Frankfurt am Main  So kontert DFB-Nachwuchschef Wolf die Kritik am neuen Jugendfußball-Konzept

Florian Eisele
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Von Florian Eisele
| 27.09.2023 18:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Kritik gelassen gekontert: DFB-Nachwuchsdirektor Hannes Wolf bei der Vorstellung seines neuen Trainingskonzeptes. Foto: dpa
Kritik gelassen gekontert: DFB-Nachwuchsdirektor Hannes Wolf bei der Vorstellung seines neuen Trainingskonzeptes. Foto: dpa
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Schon bevor Hannes Wolf das neue Trainingskonzept für den Jugendfußball vorstellte, gab es Kritik. Doch die konterte der DFB-Nachwuchsdirektor gelassen - und bleibt bei seinen Vorschlägen.

Es gab Zeiten, in denen dieser Termin niemanden interessiert hätte: Der Nachwuchsdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Hannes Wolf stellt sein Konzept für den Trainingsbetrieb vor. Im Spätsommer des Jahres 2023 sieht das aber anders aus.

Das liegt erstmal daran, dass gleich drei Flaggschiffe des DFB zuletzt heftigen Schiffbruch erlitten haben: Die Nationalmannschaft der Männer schied bei der WM ebenso sang- und klanglos in der Vorrunde aus wie die Frauen-Auswahl bei ihrer WM. Die männliche U21-Mannschaft flog bei der EM ebenfalls nach der Vorrunde raus – als Titelverteidiger. Als dann Ende August der neue Nachwuchsdirektor Hannes Wolf seine Reform für den Jugendfußball vorstellte, war die Resonanz groß, die Kritik heftig.

Kölns Trainer Steffen Baumgart schlug in dieselbe Kerbe. Als Wolf am Mittwoch sein Trainingskonzept der Öffentlichkeit vorstellt, muss er lächeln, als er auf Watzkes Poltern angesprochen wird. Denn erst der Furor des BVB-Geschäftsführers rückte sein Vorhaben so richtig in den öffentlichen Fokus. „Es war kein Angriff auf die Reform, sondern vielmehr ein Riesengewinn, denn er hat die Debatte damit weiter geöffnet“, so Wolf. Mit Watzke habe er bereits zweimal telefoniert, „es ist alles völlig in Ordnung“.

Von seinem Vorhaben ist Wolf weiterhin überzeugt – und nicht nur er. Mit ihm sitzen auf der DFB-Pressetribüne U21-Trainer Antonio di Salvo und U18-Auswahlcoach Hanno Balitsch. Die beiden Ex-Profis sind Mitglied eines mehrköpfigen Kompetenzteams, das Wolf zur Seite steht.

Die beiden sind aber auch Familienväter, die ihre Söhne in ihren Heimatvereinen trainieren – und dabei seit langem auf das von Wolf vorgestellte Modell der Kleinfelder mit den Spielformen Drei gegen Drei oder Vier gegen Vier setzen. Neu ist das nicht, die „Funino“ genannte Spielform wurde in den 80er Jahren entwickelt. Aus Platzgründen habe di Salvo aber in seinem Verein schon vor zehn Jahren darauf zurück gegriffen – und schnell die Vorzüge erkannt: „Jedes Kind ist permanent gefordert, es geht ständig um Dribbling, Zweikampf, Pässe. Zugleich ist viel Spaß dabei.“

Mehr: Auch Eltern kritisieren die neue Reform scharf.

Gewinnen und Verlieren werde nicht abgeschafft, sondern nur anders bewertet: Gewinnt ein Dreierteam ein zehn Minuten dauerndes Match, rückt es im Feld nach rechts, der Verlierer geht nach links. Dass es keine Tabellen gibt, habe pragmatische Gründe, so Wolf: „Es ist nicht möglich, all diese Ergebnisse in Tabellen darzustellen. Aber das, was wir bekommen, ist so viel mehr als das, was wir verlieren, wenn wir bei den Kindern keine Tabellen mehr abbilden.“ Wobei es auch jetzt schon zur Wahrheit gehört: In Bayern etwa werden seit einigen Jahren in den Altersgruppen bis zwölf Jahren längst keine Ergebnisse und Tabellen mehr erfasst.

Wolf plädiert dafür, dass auch nach der Kleinfeld-Pflicht ab der E-Jugend in den Vereinen weiter im Kleinformat trainiert wird. Denn mit diesen Spielformen Feld gebe es keine Phasen mehr, in denen Spieler minutenlang keinen Ball mehr erhalten und nur immer dieselben vier, fünf Spieler den Ball haben. Anders formuliert: Keiner kann sich verstecken, jeder muss permanent angreifen oder verteidigen und kann sich sich so fußballerisch weiter entwickeln.

Natürlich könne man niemanden dazu zwingen, so Wolf: „Wir können das nicht entscheiden, wir wollen überzeugen.“ Dazu rollt gerade eine Informationsoffensive an. Wolf und sein Team treffen sich mit den Trainern der Nachwuchsleistungszentren. Es gibt Youtube-Videos, in denen Trainer und ehemalige Spieler wie Sandro Wagner oder die Bender-Zwillinge über die Vorteile des Kleinfeldtrainingssprechen. Über die Homepage des DFB können dezidierte Informationen heruntergeladen werden.

Letztlich, so Hanno Balitsch, komme das Konzept auch den Jugendtrainern zugute, die meist nach der Arbeit auf den Fußballplatz hetzen und sich keine Gedanken über einen Trainingsaufbau machen können: „Es ist nicht schwierig, diese Felder zu organisieren. Wenn die mal laufen, muss man die Kinder nur dazu animieren: gemeinsam angreifen, gemeinsam verteidigen. Ab und zu muss ich einen neuen Ball einwerfen.“

Laut Wolf kommt die Überzeugungsarbeit an: Auf einem Kongress in Nürnberg, zu dem Trainer der Nachwuchsleistungszentren eingeladen waren, wurden die Teilnehmer gefragt, ob sie sich diese Trainingsform bis hinauf zur U14 wünschen.

Die Antwort: ein einstimmiges Ja. Wolf verweist darauf, dass Stringenz wichtig ist, dass andere Nationen längst mit solchen Mitteln arbeiten – etwa das mit einer Fülle an Topspielern gesegnete Belgien, in dem halb so viele Einwohner wie in Nordrhein–Westfalen leben. Die Zeit sei gekommen, um umzudenken im deutschen Jugendfußball, der seit längerem das Fehlen von Mittelstürmern, Außenverteidigern und kreativen Spielern aller Positionen bemängelt: „Wir können nicht so tun, als hätten wir es in den vergangenen Jahren besonders gut gemacht.“

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