinsicht, sei es im Erleben von Schönheit. Ein Sonnenuntergang am Meer? Gern, aber ohne Joint. Sonst schlafe ich ein.

Frage: Haben Sie mit klarem Kopf trotzdem das Jet-Set-Leben genossen? Oder waren Sie eine bürgerliche Enklave in Hollywood?

Antwort: Ich war weder bürgerlich noch Jet Set. Meine Zeit ist kostbar und ich überlege mir gut, warum ich eingeladen bin. Es ist langweilig, irgendwo als Senta Berger hinzugehen statt als Freundin. Lieber bin ich mit Marcello Mastroianni und seiner Familie nach Ostia gefahren; das war dann aber nicht Jet Set, sondern Urlaub mit einem Kollegen.

Frage: Erzählen Sie mir etwas von Marcello Mastroianni, das keiner weiß?

Antwort: Er hatte unglaublich große Pratzen, die Finger gelb vom Rauchen.

Frage: Hm, vielleicht noch was Anderes?

Antwort: Er war ein Römer, und das ist fast wie ein Wiener. Sogar seine verschliffene Sprechweise hatte etwas Wienerisches. Das alles fand ich schon mal sehr reizvoll. Mitte der 80er haben wir zusammen in Rom gedreht; ich kam abends aus in München, von „Kir Royal“, und wurde tags drauf um 4.30 Uhr zum Set abgeholt. Morgens, noch im Dunkeln. Tatsächlich erschien dann am Drehort niemand außer mir – und Marcello. Ich kam aus dem Hotel, er aus irgendeiner Bar, kleine Augen, die Locken in alle Richtungen abstehend. Dann haben wir uns unser Leben erzählt. Zweieinhalb Stunden später trudelte so langsam das Team ein. Marcello war nicht im mindestens verärgert und ging freundlich in die Maske. Ich dann auch. So war er: ein gutes Beispiel.

Frage: Ihr Leben steckt voller Erinnerungen. Welche Souvenirs bewahren Sie auf? Und was werfen Sie weg?

Antwort: Ich habe keinen freien Willen, weil ich mit einem Mann zusammenlebe, der alles sammelt. Tageszeitungen, Oldtimer-Zeitungen, Ärzte-Zeitungen. Das würde ich sofort wegwerfen, aber er will das alles noch lesen – auch die Bankauszüge aus dem Jahr 73. Heimlich versuche ich aber, so viel wie möglich davon wegzuschaffen.

Frage: Was Sie brauchen, ist ein Wasserschaden. Welche Dinge bewahren Sie selbst auf?

Antwort: Briefe, Fotos. Und eine Zeichnung, die ich als Kind zum Muttertag gemacht habe.

Frage: Die haben Sie noch?

Antwort: Mein Vater hatte sie aufgehoben. Es ist ein Lesezeichen mit Bändchen, darauf habe ich ein Mädchen geklebt, das ich selbst gezeichnet hatte. Alles ist voller Uhu.

Frage: Ein Zitat aus „Weißt du noch“ lautet: „Alter ist ein Massaker“. Das ist ein Philip-Roth-Zitat …

Antwort: … ich kenne das nur von Loriot.

Frage: Wenn so viele kluge Köpfe das sagen – stimmt es?

Antwort: Nein, aber Alter ist eine Zumutung. Weil du mit etwas fertig werden musst, das du nicht kennst und mit nichts vergleichen kannst. Es braucht Mut, diese Jahre zu gestalten, eine Haltung dafür zu finden und sich nicht zu ergeben. Michael hatte früher ein Kindermädchen, das dem Tod heiter entgegensah – weil sie danach eine Braut Jesu sein würde. Es ist schön, wenn man das tief glaubt und wirklich vor sich sieht. Für mich geht das nicht.

Frage: Was ist die größere Zumutung? Das eigene Älter-Werden? Oder das Alter und der Tod der Anderen?

Antwort: Über die eigenen Beschwerden denkt man nicht nach, bis sie da sind. Aber die Verluste tun weh. Die tun sehr weh. Darüber kann ich gar nicht sprechen.

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