Istanbul Israel im Kampf gegen die Hamas: Wie verändert der Krieg den Nahen Osten?
Der Krieg zwischen Israel und der Hamas wird die Gleichgewichte im Nahen Osten auf Jahre hinaus verändern. Der Iran und die Extremisten von der Hamas sind die Gewinner – zumindest vorerst. Denn der Schock wird die Gegner des Iran zusammenschweißen.
Israel verlor bei dem Angriff vom Samstag seinen Nimbus der Unbesiegbarkeit, der den Feinden des jüdischen Staates mehr als ein halbes Jahrhundert lang Respekt einflößte. Bis Samstag sei Israel bei Geheimdienstarbeit und Überwachungstechnologie der „Gold-Standard“ gewesen, sagt der Nahost-Experte und Chef der Beraterfirma EurasiaGroup, Ian Bremmer. Damit ist es vorbei. Israels Hightech-Armee wurde von Angreifern überrascht, die auf Mopeds durch den Grenzzaun von Gaza fuhren. Tage nach dem Angriff hatte Israel immer noch nicht alle Hamas-Kämpfer aus dem eigenen Territorium vertrieben.
Die Hamas-Kämpfer sind in den Augen vieler Araber nun Helden. Sie haben dem übermächtig erscheinenden Israel eine Niederlage beigebracht und die lange verdrängte Palästinenser-Frage wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Die Folgen israelischer Luftangriffe in Gaza, die nach UN-Angaben auch Wohngebäude und Schulen trafen, könnten der Hamas noch mehr in die Hände spielen.
Eine Verständigung zwischen Israel und den Palästinensern ist jetzt noch schwieriger als vor dem Krieg, denn die Hamas spricht Israel das Existenzrecht ab. Im inner-palästinensischen Konflikt gewinnen die Radikalen zu Lasten der gemäßigteren Fatah-Bewegung von Präsident Mahmud Abbas an Boden. In Israel kann sich Premier Benjamin Netanjahu nach der Demütigung vom Samstag keine Zugeständnisse an die Palästinenser leisten.
Der Iran kann sich als Schutzmacht der Palästinenser profilieren. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass Teheran den Angriffsbefehl in Gaza gab: Die Islamische Republik finanziert und bewaffnet die Hamas und hat nun nach der Hisbollah im Libanon und den Huthis im Jemen eine dritte schlagkräftige Hilfstruppe in der Region. Sollte die Hisbollah mit ihren mehr als hunderttausend Raketen eine zweite Front gegen Israel eröffnen, dürfte die israelische Luftwaffe nicht nur den Libanon bombardieren, sondern auch den Iran. Dann stünde die ganze Region in Flammen.
Doch die Entwicklung im Nahen Osten läuft nicht zwangsläufig auf einen großen Krieg um das Überleben Israels und auf eine Vormachtstellung des Iran hinaus. Der Iran und Hamas könnten eine Pyrrhus-Sieg errungen haben. Im Iran gibt es bereits Proteste gegen das teure Engagement des Regimes in Gaza, Syrien, Irak, Libanon und Jemen. Die landesweiten Demonstrationen gegen die Unterdrückung der Frauen und die Misswirtschaft der Mullahs im vergangenen Jahr haben gezeigt, dass die Islamische Republik weniger stabil ist, als die Führung glaubt. Der Hamas steht ein israelischer Vergeltungsfeldzug bevor, bei dem sie klar unterlegen ist und bei dem sie keinen Überraschungseffekt mehr auf ihrer Seite hat. Mopeds sind wehrlos gegen Kampfflugzeuge.
Mit Blick auf den „großen Satan“ USA haben Iran und Hamas mit dem Angriff auf Israel strategisch das Gegenteil von dem erreicht, was sie erreichen wollten, nämlich den Abzug der Amerikaner aus dem Nahen Osten. Angesichts der Gefahr eines neuen Nahost-Krieges und der Bedrohung für den Verbündeten Israel werden die USA ihren seit Jahren laufenden Rückzug aus der Region zumindest vorerst stoppen. Washington wird sich wieder stärker engagieren, um Israel zu schützen. Die Entsendung eines US-Flugzeugträgers vor die israelische Küste ist ein erstes Beispiel dafür.
Auch wird der Erfolg von Iran und Hamas auf Dauer nicht verhindern, dass sich arabische Staaten mit Israel verbünden, im Gegenteil: Der Angriff auf Israel könnte bestehende Bündnisse stärken und neue hervorbringen. Die Vereinigten Arabischen Emirate etwa geben der Hamas die Schuld am Blutvergießen in Gaza und denken nicht daran, ihre Aussöhnung mit Israel rückgängig zu machen. Auch Saudi-Arabien dürfte die Annäherung an Israel nach einer Pause wieder aufnehmen. Beide Staaten misstrauen dem Iran und wollen von den USA beschützt werden. Im Nahen Osten werden die Karten neu gemischt – aber noch ist nicht gesagt, wer die Trümpfe halten wird.