Osnabrück Vorwärts ins Gestern: Christian Thielemann ist der falsche Chef für Berlin
Christian Thielemann wird neuer Chef der Berliner Staatsoper. Ein Coup? Nein, ein Schritt zurück für einen Kulturbetrieb, der sich dringend weiter öffnen müsste.
Anhänger der Klassik jubeln, Wagner-Fans ohnehin: Christian Thielemann wird 2024 der neue Chef der Berliner Staatsoper. Er folgt auf Daniel Barenboim, der den Posten aus gesundheitlichen Gründen aufgibt. Der Name mag für Thielemann sprechen, die Richtung hingegen nicht.
Ich finde: Mit diesem Pultstar geht es für das Berliner Haus vorwärts ins Gestern.
Warum? Weil Thielemann ein Gralshüter des Schönklangs ist, ein Traditionalist des eingefahrenen Repertoires, Verfechter eines Rollenmodels, das autoritär genannt werden darf. Das Hamburger Abendblatt titelte vor Jahren ein Porträt über Thielemann mit der Headline: Der Stabsfeldwebel. Das ist böse, trifft aber.
Um es gleich klar zu machen: Ich bin kein Gegner der Klassik, ich bin ein Kritiker des Klassikbetriebs. Das Leben ist für mich erst dann richtig schön, wenn ich Mozart und Brahms, Chopin und Ravel hören kann. Rock, Pop und so weiter – all das ist für mich nichts gegen Bachs Goldberg-Variationen. Gerade als eingefleischter Anhänger klassischer Musik bin ich mit der Entscheidung für Thielemann gar nicht einverstanden.
Für seine Anhänger ist Thielemann schlicht ein Genie, ein Magier. Für mich ist er ein Magier des Selbstbezugs. Und das reicht nicht in einer Zeit, in der die Klassik kein Tempel sein darf, sondern immer mehr ein offenes Haus werden muss.
Daniel Barenboim hat sich als Orchestergründer für die Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern eingesetzt. Er gehört zu jenen Klassikstars, die zu Botschaftern avanciert sind, deren Message weltweit gehört wird. Wer klassische Musik liebt, der versteht sie immer auch als humane Geste. Ob Thielemann das auch unterschreiben würde? Ich bin mir nicht sicher.
Auf Nummer sicher geht nun Berlins neuer Kultursenator Joe Chialo. Er votiert in der Personalie überraschend konservativ. Das hilft Berlin als internationalem Standort der Oper. Für all jene aber, die sich wünschen, dass klassische Kulturorte eine gute Zukunft auch mit neuen Publikumsschichten haben, liegt darin eine enttäuschende Botschaft.
Denn man muss nicht das Stereotyp des alten, weißen Mannes bemühen, um Thielemanns Grenzen als Kommunikator und Vermittler zu sehen. Er wird sicher musikalische Hochgenüsse bereiten – allerdings hinter fest verschlossener Tür.
Ein frischer Impuls aus der Staatsoper Berlin, auch für die Kulturpolitik. Das hätte es sein können. Nun wird es Thielemann. Egal. Richard Wagner, Thielemanns Hausheiliger, ist eh nicht so mein Ding.