Osnabrück  Michel Wyss: „Ich fürchte, es würde eine blutigere Operation als 2014“

Johannes Kleigrewe
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Von Johannes Kleigrewe
| 20.10.2023 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Israelische Panzer fahren auf die Grenze zum Gazastreifen im Süden Israels zu. Foto: dpa/AP/Ariel Schalit
Israelische Panzer fahren auf die Grenze zum Gazastreifen im Süden Israels zu. Foto: dpa/AP/Ariel Schalit
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Seit Tagen zieht die israelische Armee Kräfte rund um Gaza zusammen und fordert die Menschen auf, den Norden des Gebiets zu verlassen. Eine großangelegte Bodenoffensive scheint bevorzustehen. Worauf müsste sich Israel bei einem solchen Einsatz gefasst machen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

In der vergangenen Woche stießen israelische Truppen bereits punktuell in den Gazastreifen vor, während die Luftwaffe weiter Ziele bombardiert. Die erwartete Bodenoffensive ist dagegen noch nicht gestartet. Nach Einschätzung der Terrorismus- und Militärexperten Peter R. Neumann und Michel Wyss könnte es aber bald so weit sein.

Für Neumann ist klar, dass Israel in den Gazastreifen vorrücken wird. „Ich denke, dass die Bodenoffensive kommen wird.“ Es könne aber noch etwas dauern, bis es so weit sei. Das liege daran, dass zunächst eine ganze Reihe an komplexen Fragen beantwortet werden müssten, so Neumann. So sei zu klären, was politisch und militärisch erreicht werden soll und wie ein Flächenbrand in der Region verhindert werden kann.

Die Ziele Israels sind auch für Michel Wyss der entscheidende Faktor bei der Bodenoffensive. „Wenn Israel daran festhält, dass sie die Hamas zerstören beziehungsweise entmachten will, dann ist eine Bodenoffensive vermutlich unumgänglich. Nur mit Luftangriffen allein wird es nicht möglich sein, die Hamas zu zerstören“, lautet seine Einschätzung.

Rückt Israel mit Bodentruppen in das Gebiet ein, stehen die Soldaten vor einer unheimlich schwierigen Mission. „Erstens ist Gaza sehr dicht besiedelt, es hat ungefähr die Fläche von Köln, aber doppelt so viele Einwohner. Zweitens ist Hamas sehr eng verwoben mit der Gesellschaft, sodass es sehr schwer ist, zwischen militärischen und zivilen Zielen zu unterscheiden. Drittens wird die Hamas versuchen, den Israelis Fallen zu stellen, sie in Häuserkämpfe zu verwickeln“, zählt Peter Neumann die Gefahren auf.

Und dann gebe es das weitverzweigte Tunnelsystem, das auf 400 Kilometer Länge geschätzt wird. „Dadurch wird es für die Hamas möglich, von den Israelis unbeobachtet, Kämpfer und Material zu bewegen. So können selbst Gebiete, die für die Israelis eigentlich als befreit gelten, wieder zu Kampforten werden.“

Beide Experten schätzen die israelische Armee als grundsätzlich gut auf eine Bodenoffensive vorbereitet ein. Dennoch rechnet Michel Wyss mit einem äußerst gefährlichen Einsatz. „Es sind schon bei der letzten Bodenoffensive 2014 über 60 israelische Soldaten gestorben. Man muss davon ausgehen, dass sich die Hamas nochmals besser vorbereitet hat, dass sie sich in Gefechtstechnik und Taktik weiterentwickelt hat. Die Israelis haben sich natürlich auch auf solche Szenarien eingestellt, aber ich fürchte, es würde eine blutigere und verlustreichere Operation werden als 2014“, sagt Wyss.

Diese Frage ist für beide Experten ein möglicher Grund, weshalb es bisher noch nicht zur Offensive gekommen ist. Denn es sei fraglich, ob die Ziele, die im Raum stehen – eine völlige Zerstörung der Hamas und eine Rettung der fast 200 Geiseln – erreichbar seien. „Das Mindestziel ist, die gesamte militärische Infrastruktur der Hamas zu zerstören. Sodass die Hamas, selbst wenn sie in irgendeiner Form zurückkommt, Jahre bräuchte, um sie wiederaufzubauen. Das zweite Ziel ist, im Gazastreifen auch die politischen Strukturen der Hamas so zu beschädigen, dass es für sie nicht mehr möglich ist, die Regierung zu stellen“, analysiert Peter Neumann.

Michel Wyss traut der israelischen Armee eine Zerstörung der Hamas grundsätzlich zu. „Aber das ist letztlich eine Frage der Kosten: Wie lange würde eine solche Offensive dauern, wie blutig wird sie? Da geht es um eigene Verluste, aber auch Kollateralschäden, insbesondere unter der Zivilbevölkerung“, gibt er zu bedenken. Zudem vermutet er, dass die Hamas auch im Süden des Gazastreifens über Infrastruktur verfügt. Um diese zu vernichten, müsste die Bodenoffensive also das gesamte Gebiet umfassen.

Mit Blick auf die Geiseln sieht Wyss die Israelis vor einer fast noch schwereren Aufgabe. „Man muss davon ausgehen, dass Geiseln sterben könnten“, stellt er klar. Einerseits seien Geiselbefreiungsaktionen immer extrem schwierig. „Ein zweiter Punkt ist, dass, die Geiseln an Wert verlieren, sobald die Hamas realisieren sollte, dass das israelische Ziel ihre effektive Auslöschung ist“, fügt der Militärexperte an. Letztlich seien die Geiseln für die Hamas vor allem Verhandlungspfand. Sobald ihre eigene Existenz auf dem Spiel stehe, wäre die Sicherheit der Geiseln für die Terroristen weniger relevant.

Mit dem Start der Bodenoffensive dürften es auch weitaus mehr zivile Opfer geben, als es diese bisher durch die Bombardements der israelischen Luftwaffe gegeben hat. Israel hat zwar mehrfach zur Evakuierung des Nordens von Gaza aufgerufen und nach israelischen Angaben sind bereits über eine halbe Million Palästinenser diesem Aufruf gefolgt, doch Michel Wyss hält es für möglich, dass sich dort noch mehrere Hunderttausend Menschen aufhalten könnten. „Man muss deshalb tendenziell mit vielen zivilen Todesopfern rechnen.“

Ein Weg, Zivilisten zu retten, könnte eine Öffnung der ägyptischen Grenze sein, um Zivilisten aus dem Gazastreifen ausreisen zu lassen. Über genau diese Option wird aktuell intensiv verhandelt, sagt Peter Neumann. „Ich glaube, Israel hofft darauf, dass Ägypten zumindest für kurze Zeit die Grenze aufmacht und die Palästinenser bei sich aufnimmt. Möglich sei das aber nur „mit dem Versprechen Israels, dass die Leute auch wieder zurückdürfen“, sagt Neumann. „Denn Ägypten fürchtet, dass Israel, wenn die Palästinenser einmal in Ägypten sind, die Grenzen nicht mehr aufmacht.“ Es brauche daher eine glaubhafte Versicherung Israels, dass alle Palästinenser zurück in den Gazastreifen dürfen, um Ägypten zu einer Grenzöffnung zu bewegen.

Durch die Bodenoffensive drohe eine humanitäre Katastrophe in Gaza. „Das ist letztlich auch nicht im Interesse Israels, da das die öffentliche Meinung gegen Israels beeinflussen könnte“, betont Neumann. Eine Grenzöffnung könne diese möglicherweise abmildern oder verhindern.

Eine entscheidende Frage im Zusammenhang mit der Bodenoffensive ist, was nach ihrem Ende passieren soll. „Das ist das große Dilemma. Was folgt am Tag, nachdem man die Hamas zerstörte bzw. entmachtete? Wer stabilisiert dann den Gazastreifen“, spricht Michel Wyss zentrale Fragen an. Peter Neumann hält es für möglich, dass geplant ist, eine Regierung durch die palästinensische Autonomiebehörde aufzuziehen. Ob das gelingen könne, sei jedoch nicht sicher. „Hamas ist sehr tief in den Gazastreifen verwoben“, betont der Terrorismusexperte. Sie sei nicht nur eine Terrororganisation, sondern auch eine religiöse Bewegung, eine politische Partei und eben die Regierung.

Das durch eine andere Organisation zu ersetzen, sei alles andere als einfach. „Hätte man bis vorletzte Woche einen israelischen General oder Geheimdienstler gefragt, ob das möglich ist, hätte der gesagt, dass das nicht erreichbar ist. Jetzt hat sich die Risikobereitschaft Israels geändert, aber die Bedingungen im Gazastreifen haben sich grundsätzlich nicht geändert“, betont Neumann.

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