Weihnachtsflut 1717 „Kein Deich. Kein Land. Kein Leben!“ – als Ostfriesland unter Wasser stand
Während der verheerenden Flutkatastrophe verloren 1717 allein in Ostfriesland 3000 Menschen ihr Leben. Die Deiche hielten dem Wasser nicht stand. Könnte das auch heute passieren?
Krummhörn - Es ist Weihnachten, Heiligabend. Familien gehen zur Kirche, feiern im Kreise ihrer Familien und gehen dann schlafen. Wenige Stunden später werden sie vollkommen unvorbereitet aus den Betten gerissen. Wassermassen überschwemmen die ganze Küstenregion - reißen Häuser, Bäume, Tiere und Menschen mit sich. Mehr als 10.000 Menschen verlieren ihr Leben, darunter knapp 3000 in Ostfriesland. Außerdem verenden 2300 Pferde, 9500 Rinder, 2800 Schafe und 1800 Schweine in Ostfriesland. Hinzu kommen 900 weggespülte und 1800 beschädigte Häuser. Die Weihnachtsflut 1717 ging als eine der verheerendsten Katastrophen der Region in die Geschichte ein.
Obwohl die Katastrophe über 300 Jahre her ist, wissen wir heute recht viel über sie. Nach Auskunft von Dr. Paul Weßels von der Ostfriesischen Landschaft handelt es sich dabei sogar um die erste Katastrophe, die medienwirksam aufbereitet wurde. Das liegt wohl auch daran, dass viele Pastoren damals Berichte über das Unglück geschrieben haben. Weßels sagt, dass viele von ihnen in Halle ausgebildet wurden und sich anschließend zu einer Art Netzwerk zusammengetan hatten. Die Berichte wurden verfasst, um in ganz Deutschland Spenden für die betroffenen Gebiete zu sammeln.
Löcher in den Deichen wurden immer größer
Anders als heute, waren die Deiche in Ostfriesland damals in einem so miserablen Zustand, dass sie durch die Flut zu großen Teilen komplett zerstört wurden. Da die Menschen nicht mit der Sturmflut gerechnet hatten, gelang es ihnen nicht schnell genug, sich selbst zu retten, geschweige denn, die Deiche zu verstärken. Das löste eine Art Kettenreaktion aus, denn die bestehenden Löcher wurden immer größer, bis kaum etwas vom Deich überblieb. Der Chronist Friedrich Arends schrieb weniger Jahre später dazu: „Die tobenden Wasser bestürmen die Häuser, rissen Stücke davon ab, warfen sie zu Boden und die Unglücklichen versanken in den Fluten. Oder von Kälte erstarrt fällt einer der Entkommenen nach dem Andern vom Baum, vom Dach, vom Heu herab oder gibt auf dem Zufluchtsort selbst seinen Geist auf.“ Zu dieser Zeit sah man Naturkatastrophen häufig noch als Strafe Gottes.
In der heutigen Krummhörn waren die Auswirkungen laut Paul Weßels besonders dramatisch. Sie war im Grunde komplett unter Wasser. Die Pegelstände, überliefert ist eine Höhe von rund 4,89 Meter über NN, waren dabei teilweise höher als bei der verheerenden Sturmflut 1962 (4,85 Meter über NN). Verschlimmert wurde die Lage dadurch, dass es nicht gelang, die Deiche wieder zu verschließen. „Dort waren die Löcher zu tief, so dass zweimal täglich die Flut in das Land lief und bei Sturmfluten noch deutlich weiter. Dadurch waren weite Flächen jahrelang für die Landwirtschaft verloren. Es gelang erst 1725, die Deiche wieder zu schließen“, schreibt dazu auf Nachfrage Sebastian Schatz, Sprecher der Ostfriesischen Landschaft.
„Kein Deich. Kein Land. Kein Leben!“
Für den Deichwiederaufbau gab es lange Zeit weder Geld noch Kredit. Hinzu kam in Ostfriesland, dass die neuen Deiche weiter landeinwärts gesetzt wurden, wodurch hektarweise Land verloren ging.
Ein bekannter Satz, der heute nicht nur in Zeitungsartikeln zitiert wird, kommt von Albert Brahms: „Kein Deich. Kein Land. Kein Leben!“ Der Landwirt wohnte damals in der Nähe von Jever und erlebte die Flut selber mit - er konnte sich mit seiner Frau und dem gemeinsamen Baby nur knapp auf einen Dachboden retten. Heute gilt er als einer der Pioniere des Deichbaus. Brahms war für den Neuaufbau des Deichs im Bereich Jever zuständig und nahm diese Aufgabe offenbar ernst. Er setzte nicht nur höhere Deiche als nach der Flutmarke von 1717 durch, sondern vor allem die Verstärkung der Deiche. Die Deichbasis wurde wesentlich verbreitert, um die Böschungen abflachen zu können. Dadurch wurde der Wellenangriff großflächiger verteilt und bei Wellenüberlauf oder Überströmung der Deichkrone die Gefahr eines Kappensturzes vermindert. Diese Erkenntnisse sind noch heute von großer Bedeutung im modernen Deichbau.
Wie würde man heute mit einer solchen Katastrophe umgehen?
In Sachen Küstenschutz hat sich in den letzten 300 Jahren also glücklicherweise deutlich was getan. Die höchsten Deiche sind heute bis zu neun Meter hoch. Nach und nach werden sie – auch, um den Folgen des Klimawandels gerecht zu werden – erhöht und erweitert. Aktuelles Beispiel hierfür ist der Deichabschnitt zwischen Manslagt und Upleward, der in diesem Jahr erhöht wird. Nichtsdestotrotz, hätte ein Deichbruch in diesem Ausmaß auch heute verheerende Folgen, denn weite Teile Ostfrieslands liegen nach wie vor unter dem Meeresspiegel.
Aber die Deiche wurden in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder erhöht und die Bauart verbessert. So blieben schwere Überschwemmungen bei der November- und der Nikolaussturmflut 2006 und 2013 aus, die Deiche hielten – trotz Pegelständen von mehr als fünf Metern über NN.
Während die Menschen 1717 von der Sturmflut überrascht wurden, gibt es heute eine Vielzahl an Warnmechanismen. Wetterexperten und Küstenschutz beobachten die Pegel- und Winddaten aus dem gesamten Nordseegebiet aus. So kann der Sturmflutwarndienst frühzeitig über den Zeitpunkt und die voraussichtliche Höhe der Wasserstände informieren. Wie der dafür zuständige Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) auf seiner Website schreibt, werden die betroffenen Kommunen im Ernstfall „schnell und umfassend“ informiert. Die jeweiligen Wasserstandsvoraussagen kann man zudem auch jederzeit im Internet abrufen.
Die Ostfriesische Landschaft hat die Geschichte der Weihnachtsflut 1717 in einer Wanderausstellung aufgearbeitet. Vom 21. Oktober bis zum 31. Oktober wird sie im Jugend- und Kulturhaus in Visquard zu sehen sein. Laut Ankündigung beleuchtet die Ausstellung nicht nur die Ursachen und den Verlauf der Flut, sondern auch die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Folgen, die sie mit sich brachte. Der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten.
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