Osnabrück Alternative Zeitgeschichte: Wenn es die DDR im Rezo-Zeitalter noch gäbe
Hier treffen Youtuber und Online-Aktivisten auf die Stasi: Zum Tag der Deutschen Einheit ist der Roman „Hashtag #DDR“ erschienen, der die geteilte Vergangenheit Deutschlands ins Jetzt holt und von Youtuber Rezo inspiriert ist.
Was, wenn es nicht zur Wiedervereinigung gekommen wäre und der Youtube-Star Rezo nicht die CDU, sondern die DDR „zerstört“ hätte? Diese Frage stellt sich der Roman „Hashtag #DDR“ von Holger Kreymeier.
Der Protagonist heißt Lonzo, hat giftgrün gefärbte Haare und gibt Sätze von sich wie: „Ja, lol ey“. Sein Youtube-Video „Die Zerstörung der DDR“ wurde millionenfach gesehen, beim Ministerium für Staatssicherheit sorgt das für Unmut. Schon bald drohen ihm Konsequenzen – nicht nur seine Sicherheit, sondern auch seine Beziehungen zur Familie und zum besten Freund stehen auf dem Spiel. Wem kann er noch vertrauen? Und was hat es mit seiner Cousine Greta auf sich, die plötzlich aus dem Osten erscheint?
Ein weiterer Handlungsstrang dreht sich um den ostdeutschen Online-Aktivisten Perry, der eigentlich Marc Ramelow heißt. Gleich zu Beginn wird er im Hochsicherheitsgefängnis in Ostberlin verhört. Als er freigelassen wird, hält die Freude nicht lange an: Es bahnen sich Konflikte in den eigenen vier Wänden an, als es auf einmal heißt, dass er inoffizieller Stasi-Mitarbeiter sei.
Die fiktive Handlung spielt im Sommer 2023, als wäre es gerade erst vor wenigen Monaten passiert. Viele Anspielungen auf reale Geschehnisse lassen sich finden, etwa wenn es um einen Journalisten geht, der sich Geschichten ausgedacht hat (man denke an den Fall Claas Relotius), oder um ein verheerendes Hochwasser in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Auch die Corona-Pandemie gibt es weiterhin, hinzugekommen ist aber, dass „50 Millionen Dosen des Impfstoffes MV-21 aus der DDR in die Bundesrepublik exportiert wurden, obwohl in der DDR ein Mangel an Impfstoffen und eine überdurchschnittliche Sterberate bei Covid-19 herrschten“, wie es im Buch heißt.
Trump ist in dieser fiktiven Welt noch immer US-Präsident, bei den Parteien in der Bundesrepublik werden die Union, die Grünen, die SPD und die FDP genannt, nicht aber die AfD. Stattdessen ist die rechtsextreme DVU geblieben – die Deutsche Volksunion, die in der realen Welt bis zur Fusion mit der NPD im Jahr 2011 existiert hat. Eine Bundeskanzlerin hat es noch nicht gegeben. Ob das daran liegt, dass Angela Merkel in Ostdeutschland aufgewachsen ist? Die Änderungen laden zum Nachdenken ein: Wie sähe Deutschland heute aus, wenn die Mauer nicht gefallen wäre?
Erzählt wird die Geschichte mit einer ordentlichen Prise Humor. Als Lonzo etwa auf den Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee trifft, fragt er: „Ist das hoch? So vom Dienstgrad her?“ Stellenweise mag man sich fragen, ob der Roman Rezo und seiner Generation gerecht wird – doch vielleicht ist das nicht sein Anspruch. Als satirischer Politthriller weiß „Hashtag #DDR“ zu unterhalten.
Vor allem hat der Roman das Potenzial, zusammenzubringen. Gezielt spricht er Menschen an, die erst nach der Wiedervereinigung auf die Welt gekommen sind und sich für die geteilte Vergangenheit Deutschlands wenig interessieren. An Romanen über die DDR mangelt es nicht, auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht etwa „Die Möglichkeit von Glück“ von Anne Rabe. Doch „Hashtag #DDR“ hat seinen besonderen Charme: Es ist pädagogisch wertvoll genug für die Schule und zugleich attraktiv genug für die Privatlektüre. Nur für Jugendliche ist der Roman keineswegs: Auch für diejenigen, die das geteilte Deutschland miterlebt haben, gibt es beim Gedankenexperiment viel zu gewinnen. Der Roman fängt den Zeitgeist ein – von damals und heute zur gleichen Zeit.
Der Roman „Hashtag #DDR“ von Holger Kreymeier ist beim Verlag Solibro und kostet 18 Euro.