Berlin  Jürgen Vogel: Wünsche mir einen Mörder als „Tatort“-Kommissar

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 06.10.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
„Sinnnloses Draufhauen“: Jürgen Vogel widerspricht dem „Gemecker“ über ARD und ZDF. Foto: imago-images/APress
„Sinnnloses Draufhauen“: Jürgen Vogel widerspricht dem „Gemecker“ über ARD und ZDF. Foto: imago-images/APress
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Bei deutschen Krimis ist noch viel Luft nach oben, sagt Jürgen Vogel im Interview. Sind Krimis im Programm von ARD und ZDF womöglich sogar etwas überrepräsentiert? Zum Start der neuen Staffel von „Jenseits der Spree“ haben wir mit dem Schauspieler über die Krimis seines Lebens gesprochen.

Jürgen Vogel dreht schon seit fast 40 Jahren Krimis. In den 80ern hat er sich noch als Kleinkrimineller im ARD-Vorabend durchgeschlagen; inzwischen ist er aufgestiegen und Primetime-Polizist. Mitte Oktober ermittelt er in neuen Folgen der ZDF-Serie „Jenseits der Spree“. Nur ein eigener „Tatort“ fehlt ihm immer noch.

Sind Kommissare die besseren Rollen? „Auf Opfer, Täter oder Ermittler kommt es nicht an. Es geht darum, wie die Rollen geschrieben sind“, antwortet Vogel: „Da ist in Deutschland noch viel Luft nach oben. Wir müssen den Autoren klarmachen, dass es nicht nur um den Fall geht, sondern um Persönlichkeiten. Dazu gehört handwerkliches Können und da müssen wir dazulernen.“

Aufgewachsen, erzählt der 55-Jährige, ist er mit Derrick und einem „etwas biederen“ deutschen Krimi. „Man müsste das alles anders machen“, war das Gefühl, mit dem er damals vor dem Fernseher saß. Als Meilenstein hat er dann nicht nur Kommissar Schimanski erlebt. Er mochte auch die Vorabendserie „Der Fahnder“, in der Klaus Wennemann einen eher laxen Umgang mit Dienstvorschriften pflegte.

„Die Folge ‚Der kleine Bruder‘ war meine erste Episoden-Hauptrolle, da war ich 17 Jahre alt“, erzählt Vogel. „Klaus Wennemann war ein ganz toller Schauspieler und auch ein toller neuer Ermittlertyp. Dann kam Götz George. Und wie der einen Polizisten gespielt hat, war völlig neu. Diese beiden haben uns die Freiheiten erkämpft, die wir heute haben. Ich weiß nicht, wo wir ohne die wären“, sagt Vogel: „Dann müsste ich das jetzt alles machen.“

Als Musterbeispiel aus der eigenen Produktion nennt er den Titelhelden aus „Blochin“ (2015): „Der war ein Polizeibeamter, aber auch echt gestört und sehr düster“, sagt der Schauspieler. „Im Fernsehen mag ich Polizisten, die nicht davor zurückschrecken, Leute hart anzupacken. Und die das irgendwie mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Das fand ich bei ‚Blochin‘ revolutionär.“

Damit erklärt er sich auch die Lücke in seiner Filmografie: „Mir wurde nie ein ‚Tatort‘-Kommissar angeboten. Wahrscheinlich, weil ich immer gesagt habe: Wenn ich einen ‚Tatort’-Kommissar mache, dann einen, wie es ihn noch nie gegeben hat.“ Einen nämlich, der die „Bedenkenträger“ und die „Kirchenleute in den Gremien“ verstört hätte. Vogel verweist auf die ambivalenten Ermittler in US-Serien – und entwirft die Figur eines Killers mit Dienstmarke: „Ich halte nichts von Selbstzensur“, sagt er, „und ich wünsche mir im ‚Tatort‘ einen Mörder, der fürs Gesetz arbeitet.“

Weiterlesen: Hier finden Sie das Interview mit Jürgen Vogel im Wortlaut.

Aber – gibt es bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht schon viel zu viele Ermittler? Wenigstens gehört ein Übermaß an Krimis zu den Standardvorwürfen gegen ARD und ZDF. Hier wird Vogel grundsätzlich: „Ich arbeite seit 40 Jahren mit den Öffentlich-Rechtlichen. Und ich bin sehr froh, dass es sie gibt“, sagt er – und lobt die sachkundigen Redakteure sowie ein Programm, das nicht nur der Werbevermarktung dient. Selbst die Streamer sieht er kaum noch als Alternative: „Die reduzieren ihre Eigenproduktionen, was wirklich sehr schade ist. Aber es ist so.“

Hinter der Medienschelte vermutet der Schauspieler ohnehin etwas anderes: „Natürlich kann man alles kritisieren und immer was besser machen – aber die Kritik an ARD und ZDF ist nichts als ein sinnloses Draufhauen“, sagt Vogel: „Das Gemecker über die Öffentlich-Rechtlichen höre ich erst seit dem Rechtsruck. Was kritisiert man da eigentlich? Wir haben immer noch ein freies Fernsehen. Wenn ich mir vorstelle, wie wir ohne die Öffentlich-Rechtlichen dastehen – na, danke! Wir wissen doch aus anderen Ländern, was das bedeutet.“

„Jenseits der Spree“. Sechs neue Folgen, immer freitags um 20.15 Uhr im ZDF. In der ZDF-Mediathek ist „Jenseits der Spree“ immer schon eine Woche vor der Ausstrahlung verfügbar.

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