Osnabrück Frankfurter Buchmesse: Literaturpreis für Adania Shiblis Roman „Eine Nebensache“? Bitte nicht!
Auf der Frankfurter Buchmesse sollte Adania Shiblis Roman „Eine Nebensache“ ausgezeichnet werden. Im Ernst? Nicht nur Autor Maxim Biller kritisiert den Text als antisemitisch. Angesichts des Massakers der Hamas in Israel schien die Preisverleihung kaum vorstellbar. Jetzt wird sie verschoben.
Es sollte eine entspannte Buchmesse werden. Keine Verlage aus der rechten Szene, die zuletzt für Krawalle in den Frankfurter Messehallen gesorgt hatten. Das Problem hat sich für die Buchmesse damit von selbst pulverisiert.
Alles klar also? Nein, denn der Buchmesse steht eine Debatte ins Haus, die peinlich genau an den Streit um die letzte Documenta erinnert. Ihr Thema: Antisemitismus.
Die Autorin Adania Shibli sollte auf der Frankfurter Buchmesse für ihren Roman „Eine Nebensache“ mit dem LiBeraturpreis 2023 ausgezeichnet werden. Das klang nach einer kleineren Position im Veranstaltungskalender. Doch das Massaker der palästinensischen Terrororganisation Hamas in Israel hat den Fokus radikal verschoben – auch für Adania Shibli und ihr schmales Buch.
Der Roman erzählt die Geschichte eines Beduinenmädchens, das 1949 von israelischen Soldaten vergewaltigt und getötet wird. Die israelische Zeitung Ha’aretz bringt das Verbrechen 2005 ans Licht. Die Täter werden abgeurteilt, spät, aber immerhin. So weit, so real. Kritiker werfen der Autorin allerdings vor, in ihrem Roman Juden als Mordmaschinen rabiat zu überzeichnen.
Wir erinnern uns an die letzte Documenta. Die Documenta fifteen scheitert 2022 an Bildern der Künstlergruppe Taring Pardi, auf denen Juden als Schweine böse karikiert werden. Die Weltkunstschau als Plakatwand unverstellten Judenhasses?
Vor wenigen Tagen liken Mitglieder des Künstlerkollektivs Ruangrupa Videos von Demonstranten, die mitten in Berlin das Massaker der Hamas bejubeln. Ruangrupa hat die letzte Documenta künstlerisch verantwortet – und aus dem Desaster um antisemitische Bilder offenbar nichts gelernt. Das zeigen die Likes der Ex-Kuratoren.
2022 durchforsteten Beobachter die Documenta nach antisemitischen Bildmotiven. Das hätte sich jetzt auf der Frankfurter Buchmesse wiederholt. Der Streit um die Frage, ob Adania Shibils Roman als antisemitisch zu werten ist oder nicht, hat längst begonnen.
Schön wäre das Leben mit einer Kultur, mit der gegen den Hass und für die Verständigung gewirkt werden kann. Doch Teile der Kulturszene stehen im Verdacht, dem Hass eine Bühne zu bieten. Auffällig viele Kulturmacher sympathisieren mit der antiisrealischen, ja antisemitischen Bewegung Boycott, Divestment and Sanctions, BDS, – und schweigen jetzt zu dem blindwütigen und dabei grausam kalkulierten Morden der Hamas.
Eine skandalfreie Buchmesse? Vergesst es. Trotz der Absage der Preisverleihung wird die Debatte um Literatur und Antisemitismus, um Kunst und Moral weitergehen. Jetzt gibt es wenigsten eine Denkpause. Es wäre viel mehr als nur eine Taktlosigkeit gewesen, angesichts des bestialischen Verbrechens der Hamas diese Preisverleihung routiniert durchzuwinken.
Der Eklat ist vermieden. Die Buchmesse muss trotzdem eine glaubwürdige Antwort finden. Der Vorstandsvorsitzende des Vereins, der den Preis vergibt, heißt schließlich Juergen Boos. Er ist Direktor der Frankfurter Buchmesse.