Verein sucht Lautsprecher  Aurich ran an die Bahn – jetzt oder nie?

| | 29.09.2023 07:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Keine andere Stadt der Größe Aurichs ist ohne Anschluss an den Schienenpersonenverkehr. Foto: Archiv/Ortgies
Keine andere Stadt der Größe Aurichs ist ohne Anschluss an den Schienenpersonenverkehr. Foto: Archiv/Ortgies
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Fahren bald wieder Personenzüge nach Aurich? Die Entscheidung lässt noch auf sich warten. Dem Verein „Aurich – ran an die Bahn“ dauert das zu lange. Er will Zug in die Sache bringen.

Aurich - „Aurich – ran an die Bahn“: Helmut Wendt wird nicht müde, für dieses Lebensziel zu trommeln. Es ist der Name des Vereins, dessen Vorsitzender der 75-Jährige ist. Für Donnerstag, 12. Oktober, lädt der Verein zu einer öffentlichen Veranstaltung mit dem Titel „Personenverkehr auf der Schiene von Aurich nach Emden“ ein. „Wir werden über aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und zukünftige Pläne für den Schienenverkehr zwischen Aurich und Emden diskutieren“, heißt es in der Einladung.

Für 19 Uhr hat Wendt im Seminarhotel Aurich einen Saal mit 50 Plätzen reserviert. Er hat 73 Briefe an Experten und Entscheidungsträger verschickt, unter anderem an die Stadt und den Landkreis Aurich, an die Gemeinde Südbrookmerland, an Politiker, Behörden, Unternehmer und Verbände. „Wir wollen Farbe bekennen“, sagt Wendt. „Jetzt oder nie!“

Die Gelegenheit ist günstig

Die rot-grüne Landesregierung plant die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken. Bis zu 90 Prozent der Kosten werden vom Bund übernommen. Auch die Bahnstrecke von Aurich über Abelitz nach Emden ist im Rennen. In einem standardisierten Bewertungsverfahren wählt das Land die zu reaktivierenden Strecken aus. Dabei spielen neben Kosten und erwarteten Fahrgastzahlen auch soziale und ökologische Kriterien sowie die Bedeutung der jeweiligen Bahnstrecke für den Tourismus eine Rolle. Im Mai hatte das von Olaf Lies (SPD) geführte Wirtschaftsministerium mitgeteilt, dass bis Ende des Jahres die aussichtsreichsten Strecken ausgewählt werden. Diese werden dann einer detaillierten Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen. Die endgültige Entscheidung falle voraussichtlich in etwa vier Jahren, hieß es.

Im Moment gebe es keinen neuen Sachstand, teilt der Auricher Landtagsabgeordnete Wiard Siebels (SPD) auf Anfrage mit. „Es gibt nur Gespräche im Hintergrund.“ Siebels ist ebenfalls Mitglied bei „Aurich – ran an die Bahn“. Zu der Veranstaltung am 12. Oktober kann er nicht kommen, weil dann das Parlament in Hannover tagt. Da darf er als Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion nicht fehlen. Wendt findet das nicht schlimm. „Wiard Siebels steht in sehr engem und gutem Kontakt mit uns.“ Er versorge den Verein mit wichtigen Informationen.

„Es müsste ein Signal kommen“

Dennoch: Dem Vereinsvorsitzenden ist es zu still um das Thema Reaktivierung der Bahn nach Aurich. „Es müsste ein Signal aus dem Gebiet kommen“, sagt Wendt. „Das vermissen wir ein bisschen, dass sich jemand outet.“ Seit 1967 fahren keine Personenzüge mehr nach Aurich. Für den Güterverkehr wurde die Strecke von Aurich über Abelitz (Gemeinde Südbrookmerland) nach Emden bereits 2008 reaktiviert. Sie wird vor allem vom Windenergieanlagenbauer Enercon genutzt. Schon damals gab es Pläne, die Strecke weiter auszubauen, damit Enercon größere Teile für Windenergieanlagen in den Emder Hafen transportieren kann.

Zwischen Aurich und Abelitz verkehren nur Güterzüge. Grafik: Reil
Zwischen Aurich und Abelitz verkehren nur Güterzüge. Grafik: Reil

Im Februar 2015 gab das Unternehmen jedoch bekannt, dass das doch nicht nötig sei. Dem Konzern war es gelungen, seine Anlagen in kleinere Segmente zerlegt auszuliefern. Die bestehenden Maße der Güterzüge reichten. Eine Verbreiterung der Trasse war nicht mehr nötig. Der Ausbau hätte auch Personenverkehr ermöglicht. Doch so platzte der Traum vom Bahnhof für Aurich. Die Kreisstadt ist weiterhin die größte deutsche Stadt ohne Anschluss an den Schienenpersonenverkehr. Zwischen Aurich und Abelitz verkehren nur Güterzüge.

Per Straßenbahn durch Moordorf?

Eine feste Zusage für den 12. Oktober hat Wendt nach eigenen Angaben vom Baudezernenten des Landkreises Aurich, Eiko Ahten. Von diesem erhofft er sich Informationen über eine Machbarkeitsstudie, die der Landkreis in Auftrag gegeben hat. Das Ingenieurbüro Emch + Berger (Hannover), das sich bereits vor zehn Jahren mit einer möglichen Reaktivierung der Bahnstrecke Aurich-Abelitz befasst hat, prüft unter anderem eine Kombination von Eisen- und Straßenbahn, das sogenannte Tram-Train-System, wie es in Karlsruhe und Kassel genutzt wird.

Die Schienen verlaufen parallel zur Bundesstraße 72. Foto: Archiv/Ortgies
Die Schienen verlaufen parallel zur Bundesstraße 72. Foto: Archiv/Ortgies

Auf den Eisenbahnschienen könnten Straßenbahnen verkehren, was vor allem im Nadelöhr Moordorf mit seinen vielen Bahnübergängen Vorteile brächte. Eine Straßenbahn kann viel besser in den Straßenverkehr integriert werden. Sie kann besser bremsen und beschleunigen als ein schwerer Zug. Die Machbarkeitsstudie befasst sich mit der Frage, wie viele Haltestellen genau es zwischen Aurich und Abelitz geben soll und wie die Anwohner vor Schall geschützt werden können. Auch Fahrgeschwindigkeiten und der Vergleich moderner Antriebstechniken (Elektrofahrzeuge durch konventionelle Streckenelektrifizierung, Akkubetrieb, Nutzung von Wasserstoff als Energieträger) werden in die Gesamtbetrachtung einbezogen.

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