Schwerin Wie eine Theologin einen neuen Begriff in den Diskurs einbringt
Da ist etwas aufgebrochen im West-Ost-deutschen Diskurs. Bundesweite Sender wie auch westdeutsche „Leitmedien“ befleißigen sich plötzlich einer Ost-Versteherei, die zuweilen schon albern wirkt. Eine Theologin indes hatte der Debatte kürzlich einen interessanten neuen Begriff hinzugefügt: Die West-Scham!
Petra Bahr ist aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, evangelische Regionalbischöfin in Hannover und Mitglied des Deutschen Ethikrats. Die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ hat sie - für ihren Regionalteil „Zeit im Osten“ - interviewt, nachdem sie in einem Festvortrag zum 25. Jubiläum der „Bundesstiftung Aufarbeitung“ den Begriff eingeführt und gemahnt hatte, die Westdeutschen möchten doch ihre „Westscham“ überwinden, um eine echte Aufarbeitung des Desinteresses, der Ignoranz und der Vorurteile gegenüber dem Osten zu ermöglichen.
Die Zeit-Kollegen haben daraus eine hübsche essayistische Plauderei geschaffen. Mit Gastbeiträgen unter anderem der Schriftstellerinnen Juli Zeh, die seit 16 Jahren Brandenburgerin ist, und der Hamburgerin Verena Keßler, die in Leipzig lebt und mit „Die Gespenster von Demmin“ auch in Mecklenburg-Vorpommern Bekanntheit erlangte. Zeh hält nicht viel von Bahrs Scham-Begriff, wenngleich sie die Intention teilt. Keßler kommt in ihrem Zeit-Artikel zu folgendem Schluss: „Es ist doch so: Man schämt sich nicht für seinen Wohlstand, man schämt sich nicht für seine Vorurteile, man schämt sich nicht für sein Desinteresse. Und im Grunde finde ich das auch nicht schlimm, ... und was wirklich niemand wollen kann, ist ein statt ihrer aufgeführtes Scham-Theater.“
Recht hat sie. Eine solche Kulissenschieberei würde nicht nur jeder Ostdeutsche als „Potemkinsches Dorf“ sofort durchschauen. Also lassen wir das. In einem weiteren Artikel bekommt Patrick Schwarz, einst Gründer des Leipziger „Zeit im Osten“-Büros, es wunderbar auf den Punkt. Er, der in München geborene und im Osten verheiratete Journalist, bekennt: „Meine Ost-Welt fing 1989 an, zweisprachig zu werden, im Sprechen, Denken, Fühlen – ich kann Ostdeutsch, ich kann Westdeutsch, und das könnten alle Ostler sagen. Aber die Westler?“
Die meisten sicherlich nicht. Müssen sie auch nicht. Interesse kann man schließlich nicht erzwingen. Freies Land. Warum sollte auch ein Westfale plötzlich (metaphorisch gesehen) Sächsisch können, wenn „der Sachse“ bis heute weder Mecklenburger noch pommersches Platt kann oder gar Hochdeutsch? Wir könnten allerdings schaffen, den feiertagsbedingten Diskurs über den angeblich so anders tickenden Osten zu verstetigen. Aus ehrlichem Interesse am besten. Die zurückliegenden Wahlen in Hessen und Bayern wären die geeignete Zäsur dafür.
Spätestens jetzt sollten beispielsweise alle Deutschen verstanden haben, dass die Polarisierung der Gesellschaft infolge multipler Krisen und sich verselbständigender Identitätspolitik, deren Symptome das sinkende Demokratievertrauen und das Erstarken der AfD sind, beileibe kein Ost-Phänomen ist. Wenn in einem „Freistaat“ wie Bayern, der seit Menschengedenken von einer nationalkonservativen CSU regiert wird, trotzdem eine nicht minder nationalkonservative Partei wie die „Freien Wähler“ groß werden und dennoch eine AfD drittstärkste Kraft werden kann - dann hat das so überhaupt nichts mehr mit dem Osten zu tun.
Sondern mit einem grundlegend veränderten gesellschaftlichen Klima in der ganzen Republik, das in zahllosen Studien seit Jahren belegt ist, das allerdings den geübten Parteien unter all ihrem Krisenmanagement offenkundig entgangen war. Oder - das wäre noch schlimmer - das sie nicht wahrhaben wollten. Für diesen Realitätsverlust sollten sich alle schämen, die das (also politische Willensbildung organisieren etwa) beruflich machen. Für Herkunft und Desinteresse dagegen sollte niemand sich schämen müssen. Wohl aber für seine Vorurteile.