Festakt im Rathaus  Holocaust-Überlebender Weinberg ist jetzt Ehrenbürger

Nikola Nording
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Von Nikola Nording
| 20.09.2023 20:16 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Albrecht Weinberg wurde im Festsaal des Historischen Rathauses zum Ehrenbürger der Stadt Leer ernannt. Foto: Ortgies
Albrecht Weinberg wurde im Festsaal des Historischen Rathauses zum Ehrenbürger der Stadt Leer ernannt. Foto: Ortgies
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Einst durfte er das Rathaus nicht betreten, am Mittwoch wurde er darin geehrt. Der 98-jährige Albrecht Weinberg hat die höchste Ehre der Stadt Leer erhalten.

Leer - Die goldfarbenen Kronleuchter strahlten. Im Festsaal des historischen Rathauses duftete es nach Tee und Hühnersuppe. Der Leeraner Bürgermeister Claus-Peter Horst, Leers Landrat Matthias Groote und viele andere Vertreter aus der Politik waren gekommen, um einen Mann zu ehren. Einen, der in seiner Kindheit eben dieses Rathaus nicht einmal betreten durfte – weil er Jude war. Albrecht Weinberg wurde erst aus seiner Heimat Rhauderfehn vertrieben, durch die Straßen von Leer gejagt wie Vieh auf dem Gallimarkt. Danach wurde er in Arbeitslager gebracht und schließlich in die Konzentrationslager Mittelbau-Dora in Thüringen, Bergen-Belsen bei Celle und Auschwitz deportiert.

Nach vielen Jahren des Haderns mit seiner Heimat kam Albrecht Weinberg zurück nach Ostfriesland und ist seit Mittwoch Ehrenbürger der Stadt Leer. Mit einem Festakt im Historischen Rathaus, bei dem sogar sein Lieblingsessen – die Hühnersuppe – gereicht wurde, ehrte die Stadt ihren Bürger. Ein außergewöhnlicher Tag für ihn, für die Stadt und für den Bürgermeister.

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Holocaust-Überlebender Albrecht Weinberg wird Ehrenbürger der Stadt Leer
20.09.2023

Nervös bei der Anfrage

Als der Rat der Stadt im Juni beschloss, dem Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg die Ehrenbürgerwürde zu verleihen, war das einstimmig. Fragen, ob der 98-Jährige diese auch annehmen würde, musste Claus-Peter Horst jedoch allein. „Ich war so nervös, als ich ihn gefragt habe“, verriet Horst am Rande der Verleihung. Auch Albrecht Weinberg war am Mittwoch angespannt. „Ich bin sehr gerührt und aufgeregt und nervös“, sagte er. „Schön, dass ich sowas in meinen letzten Lebensjahren oder Lebensmonaten noch erleben darf“, sagte der 98-Jährige.

Jetzt ist es offiziell: Albrecht Weinberg (Mitte) mit Hauke Sattler (links, Ratsvorsitzender) und Bürgermeister Claus-Peter Horst. Foto: Ortgies
Jetzt ist es offiziell: Albrecht Weinberg (Mitte) mit Hauke Sattler (links, Ratsvorsitzender) und Bürgermeister Claus-Peter Horst. Foto: Ortgies

Weinberg, der regelmäßig mit Jugendlichen über seine Erlebnisse im Nationalsozialismus spricht, vergaß aber auch an seinem Ehrentag nicht seine Mission: „Es wäre schön, wenn etwas mit dem Synagogenplatz in Leer passieren würde. Es darf nicht vergessen werden, dass einmal ein Gotteshaus dort stand“, sagte er. Bürgermeister Horst erklärte daraufhin, dass man mit dem Investor des Geländes, auf dem die frühere Synagoge stand, in Gesprächen für eine Gedenkstätte sei.

Freunde: Albrecht Weinberg und Bruno Schachner. Foto: Ortgies
Freunde: Albrecht Weinberg und Bruno Schachner. Foto: Ortgies

Nach der Reichspogromnacht im November 1938 begann für Weinberg ein Martyrium mit Verschleppung und Zwangsarbeit. Er überlebte unter anderem die Konzentrationslager Auschwitz, Mittelbau-Dora in Thüringen und zuletzt das KZ Bergen-Belsen bei Celle. Im KZ traf er seinen Bruder Dieter wieder. „Wenn er ihn nicht getroffen hätte, erzählt Albrecht immer, hätte er wohl nicht überlebt“, sagte Bruno Schachner, stellvertretender Bürgermeister und Freund von Albrecht Weinberg. „Er ist im gleichen Jahr geboren wie mein Vater und obwohl ich selbst schon Großvater bin, kann ich sagen: Er ist ein väterlicher Freund für mich“, so Schachner.

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Aus dem Archiv: Albrecht Weinberg erzählt seine Geschichte
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Hadern mit Deutschland

Nach der Befreiung habe Weinberg seine Schwester Friedel wiedergefunden. Beide emigrierten 1947 in die Vereinigten Staaten, wo sie sich in New York eine neue Existenz aufbauten. „Die beiden haben immer zusammengelebt“, so Schachner. Erst 1985 besuchten sie auf Einladung der Stadt Leer erstmals wieder ihre Heimat. „Die erste Einladung habe ich in die Schublade geschmissen. Wir wollten nichts mehr mit Deutschland zu tun haben“, sagte Weinberg. Sein Bruder sei in Deutschland geblieben, „und er wurde nicht mit offenen Armen empfangen“, so Weinberg.

Albrecht Weinberg brachte zum Festakt im Historischen Rathaus ein Bild mit, auf dem Rosel, die Tochter seiner Cousine, zu sehen ist. Foto: Ortgies
Albrecht Weinberg brachte zum Festakt im Historischen Rathaus ein Bild mit, auf dem Rosel, die Tochter seiner Cousine, zu sehen ist. Foto: Ortgies

Doch Friedel und Albrecht wollten die alten Bekannten wiedersehen und besuchten Leer ein paar Mal in den 1990er Jahren. 2012 kehrten sie zurück. Friedel starb kurze Zeit später. „Die Familie Dänekas hat mich quasi adoptiert. Ich bin ihnen für ihre Unterstützung und Hilfe so dankbar“, sagt Weinberg heute. Mit Gerda Dänekas lebt er mittlerweile in einer Wohngemeinschaft zusammen. Gemeinsam engagieren sie sich dafür, dass die Schrecken der NS-Zeit nicht in Vergessenheit geraten. Sie sprechen in Schulen, unter anderem dem Albrecht-Weinberg-Gymnasium in Rhauderfehn, über die NS-Zeit. „Was ich erlebt habe, kann ich euch gar nicht alles erzählen“, sage Weinberg in den Treffen mit Jugendlichen immer, erzählt Schachner in seiner Rede. Weil er in seiner Arbeit mit Jugendlichen dennoch an die NS-Zeit erinnere, verleihe ihm die Stadt Leer zusammen mit dem Rat Leer die Ehrenbürgerwürde, so Hauke Sattler, Ratsvorsitzender, abschließend bei der Verleihung.

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