Prozess am Landgericht  Mit Diebstählen in Papenburg wurde die Sucht finanziert

Anke Herbers-Gehrs
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Von Anke Herbers-Gehrs
| 21.10.2023 15:16 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Mann musste sich vor dem Osnabrücker Landgericht verantworten. Symbolfoto: Pixabay
Der Mann musste sich vor dem Osnabrücker Landgericht verantworten. Symbolfoto: Pixabay
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Ob der Einsatz eines Messers bei einem Streit Notwehr war, das muss das Landgericht noch klären. Doch der Angeklagte hat auch mehrere Diebstähle und Einbrüche in Papenburg begangen.

Papenburg/Osnabrück - Ob der Einsatz eines Messers bei einem Streit Notwehr war, das muss das Landgericht Osnabrück noch klären. Doch der Angeklagte hat auch mehrere Diebstähle und Einbrüche in Papenburg begangen, wohl zur Finanzierung seiner Sucht. Jetzt wurde der Gutachter gehört.

Der schwerste Vorwurf gegen den 25-Jährigen lautet versuchte Tötung: Bei einem Streit Anfang 2021 hatte er einen Mitbewohner durch ein Messer mit bleibenden Folgen verletzt, seiner Aussage nach aus Notwehr. Außerdem werden ihm noch drei Einbrüche beziehungsweise Diebstähle im Jahr 2022 in Papenburg vorgeworfen, die er schon zu Prozessbeginn eingeräumt hatte. Am fünften Verhandlungstag wurde erörtert, dass diesen Taten schon seit 2017 weitere vorangegangen waren, die zu früheren Verurteilungen teils mit Haftstrafen geführt hatten. So hatte der Angeklagte Anfang 2022 mit einem Vorschlaghammer die Fensterscheibe einer Kita in Papenburg zerstört, um einzubrechen, hatte Diebstähle in Lebensmittelmärkten und einem Bekleidungsgeschäft begangen.

Ist Angeklagter schuldfähig oder nicht?

Mit dem Diebesgut wollte er sich offensichtlich Geld für Drogen beschaffen. Der psychiatrische Gutachter berichtete, dass der Angeklagte schon mit zwölf Jahren Erfahrungen mit Marihuana gemacht hatte, später kamen Alkohol und Kokain dazu, auch Amphetamine nahm er, allerdings kein Heroin. Vor der Verhaftung soll er täglich bis zu zwölf Halbliterflaschen Bier getrunken haben. Es handele es sich also um eine Mehrfachabhängigkeit, in der Haft sei er aber bisher ohne Drogen oder Ersatzmedikation ausgekommen. Doch „sein Denken kreist um den Konsum“, so der Gutachter.

Bei dem Streit mit dem Messer sei er alkoholisiert gewesen und habe Cannabis geraucht, wobei die Verbindung von beidem zu stärkeren Enthemmungen führen könne. Hier sah der Gutachter eine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit. Beim Diebstahl von neuer Bekleidung im Mai 2022 hätte er zwar Alkohol getrunken, der Gutachter hielt ihn aber für voll schuldfähig, auch da der Angeklagte schnell und koordiniert weglaufen konnte.

Den nächtlichen Einbruch in ein Papenburger Café habe er wohl schon stärker alkoholisiert begangen, was sich auch daran gezeigt habe, dass er recht sinnlos Sachen eingesteckt habe, wie die Bezahlterminals, die er für Handys gehalten hatte. Bei dem Einbruch in ein leer stehendes Lebensmittelgeschäft hatte er sich an der eingeschlagenen Scheibe so verletzt, dass er von Sanitätern behandelt wurde. 1,6 Promille wurden dabei gemessen, die Schuldfähigkeit sei vermindert.

Idealfall für Unterbringung

Der Gutachter befürwortete ausdrücklich eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt: „Die Diebstähle wurden begangen, um die Sucht zu finanzieren. Ohne eine Behandlung ist von einem weiteren Konsum und von weiteren Straftaten auszugehen.“ Auch gesundheitliche Folgen wären zu erwarten. Für eine Therapie sprächen auch die guten Erfolgsaussichten: Der Angeklagte sei „der Idealfall für eine Unterbringung“, er war bisher noch in keiner Behandlung, sei nicht dissozial und selbst motiviert, die Langzeittherapie anzutreten.

Eine solche Unterbringung im sogenannten Maßregelvollzug dauert in der Regel mindestens anderthalb Jahre. Laut Gutachter schließen nur 25 Prozent der Behandelten die Therapie erfolgreich ab, doch der Sachverständige sagte, er könne sich gut vorstellen, dass der Angeklagte dazu gehöre.

Für die letzten beiden Verhandlungstermine Anfang November sind die Plädoyers und das Urteil vorgesehen, außerdem versucht das Gericht, einen Entlastungszeugen vorzuladen, dessen Adresse zurzeit unbekannt ist.

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