Berlin  Lemke will kein „anlassloses Abschießen“ von Wölfen

Rena Lehmann
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Von Rena Lehmann
| 13.10.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Weltfremde Wolfspolitik oder praktikable Lösung? Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) macht einen Vorschlag zum schnelleren Abschuss von Problemwölfen. Foto: Imago
Weltfremde Wolfspolitik oder praktikable Lösung? Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) macht einen Vorschlag zum schnelleren Abschuss von Problemwölfen. Foto: Imago
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Der Wolf ist zur Bedrohung für Weidetiere geworden. Bundesumweltministerin Steffi Lemke sieht inzwischen seine Akzeptanz gefährdet – und macht einen Vorschlag. Das sind die Pläne und die Reaktionen.

Die Bundesumweltministerin bezeichnete die Rückkehr des Wolfs als einen Erfolg für den Artenschutz, Weidetier-Risse hätten aber ein solches Ausmaß erreicht, dass seine Akzeptanz gefährdet sei. Deshalb will sie “schnell und unbürokratisch” reagieren. Die bisherigen Leitlinien sorgten dafür, dass der Abschuss von Problemwölfen oft an bürokratischen Vorgaben scheiterten. Diese will Lemke ausräumen. Künftig sollen in Regionen, in denen es häufig zu Weidetierrissen kommt, Problemwölfe schnell und unbürokratisch getötet werden können.

Bereits nachdem ein Wolf erstmalig Tiere gerissen hat, soll unmittelbar für einen Zeitraum von 21 Tagen eine Abschussgenehmigung erteilt werden, die für einen Umkreis von einem Kilometer um die betroffene Weide gilt. Voraussetzung ist, dass die Weide mit Schutzmaßnahmen versehen war, die der Wolf dennoch überwunden hat. Für welche Regionen die neue Praxis gilt, sollen die Länder bestimmen. Bislang waren die geltenden Leitlinien so ausgelegt worden, dass ein entsprechender DNA-Nachweis des betreffenden Tieres vor einer Abschussgenehmigung erbracht werden musste – mit der Folge, dass eine sogenannte Wolfsentnahme nur selten gelingt.

Weiterlesen: Problem-Wölfe sollen schneller geschossen werden können

Hat ein Wolf ein Weidetier gerissen, müsste dies durch einen Gutachter bestätigt werden, der sich vor Ort auch ein Bild über den vorhandenen Weideschutz machen und “innerhalb weniger Stunden”, so Lemke, die Abschussgenehmigung erteilen könnte. Das Zeitfenster von 21 Tagen für den Abschuss sei auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen gewählt worden. Ein Wolf versuche nach einem erfolgreichen Übergriff mit hoher Wahrscheinlichkeit einen weiteren Angriff auf dieselbe Herde. Dies sei bei einer Untersuchung in Schweden festgestellt worden. Die Regelung ermögliche es, den betreffenden Wolf zeitnah zu treffen und weitere Risse zu verhindern. Nach Riss und Abschuss soll ein DNA-Test gemacht werden, um die Identität des Tieres sicher festzustellen. 

Lemke hat ihren Vorschlag an die Umweltminister der Länder geschickt. Ihr Ziel ist es, bei der nächsten Konferenz mit ihnen Ende November eine Einigung auf die neue Praxis zu erreichen. Gesetzliche Änderungen im Bundesnaturschutzgesetz sind dafür laut Lemke nicht notwendig. Zu Beginn der Weidetiersaison im Frühjahr soll der schnellere Abschuss bereits möglich sein. Weitere Maßnahmen wie „wolfsfreie Zonen” oder ein “Bestandsmanagement”, das eine Regulation des Bestandes bedeuten würde, hält Lemke für rechtlich nicht möglich. “Wir haben die Verpflichtung, uns um den Schutz der Tiere zu kümmern”, sagte sie – und meint damit den Wolf. 

Noch vor wenigen Jahren wurde die Rückkehr des für lange Zeit ausgerotteten Wolfs in Deutschland überwiegend als Erfolg für den Artenschutz gefeiert. Seit die Zahl der Rudel deutlich ansteigt und die Zahl der Weidetierrisse auf zuletzt 4000 Tiere im Jahr kletterte, werden die Rufe von Landwirten und Tierhaltern nach einer grundsätzlichen Regulation der Bestände immer lauter. Derzeit gibt es 253 Wolfsterritorien mit 184 Rudeln, 47 Paaren und 22 Einzelgängern. Die meisten Tiere leben in Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen. Der Weidenschutz ist aufwendig, teuer und wird von Wölfen nicht selten überwunden. 

Aus der Ampel-Koalition selbst kommt teils deutliche Kritik. Die FDP hält Lemkes Pläne für „unzureichend”. „Es ist ein erster Schritt, darf aber im Umgang mit dem Wolf nicht der Letzte sein. Die Schäden müssen reduziert werden. Sonst gibt es bald keine Weidetierhaltung mehr in Deutschland”, sagte die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Carina Konrad im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Situation auf den Weiden habe sich dramatisch zugespitzt. „Daher sind die vorgeschlagenen kurzfristigen Maßnahmen zur Bewältigung des Wolfes immerhin ein Anfang.“ Konrad sprach sich aber dafür aus, „ein europarechtskonformes, regional differenziertes Bestandsmanagement zu etablieren“. 

Auch vom Bauernverband kommt Kritik. Generalsekretär Bernhard Krüsken spricht von einer „weltfremden Wolfspolitik”. Lob für Lemkes Vorschlag kommt von Umweltverbänden und von den Grünen. 

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