Berlin Letzter Blick auf das Ischtar-Tor: Was passiert auf Berlins Museumsinsel?
Pergamon-Altar, Ischtar-Tor, Markttor von Milet: Die Berliner Museumsinsel bietet frühe Hochkulturen als großes Spektakel. Doch jetzt schließen sich die Türen. Was passiert auf dem Museumsareal?
Ob die Löwen sich zur Ruhe legen, wenn es Nacht um sie wird? Noch fletschen sie ihre Zähne, heben unruhig den Schweif. Aber bald hüllt die Dunkelheit die königlichen Tiere ein. Ihre Silhouetten heben sich kraftvoll vom blauen Grund jener Kacheln ab, mit denen die Flanken der Prachtstraße ausgelegt sind. Der Weg der Prozession, dazu das majestätische Ischtar-Tor – das Herz Babylons schlägt in Berlin, auf der Museumsinsel. Bald wird ihr Herzstück für einen gigantischen Umbau geschlossen. Das Tor, die Straße und mit ihr die Löwen werden auf Jahre nicht mehr zu sehen sein.
„Wenn wir fehlen, wird etwas fehlen“, sagt Barbara Helwing mit Wehmut in der Stimme. Direktorin des Vorderasiatischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin, Honorarprofessorin der Vorderasiatischen Archäologie an der Freien Universität Berlin: Zwei lange Titel, eine patente Frau, das ist Barbara Helwing, die nüchtern sagt: „Wenn das Museum wiedereröffnet werden wird, bin ich längst in Rente“.
Die Eckdaten lesen sich ähnlich imposant wie der optische Eindruck, den die Architekturen des Pergamonmuseums bei Besuchern hinterlassen. Pergamonaltar, Markttor von Milet und eben das Ischtar-Tor, sie machen antike Welten zum überwältigenden Live-Erlebnis. Am 23. Oktober 2023 ist damit erst einmal Schluss. Das Museum schließt für eine umfangreiche Renovierung. 2027 wird der Pergamonaltar wiederzusehen sein, das Ischtar-Tor erst 2037. Wer diese Jahreszahl hört, muss erst einmal schlucken.
Barbara Helwing geht es ähnlich. Nach der Corona-Zeit hatten die Besucherzahlen gerade erst wieder angezogen. „Für 2023 kommen wir auf rund 800.000 Besucher“, bilanziert die Museumsdirektorin beim Gang durch die blaue Prozessionsstraße. Die Löwen bestimmen den Rhythmus dieses Weges. Ein Ornament aus weißen Blüten auf strahlendem Blau begleitet sie. Alles hier atmet herrschaftliche Größe. Babylon liegt in Berlin. Und das hat nichts mit der TV-Serie „Babylon Berlin“ zu tun.
Die Archäologin erzählt davon, wie sich Preußens Könige und die Kaiser des Deutschen Reiches einst für die Grabungen im heutigen Irak begeisterten. „Sie haben sich mit den Herrschern Assyriens identifiziert“, sagt Barbara Helwing. Bis 1917 leitet Robert Koldewey die Grabungen im antiken Babylon, heute im Irak südlich von Bagdad gelegen. Walter Andrae wird später die Prozessionsstraße und das Ischtar-Tor rekonstruieren. Das 1930 eröffnete Pergamonmuseum hat seine Attraktionen.
Aber was ist daran original, was eine kulturelle Projektion, die vor allem dem Deutschen Reich dazu verhelfen sollte, in der Zeit des Kolonialismus im Wettlauf der europäischen Großmächte aus archäologischen Grabungen Prestige und Ansehen zu gewinnen? Barbara Helwing berichtet von der verwickelten Geschichte der Grabungen und der Kunst deutscher Archäologen und Restauratoren, die aus tausenden von farbig glasierten Tonscherben vor Jahrzehnten erst die Löwen rekonstruierten. Später kamen die Stiere und Drachen hinzu. Sie alle verkörpern die mächtigsten Gottheiten Babylons. Das einst unter dem legendären Herrscher Nebukadnezar II., der auch in der Bibel eine große Rolle spielt, um 600 vor Christus errichtete Tor sollte Macht symbolisieren und Feinde fernhalten.
Auch wenn sich das Osmanische und das Deutsche Reich seinerzeit auf eine Teilung der Grabungsfunde von Babylon einigten, sollen die Exponate des Berliner Museums während der Schließungszeit überprüft werden. War der Erwerb wirklich rechtmäßig oder bleiben Zweifel? Barbara Helwing kündigt an, dass ein Forschungsprojekt Klarheit bringen soll.
Voreiligen Schlüssen erteilt sie aber eine klare Absage. „Die Großobjekte können heute nur bewundert werden, weil sie erforscht werden. Wir müssen auch die geistige und kreative Leistung der Forscher anerkennen. Es geht nicht um eine kolonialistische Aneignung“, betont Helwing.
Sie berührt damit einen empfindlichen Punkt. Weltberühmte Exponate wie das Ischtar-Tor oder die Prachtstraße, die auf das Tor zuführt, sind letztlich Konstrukte, von Forschern vor knapp einem Jahrhundert aus Fundstücken und aus nachträglich produzierten Kacheln wie ein Puzzle komponiert. Sie zeigen heute beides – antike Architektur und Repräsentationsformate einer Großmacht der Moderne.
Jetzt geht das Ensemble von Weltruf in eine richtungsweisende Transformation. Über Jahre sollen die Gebäudeflügel des Pergamonmuseums ertüchtigt werden. Zudem wird im Rahmen des „Masterplans Museumsinsel“ jene unterirdische Meile installiert, die das Ensemble der Museumsinsel für ein internationales Publikum neu erschließen soll. „Die Kosten belaufen sich 1,3 Milliarden Euro. Am Ende werden es wohl 1,5 Milliarden sein“. Barbara Helwing spricht beeindruckende Zahlen gelassen aus.
Dabei geht es nicht allein darum, marode Gebäude zu sanieren. Die unterirdische Transversale muss zudem so schonend wie möglich eingebaut werden. Großobjekte wie Pergamonaltar und Ischtar-Tor vertragen nach Helwings Worten kaum Erschütterungen. Es wird nicht irgendwo gebaut. Die Museumsinsel ist von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannt.
Einstweilen flanieren noch die Besucher die Prachtstraße entlang, heben den Blick staunend zum Ischtar-Tor oder bewundern das Markttor von Milet. Es ist die letzte Gelegenheit, auf Jahre. Viele wissen das. Noch schnell einen letzten Blick erhaschen, bevor sich die Tore schließen. Darum geht es. Wird es Nacht für die Löwen Babylons? Kaum vorstellbar, dass sie sich jemals zur Ruhe legen. Sie schreiten ewig voran, jetzt schon Jahrtausende lang.