Osnabrück  Edle Bücher von Jon Fosse: Ein Besuch bei Verleger Josef Kleinheinrich

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 16.10.2023 16:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Geschmack ist für ihn Klarheit: Josef Kleinheinrich unterhält seine Verlagsräume in Münsters City. Foto: Stefan Lüddemann
Geschmack ist für ihn Klarheit: Josef Kleinheinrich unterhält seine Verlagsräume in Münsters City. Foto: Stefan Lüddemann
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Wo entstehen die schönsten Editionen der Texte von Literaturnobelpreisträger Jon Fosse? Bei Josef Kleinheinrich in Münster. Ein Besuch bei einem Mann, der in jedem Buch ein Kunstwerk sieht.

„Verleger haben einen Bauch und rauchen Zigarren“: Josef Kleinheinrich lächelt über das Klischeebild seines Berufsstandes. Seine Augen funkeln dazu ironisch hinter den kreisrunden Gläsern der Designerbrille. Hochgewachsen, schlank, so steht Kleinheinrich zwischen Bücherstapeln und Tischen, auf denen er gerade Drucke von Markus Lüpertz ausgebreitet hat – jeder Zoll ein Feingeist, wie er im Buche steht.

„Am Tag zuvor hatte ich noch mit ihm telefoniert und ihm gesagt: Morgen wirst Du es“, erzählt Josef Kleinheinrich von seinem wichtigsten Autor. Jon Fosse hat gerade den Literaturnobelpreis erhalten. Taschenbücher mit seinen Erzählungen und Romanen kommen bei Rowohlt heraus. Die wohl schönsten Editionen von Fosses Texten verlegt aber Josef Kleinheinrich. Edel gemachte Bücher in limitierten Auflagen für bibliophil interessierte Leser – so lautet die Formel des diskreten Erfolgs.

Picasso-Museum, schicke Restaurants, das Entree zu den Münster-Arkaden – Münsters Königstraße ist eine feine Adresse. Im Oer´schen Hof, einem alten Adelspalais, unterhält Josef Kleinheinrich seine Räume. Durch einen kleinen Empfang geht es die Treppe hinauf. Dort oben, hinter der Fensterfront, entfaltet sich eine Flucht von Räumen, die alles auf einmal sind: Büro, Schauraum, Studio, Archiv, Bibliothek. Und alle zusammen: eine Zone besten Geschmacks.

„Das hier ist gustavianischer Stil“, weist Josef Kleinheinrich auf einen klappbaren Tisch und Stühle, alle geweißt, alle aus dem 18. Jahrhundert. Klar und knapp ist dieser, nach dem schwedischen König benannte Stil. Jenseits aller schlichten Ikea-Klischees pflegt Kleinheinrich seine Passion für das, was er skandinavisch nennt – die Liebe für eine Gestaltung der feinen Linie, der minimalen Unterscheidungen.

Genau diese Passion lässt sein Herz auch für Skandinaviens Literatur schlagen. „Dänisch ist meine Hauptsprache. Schwedisch und Norwegisch lernt sich von da aus recht leicht“, umreißt der Verleger seinen kulturellen Kosmos. 1986 gründet er nach dem Philologiestudium seinen Verlag, bringt seitdem weit über 100 Bücher heraus. 500 Exemplare: Das ist eine typische Auflagenhöhe für Josef Kleinheinrich, der sich die Druckereien, mit denen er arbeitet, gut aussucht.

„Meine Aufgabe ist es, jedem Buch sein Kleid zu geben“, beschreibt er seine Profession als die eines Connaisseurs und Createurs. „Kindheitsszenen“ von Jon Fosse zum Beispiel: Der norwegische Künstler Olav Christopher Jenssen hat das bei Rasch in Bramsche gedruckte Buch mit Grafiken ausgestattet. 33 Exemplaren der Vorzugsausgabe liegt ein originaler Holzschnitt bei. Jedes Buch ein Kunstwerk: So versteht Josef Kleinheinrich seine ganz persönliche Mission.

Dieser Mann mag Maß und Mitte. Seit der Verleihung des Literaturnobelpreises an seinen Autor Jon Fosse ist es damit aber erst einmal vorbei. „Mein Mailpostfach ist komplett verstopft“, berichtet Kleinheinrich, dass die frohe Kunde vom Nobelpreis auch seinen Alltag gehörig durcheinandergewirbelt hat. Jetzt plant er Neuauflagen seiner Bücher Jon Fosses. 1000 Exemplare für die Gedichte, die Prosa, die Essays – 2024 wird für den Münsteraner Couturier der maßgeschneiderten Bücher ein Jon-Fosse-Jahr. Seine Literatur liebt der Verleger sehr. „Fosse hat seinen ganz besonderen Ton der meditativen Stille“, sagt Josef Kleinheinrich und für einen Augenblick wirkt er, als stünde er nicht am Fenster seines Studios, sondern an einem norwegischen Fjord und blickte über dessen eisgraues Wasser.

Nicht nur mit der Hingabe, mit der er Jon Fosses Werk betreut, beweist der Verleger sicheres Gespür. Mit dem 2015 verstorbenen schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer hat er einen weiteren Literaturnobelpreisträger im Verlagsprogramm. Natürlich kannte er den Lyriker, ist mit dem norwegischen Erzähler vertraut. Jon Fosse sei im Umgang klar und offen, geradlinig: skandinavisch. Ob die „Kindheitsszenen“ oder die „Gedichte“ – ein Band mit Texten von Jon Fosse kostet bei Josef Kleinheinrich 40 Euro. „Das ist eigentlich zu billig“, sagt der Verleger knapp.

Sein Programm hat er längst zu einem Angebot der schönen Dinge ausgebaut. Neben edel gemachten Büchern bietet er Kunst von Georg Baselitz oder Markus Lüpertz an, stellt Teller und Gläser der belgischen Modeschöpfern Ann Demeulemeester auf Tischen aus. Buch, Bild oder Glas – in Josef Kleinheinrichs Räumen wirkt jedes Stück wie ein kostbarer Fund, ja, wie eine Rarität. Was er seinen Kunden anbietet, das mag er auch selbst. So funktioniert sein kleiner Kosmos des Schönen.

Plötzlich tönen Kirchenglocken durch die stillen Räume. Der Glockenklang der Abtei im südfranzösischen Sénanque, Kleinheinrichs Handyton. „Jedes Buch ist das Gesicht des Verlags“, sagt er noch, dann wendet sich der Verleger ab zum vertraulichen Gespräch. Beim Hinuntergehen knarzen die Treppenstufen leise. Sonst herrscht hier Stille. Und eine leise Kühle. Typisch skandinavisch eben.  

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