Hamburg  Leck in Pipeline zwischen Finnland und Estland – Berichte über „mutmaßliche Explosion“

Karolina Meyer-Schilf, AFP User
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Von Karolina Meyer-Schilf, AFP User
| 10.10.2023 15:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Erdgaspipeline „Balticconnector“ verbindet Finnland und Estland und wurde 2020 eröffnet. Foto: Imago Images/MIHKEL MARIPUU/EESTI MEEDIA TALLINN HARJUMAA
Die Erdgaspipeline „Balticconnector“ verbindet Finnland und Estland und wurde 2020 eröffnet. Foto: Imago Images/MIHKEL MARIPUU/EESTI MEEDIA TALLINN HARJUMAA
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Nach einem plötzlichen Druckabfall der Gaspipeline „Balticconnector“ zwischen Finnland und Estland vermutet die Regierung in Helsinki eine „äußere Einwirkung“ als Ursache. Was bislang bekannt ist.

An der Gaspipeline von Estland nach Finnland ist nach Angaben Helsinkis wahrscheinlich durch „äußere Einwirkung“ ein Schaden entstanden. „Es ist wahrscheinlich, dass der Schaden sowohl an der Gaspipeline als auch an dem Telekommunikationskabel das Ergebnis äußerer Einwirkung ist“, erklärte der finnische Präsident Sauli Niinistö am Dienstag. Die Pipeline transportiert Gas von Estland nach Finnland und war am Sonntag wegen eines Druckabfalls geschlossen worden.

Im Bereich der beschädigten finnisch-estnischen Gaspipeline hat das seismologische Institut Norwegens (Norsar) in der Nacht zum Sonntag eine „mutmaßliche Explosion“ registriert. „Norsar hat am 8. Oktober 2023 um 1.20 Uhr (Ortszeit, 0.20 Uhr MESZ) eine mutmaßliche Explosion vor der finnischen Ostseeküste festgestellt“, erklärte das unabhängige seismologische Institut am Dienstag auf seiner Webseite.

Die genaue Ursache für den vermuteten Gasaustritt sei noch nicht geklärt, sagte der Präsident weiter. Die Untersuchung werde gemeinsam mit den zuständigen Stellen in Estland fortgesetzt .Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte im Onlinedienst X (vormals Twitter), er habe mit Niinistö gesprochen. Die Allianz sei bereit, den von dem Fall betroffenen Mitgliedstaaten zur Seite zu stehen.

Zuvor hatte die finnische Tageszeitung „Helsingin Sanomat“ und weitere skandinavische Medien berichtet, dass die finnische Regierung eine Presseerklärung im Laufe des Nachmittags halten will. Das am Montag in der Gaspipeline „Balticconnector“ festgestellte Leck soll ihren Quellen zufolge nicht von einem Unfall herrühren.

Die Pipeline verläuft zwischen dem finnischen Inkoo und dem estnischen Paldiski durch den finnischen Meerbusen und ist seit Januar 2020 in Betrieb. Ihr Transportvolumen ist mit bis zu sieben Millionen Kubikmeter Gas relativ klein.

Die Betreibergesellschaften von „Balticconnector“, Gasgrid aus Finnland und Elering aus Estland, hatten am frühen Sonntagmorgen einen plötzlichen Druckabfall in der Pipeline bemerkt. Der Gastransport zwischen den beiden EU-Ländern wurde daraufhin eingestellt. Die Betreiber kündigten Untersuchungen an. Berichten zufolge wurden bei den Ermittlungen auch das Militär und der Geheimdienst hinzugezogen.

Wie aus AIS-Daten auf der Schiffstracking-Website „Marinetraffic“ hervorgeht, sind derzeit zwei finnische Marine- und Küstenwachschiffe sowie ein hydrografisches Forschungsschiff vor Ort.

Beweise dafür, dass es sich um einen Anschlag handelt, gibt es einen Tag nach dem plötzlichen Druckabfall noch nicht, erscheint aber zumindest möglich: Präsident Sauli Niinistö erklärte am Nachmittag, es sei wahrscheinlich, dass die Beschädigung sowohl der Gasleitung als auch eines Kommunikationskabels auf äußere Einwirkungen zurückzuführen sei – die Ursache sei aber noch unklar. Nach den spektakulären Anschlägen auf die Nordstream-Pipelines im September 2022 wäre das ein neuerlicher Angriff auf die maritime Infrastruktur in der Ostsee.

Schon zuvor hatte es mutmaßliche Sabotageakte gegeben, zunächst an Seekabeln. Anfang 2022 wurde eines der wichtigsten arktischen Seekabel in der Nähe von Svalbard in Norwegen durchtrennt. Die Nato registriert bereits seit 2015 gestiegene russische U-Boot-Aktivitäten entlang wichtiger maritimer Infrastruktur. Seit dem Anschlag auf Nordstream 1 häufen sich in den Medien die Berichte und Enthüllungen über russische Spionageaktivitäten in Nord- und Ostsee.

Ob es auch in diesem Fall ein bewusster Akt der Sabotage war und wer dafür verantwortlich ist, sollen die jetzt angelaufenen Untersuchungen klären.

Wer für die Sprengung der Nordstream-Pipelines verantwortlich ist, ist indessen auch über ein Jahr nach dem Anschlag unklar. Zahlreiche Spekulationen ranken sich seither um das Geschehen nahe der dänischen Insel Bornholm, Substantielles zu möglichen Urhebern geben die Untersuchungsbehörden der Anrainerstaaten bislang nicht preis.

Maritime Infrastrukturen tatsächlich wirksam zu schützen, ist dabei ein schwieriges Unterfangen: „Um sich gegen physisches Eingreifen auf See zu wehren, müssen Sie erstmal ein Lagebild haben. Etwa durch Radar und Unterwassersensoren. Bei der Vielzahl der maritimen Infrastruktur ist das sehr schwierig“, sagte etwa Fregattenkapitän und Experte für maritime Sicherheit Göran Swistek von der Stiftung Wissenschaft und Politik im Gespräch mit unserer Redaktion nach den Nordstream-Anschlägen.

„Es ist erstmal ein psychologischer Effekt: Wenn man ein Datenkabel durchtrennt oder auch zwei, hat das noch nicht so große Auswirkungen. Es sind Botschaften, dass man auch in großer Wassertiefe in der Lage ist, Schaden anzurichten“, sagte der Experte im Hinblick auf die durchtrennten Kabel in der Arktis.

Welchen Effekt es hat, in einem engen und vielbefahrenen Seegebiet wie dem finnischen Meerbusen möglicherweise ungestört operieren zu können, wird sich zeigen.

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