Hilfswerk packt Tüten „Hermas Box“ sucht Spender, um Altersarmen Freude zu machen
Auch in und um Wiesmoor wächst die Altersarmut: „Hermas Box“ aus Wiesmoor will deshalb Tüten mit kleinen Aufmerksamkeiten packen, macht aber noch mehr. Auch weitere Wiesmoorer wollen helfen.
Wiesmoor - Die bittere Erkenntnis, dass die kleine Rente bei steigenden Preisen nicht mehr oder kaum noch reicht zum Leben, hat zuletzt eine deutlich steigende Zahl von Menschen ereilt. Nur binnen eines Jahres haben zehn Prozent mehr Menschen bundesweit zusätzlich zur Rente Grundsicherungsleistungen vom Staat beantragt: 691.820 waren es deutschlandweit im Juni, 63.250 mehr als ein Jahr zuvor. In Niedersachsen wuchs die Zahl der Altersarmen um 11,3 Prozent am stärksten unter den westdeutschen Bundesländern, in Sachsen indes sogar doppelt so stark. Das geht aus einer Aufstellung des Statistischen Bundesamtes auf Antrag der Linksfraktion im Bundestag hervor. Auch in den Jahren zuvor sei die Zahl der Betroffenen gewachsen, hieß es.
Das ist eine Entwicklung, die auch in Ostfriesland, beispielsweise in und um Wiesmoor, spürbar ist. Herma Schoon, die vor sechs Jahren ihr Hilfsprojekt „Hermas Box“ gegründet hat, um in und um Wiesmoor Bedürftigen zu helfen, sagt: „Es wird wirklich immer mehr. Mindestens zwei Bedürftige mehr pro Woche melden sich und fragen, ob wir ihnen helfen können, weil es nicht mehr reicht. Sie belegen uns das auch schriftlich, und wir versuchen zu tun, was wir können für sie.“ Aktuell um die 60 arme Alleinstehende und eine ähnlich große Zahl verarmter Familien werden, so gut es die Spendenlage hergibt, von „Hermas Box“ regelmäßig versorgt. Weitere wenden sich mit Einzelwünschen an die Helfer.
Je 150 Tüten für Altersarme und Kinder bedürftiger Familien
Zu den Dingen, die das Hilfswerk auch in diesem Jahr wieder auf die Beine stellen möchte, zählt, Bedürftigen und Altersarmen in der Vorweihnachtszeit eine Freude zu machen. „Wir möchten auch in diesem Jahr Vorweihnachtstüten packen – 150 für Kinder, 150 für bedürftige Ältere. Und wir würden uns sehr freuen, wenn wir dabei unterstützt werden und dafür Spenden bekommen“, sagt Herma Schoon. „Für Kinder könnten da Süßigkeiten, vielleicht ein kleines Spielzeug oder ein Büchlein drin sein, für die Älteren vielleicht ein Puzzle, ein Rätselheft, eine Zeitschrift, etwas Schokolade oder so.“
Man sei aktuell auch in Gesprächen mit zwei Geschäften, in denen Wunschbäume aufgestellt werden könnten, an denen Wünsche Bedürftiger hängen, die Kunden mit Spenden erfüllen. Wer sich an den Vorweihnachtstüten beteiligen möchte, kann freitagnachmittags Spenden am Gemeindehaus der Kreuzkirche im Wiesmoorer Stadtteil Marcardsmoor abgeben, wo „Hermas Box“ Räume als Lager nutzen darf – oder sich telefonisch bei Herma Schoon melden unter 0174/7684943.
Round Table setzt Wunschbaum im Internet auf
Um Bedürftigen Wünsche zu erfüllen, gehen auch weitere Wiesmoorer neue Wege – mit einer Art Wunschbaum im Netz: Der Round Table 216 Wiesmoor-Großefehn beteiligt sich an einer bundesweiten Aktion namens „Wunschlandschaften“ und hat dabei eine eigene Homepage für „Wünsche in Ostfriesland“ aufgesetzt, auf der Bedürftige Wünsche anmelden können, die andere dann erfüllen. Die Seite ist unter https://link.zgo.de/Wunschbaum erreichbar. „Das Ganze geht jetzt erst los, wir finden das ist eine gute Möglichkeit, um Gutes zu tun“, sagt Michael Tjarks aus Wiesmoor, Kassenwart des örtlichen Round Table. Bislang ist erst ein Wunsch eingetragen: ein Kinderfahrrad. „Wir würden uns natürlich sehr freuen, wenn das deutlich mehr wird“, sagt Tjarks.
Auf der Homepage heißt es: „Brauchst du Lernmaterial für die Schule? Einen neuen Fahrradhelm? Oder brauchst du was ganz anderes, vielleicht Hilfe beim Umzug? Formuliere deinen Wunsch und wir finden für dich einen Partner, der dir deinen Wunsch erfüllt.“ Dafür ist es natürlich notwendig, dass Menschen die Plattform kennen und nutzen. „Wir hoffen, sie wird bald bekannter“, sagt Tjarks. Auch diese Plattform können und werden die Helfer von „Hermas Box“ womöglich nutzen – um gemeinsam den Altersarmen und Bedürftigen Gutes zu tun.
Vorgekochtes für Obdachlose in Aurich
Angesichts gestiegener Preise und des Umstands, dass viele Menschen aktuell weniger übrig haben als früher, gestaltet sich das Helfen für die 18 Ehrenamtlichen von „Hermas Box“ schwieriger. „Man spürt weiterhin, dass weniger Lebensmittel gespendet werden als früher“, sagt die Wiesmoorerin. Der Bedarf sinke nicht. Allein an drei Tagen pro Woche bringen die Ehrenamtlichen Lebensmittel zum Tagesaufenthalt für Obdachlose nach Aurich. Seit knapp einem Monat kochen sie auch Mahlzeiten für Bedürftige vor, etwa 50 Portionen. „In dieser Woche hat eine unserer Helferinnen Kichererbsensuppe gekocht, die wir in Plastikeimer gefüllt und vor dem Tagesaufenthalt verteilt haben. Die Obdachlosen können dort auch drinnen eine warme Mahlzeit bekommen, aber selbst wenn der Preis niedrig ist, fehlt ihnen dafür dennoch das Geld. Deshalb kochen wir. Und eigentlich füllen sie sich das Essen dann in mitgebrachte Töpfe, um es später aufzuwärmen. Aber fast jeder Zehnte von ihnen reißt den Eimer direkt auf und löffelt das vorgekochte Essen kalt aus dem Eimer: So groß ist der Hunger“, sagt Herma Schoon. Kürzlich habe man von der Feuerwehr rund 30 Liter Pizzasuppe gespendet bekommen, die bei einem Fest übrig geblieben war. „Das war toll“, sagt Herma Schoon. Ihr Stellvertreter Dirk Sondermann sagt: „Wenn wir nach Aurich kommen, ist der Bulli voll – und in Minuten sind die Lebensmittel verteilt. Die Bedürftigkeit und der Hunger sind groß.“
Nun, wo die Temperaturen wieder spürbar gesunken sind und gerade nachts nasse Kälte in die Glieder kriecht, benötige man auch Wolldecken, um die draußen schlafenden Obdachlosen zu unterstützen. „Wir hatten in dieser Woche neun Decken mit, die sind uns direkt aus den Händen gerissen worden, nachdem in den Monaten vorher da fast keine Nachfrage war“, sagt Herma Schoon. „Aber der Winter kommt ja.“
Der Wunsch nach eigenen Räumen
Gute Nachricht für „Hermas Box“: Unabhängig vom Weggang von Pastor Martin Kaminski, der dem Hilfswerk Räume im Gemeindehaus zur Verfügung gestellt hatte, dürfen die Ehrenamtlichen bleiben. „Das hat uns der Kirchenvorstand versichert“, sagt Herma Schoon. Allerdings hätten die Helfer eigentlich gern ein eigenes Domizil – mit Lagermöglichkeiten, vielleicht auch mit einer Küche, um Obdachlosen Mahlzeiten zuzubereiten. „Wir sind aktuell zu Gast, und es ist unglaublich toll, dass wir das dürfen. Dafür bauen wir dann, wenn Spendenannahme und -verteilung ist, Tische auf, sortieren, machen – bauen aber immer wieder auf und auch ab, es soll ja sauber sein, und wir wollen die weiteren Veranstaltungen nicht beeinträchtigen. Das kostet aber Zeit. Deshalb wäre es schön, eigene Räume zu haben“, sagt Herma Schoon.
Als kleiner Verein, der rein ehrenamtlich Spenden verteilt, wolle man natürlich diese Spenden komplett den Bedürftigen zukommen lassen – weshalb kaum finanzielle Luft für Miete bleibe. „Falls jemand uns aber Räume zur Verfügung stellen mag, würden wir uns sehr freuen“, sagt die Wiesmoorerin. Bürgermeister Sven Lübbers (parteilos) sagt: „,Hermas Box‘ ist eine wichtige Institution für uns. Ich habe da all meine Unterstützung zugesagt. Wir haben selbst schon als Stadt geschaut, ob wir passende Räume haben, aber im Gründerzentrum etwa ist aktuell jeder Quadratmeter belegt. Ich werde auch nicht müde, das in Gesprächen mit Unternehmern anzusprechen – auch wenn sich bislang noch nichts ergeben hat.“