Berlin „Sache entdeckt, die so pervers ist“ – Eine KI-Reporterin startet durch
Wird Künstliche Intelligenz den Journalismus ersetzen? Diese Sorge macht sich in Redaktionen breit, seitdem ChatGPT von der Leine gelassen wurde. Beflügelt wird die Sorge durch ein Pilotprojekt der Kölner Boulevard-Zeitung „Express“.
„Sache entdeckt, die so pervers ist“ – das ist die Dachzeile über einem vor kurzem veröffentlichten Web-Artikel von Klara Indernach (KI) im Kölner „Express“. Weiter heißt es: „Lena Meyer-Landrut beichtet: So sündigt sie am liebsten.“
Sorry, aber wer möchte da nicht weiterlesen? Die Perversion besteht übrigens darin, dass die Pop-Sängerin Trichter-förmige Paprika-Chips vor dem Verzehr mit Butter füllt. Aber hier soll es um etwas anderes gehen.
Denn vor wenigen Tagen wurde eine Sache entdeckt, die so, ähem, irgendwie pervers ist, dass die „Süddeutsche Zeitung“ sie als „feuchten Traum jedes geldgierigen Verlegers“ bezeichnet. Es geht um erwähnte Klara Indernach, eine hübsch lächelnde junge „Frau“, die seit Juli beim „Express“ sehr aktiv ist.
Die Artikel handeln von Promis, Produkten, Mallorca, teils auch harten Themen wie Gewalt gegen Obdachlose. Was alle Texte gemeinsam haben ist eine maximal knallige Überschrift voller Reizworte (siehe oben) und eine seltsam holprige Sprache und Syntax. Teils dermaßen holprig, dass da was nicht mit rechten Dingen zuzugehen scheint.
Und in der Tat, wer bis zum Ende ließt, stößt auf folgenden Redaktionshinweis: „Dieser Text wurde mit Hilfe Künstlicher Intelligenz erstellt, redaktionell bearbeitet und geprüft.“
Klara Indernach ist kein Wesen, sondern KI. Die wird zwar auch schon von anderen Redaktionen für ihre Arbeit genutzt, aber nicht als Autor vollständiger Texte ausgegeben und vermenschlicht. Die Krönung des „Express“-Projektes ist das - natürlich mit künstlicher Intelligenz erstellte - Porträtfoto der nicht existenten „Klara“.
Ist das die schöne neue Medienwelt? Werden wir Journalisten bald alle durch Klara Indernachs ersetzt, die zwar nicht selbst denken, aber vorhandene Informationen so aufpolieren, dass schier unwiderstehliche Click-Reize entstehen?
Beim „Express“ beteuern sie, KI sei „kein Ersatz für unseren Journalismus und menschliche Kompetenz. Wir respektieren redaktionelle Kontrolle und journalistische Qualität“. Aber der Eifer der makellosen Klara Indernach ist schon erstaunlich. Gern wüsste man, was „ihre“ Texte so an Klicks und Werbe-Erlösen generieren.
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ fragt sich, ob KI-Klara beim „Express“ für „kluges Investment, kalte Ignoranz oder Kölner Irrweg“ steht. Die „TAZ“ stellt fest: „Das ist kein Mensch!“
Für den Verlag hat das natürlich viele Vorteile. Nicht zuletzt den, dass man sich jederzeit und ohne Begründung von „Klara“ trennen kann, wenn sie nicht mehr die volle Leistung bringt oder Mist baut.