Berlin  Katrin Sass: Ich habe mein Leben lang aus Angst bestanden

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 24.10.2023 14:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Foto: NDR ARD Degeto Maor Waisburd
Foto: NDR ARD Degeto Maor Waisburd
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Am Set der neuen Usedom-Krimis wurde Katrin Sass mit dem Hitlergruß empfangen. Ein Schock, erinnert sie sich in einem Interview über Stasi-Akte und Mauerfall, Alkohol und Depressionen.

In den Usedom-Krimis spielt Katrin Sass eine Ex-Staatsanwältin, die selbst schon gesessen hat. Zum Auftakt der neuen Staffel spricht die Schauspielerin über eigene Lebensbrüche: über frühe Erfolge und lebenslange Selbstzweifel, über die Schrecken ihrer Stasi-Akte und über den Mauerfall, an dem sie sich „sinnlos betrunken“ hat – weil sie keine Lust hatte, am Ku‘damm mit Bananen beworfen zu werden. 

Frage: Frau Sass, Ihre Usedom-Krimis häufen eine Extremerfahrung auf die andere. Ihre Figur zum Beispiel hat den eigenen Mann erschossen und die Tochter durch einen Mord verloren. Jetzt wird sie Augenzeugin einer Hinrichtung und stolpert über tote Welpen.

Antwort: Stimmt.

Frage: Drückt die Reihe das Lebensgefühl einer Welt der multiplen Krisen aus?

Antwort: Ich glaube, das sieht nur so aus. Im Moment prasselt wirklich alles auf uns ein: Krieg, Inflation, die Wahlerfolge der AfD, besonders im Osten – man hört es jeden Tag in den Nachrichten und es zieht mich unheimlich runter. Angefangen haben wir mit dem Usedom-Krimi aber 2014. Damals war die Welt zwar auch nicht in Ordnung, aber es kam zumindest nicht alles auf einmal.

Frage: Titelheld ist die Insel Usedom. Sind die Fälle damit eher Ost-Krimis oder Ostsee-Krimis?

Antwort: Für mich überwiegt die Ostsee. Ich komme aus Schwerin und bin nicht nur ein Fischkopp, sondern sogar ein Sprottenkopp. Inzwischen wohne ich lange in Berlin und habe das Wasser vor der Haustür. Aber es zieht mich stark an die Seenplatte. Vielleicht gehe ich im Alter zurück.

Frage: Im Presseheft zu den Krimis finde ich die Formulierung von einem Usedom, „wo die Welt eigentlich noch in Ordnung ist“. Dass im Osten die Welt in Ordnung ist, hört man auch nicht so oft, oder?

Antwort: Ich will nicht alle über einen Kamm scheren – aber wie Brandenburg und Thüringen gehört leider auch Mecklenburg-Vorpommern zu dieser Rechtsfraktion. Ich kriege einen Schreck, wenn ich das sehe. Aber das passiert natürlich nicht nur hier. Gucken Sie nach Italien, nach Ungarn, nach Polen. Für die aktuelle Usedom-Staffel haben wir in Stettin gedreht. Am Drehort standen unsere Autos, alle mit deutschem Kennzeichen. Irgendwann fährt ein Mann vorbei, langsam und immer langsamer. Am Ende kurbelt er das Fenster runter, reißt den rechten Arm raus, ruft „Heil Hitler!“ und fährt weiter.

Frage: War das als Beschimpfung gedacht? Oder war das ein Neonazi, der den Hitlergruß ernst meinte?

Antwort: Was immer es war – ich war schockiert. Aber sowas gehört inzwischen dazu. Die Leute machen den Hitlergruß und klagen dann, dass man in Deutschland seine Meinung nicht mehr sagen darf. Wovon reden die?

Frage: Wir führen unser Interview kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit. Ist das für Sie ein wichtiger Feiertag?

Antwort: Ich verbinde damit gar nichts. Den 3. Oktober hat sich keiner von uns ausgesucht; der wurde bestimmt und jetzt hat man da eben frei. Für mich gibt es nur den 9. November, an den ich mich wahnsinnig gerne erinnere. Das ist und bleibt mein Tag der Deutschen Einheit.

Frage: Wie haben Sie den Mauerfall denn erlebt?

Antwort: Ich war überfordert. Damals lebte ich bei meinem Ex-Mann in Potsdam-Babelsberg. Als Günter Schabowski seinen Satz zur Reisefreiheit gesagt hat – „Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich“ –, da habe ich gar nicht verstanden, was das heißt. Als ich begriffen habe, dass wirklich die Tür aufgeht, wollte ich nicht mit an den Ku’damm. Ich bin zu meiner Freundin in die Kneipe runter, habe mich sinnlos betrunken und bin erst drei Tage später rübergefahren, über Zehlendorf. Ich wollte mich nicht in der Masse am Ku’damm mit Bananen bewerfen lassen. Meinen großen Traum von der Freiheit wollte ich still und allein genießen. Es war ungIaublich und toll.

Frage: Wie lief Ihr Wechsel in eine gesamtdeutsche Kulturszene?

Antwort: 1990 habe ich sofort am Theater in Leipzig gekündigt. Alle haben aufgeschrien: Bist du wahnsinnig? Jetzt kündigt man nicht, jetzt wird man entlassen. Du musst da unbedingt bleiben! Blablabla. Ich wollte einfach nur frei sein. Bei mir entscheidet das alles mehr oder weniger der Bauch. Kurz vorher hatte ich bei der Berlinale den Silbernen Bären gewonnen. Ich dachte mir: Die kommen schon auf dich zu.

Frage: Und?

Antwort: Niemand kam.

Frage: Und dann?

Antwort: Ich wusste nicht, wovon ich die Miete bezahlen soll. Es wurde eng. In so einem Fall, hatte ich gehört, geht man zum Arbeitsamt. Da saß ich nun mit ein paar Bauern aus der Lausitz und die gucken mich an: Du ooch hier, wa? Ja, sage ich, aber wie funktioniert das denn hier? Die Bauern: Na, da ziehste so nen Zettel; da steht ne Nummer drauf und dann biste dran. So ging das anderthalb Jahre und dann kamen Gott sei Dank die ersten Filme. Zwei habe ich mit dem Regisseur Frank Beyer gedreht, einen davon mit Iris Berben, den zweiten mit Senta Berger. Ich bin fast auf die Knie gefallen, so sehr habe ich diese Frau geschätzt. Beim Drehen war sie dann auch einfach großartig.

Frage: Was hat sie gemacht?

Antwort: Das West-Team, in dem mich keiner kannte, hat mich verunsichert. Das hat Senta Berger bemerkt und deshalb hat sie eine Ansage gemacht: Liebe Leute, das hier ist Katrin Sass und die hat mit Mitte zwanzig schon einen Silbernen Bären gewonnen. Alle haben geklatscht. Dann hatte ich begriffen, dass wir Ost-Schauspieler in der Branche als ziemlich gut galten. Ich bin ihr ewig dankbar.

Frage: Wie ist es heute? Sind die Filme, die Sie vor 1989 gemacht haben, noch im Gedächtnis eines gesamtdeutschen Publikums?

Antwort: Nein – aber andersrum kennen wir auch ganz vieles nicht, das im Westen produziert wurde. Dabei habe ich von 1979 bis 1989 habe wahrscheinlich meine wichtigsten Filme gemacht, jedes Jahr einen für die große Leinwand. Gleich bei meinem ersten waren die Leute ins Kino gerannt: Das war Heiner Carows „Bis daß der Tod euch scheidet“. Ich habe mich heimlich ins Kino geschlichen und geheult, weil es so voll war. Danach kam schon „Bürgschaft für ein Jahr“ und ich wurde auf die Berlinale eingeladen, von der ich noch nicht mal richtig gewusst habe, was das war. Ich wurde als beste weibliche Schauspielerin ausgezeichnet, der beste männliche wurde Michel Piccoli, und Fassbinder wurde für den besten Film ausgezeichnet. Mit denen stand ich dann auf einer Bühne und habe die Welt nicht mehr verstanden. 1989 hörte dann alles schlagartig auf.

Frage: Diese Berlinale war im Jahr 1982. Hatten Sie damals überlegt, im Westen zu bleiben?

Antwort: Nein. Als ich zum ersten Mal im Westen war, war ich wie ein Kind, zugeschnürt bis obenhin. Angst, Angst, Angst. Ich habe mein Leben lang aus Angst bestanden. 1986 war es anders; da haben sie mich nochmal zur Berlinale geschickt, jetzt mit dem Film „Das Haus am Fluss“. Sylvester Groth und ich hatten die Hauptrollen; er war damals schon in den Westen abgehauen. Da habe ich ganz stark überlegt, ob ich auch gehen soll. Wenn ich geahnt hätte, wie schnell es mit der DDR zu Ende geht, hätte ich mir keine Gedanken gemacht.

Frage: Wovor hatten Sie Angst? Davor, im Westen nicht zu bestehen? Oder davor, dass die Familie im Osten Konsequenzen spürt?

Antwort: Weder noch. Ich hatte einfach nie Mut oder Selbstvertrauen. Schon als Kind nicht. Zu Hause war ich der Chef, auch den Jungs gegenüber – aber in der Schule hatte ich Angst. Die Lehrer haben mich mies behandelt. Eine hat mich einmal ganz lieb gestreichelt, vor allen Kindern. Dann hat sie meinen Pony angehoben: Du hast so eine schöne Stirn, sagt sie und dann schlägt sie mir drauf und beendet den Satz: … aber leider nichts dahinter. Ich habe mir später eine Nickelbrille gekauft, damit ich intelligenter aussehe. Das war mein Leben bis zur Schauspielschule. Ich hatte immer Angst, nicht zu bestehen. Als ich dann auf der Bühne stand, war alles weg.

Frage: War Ihr Alkoholismus so eine Art Angst-Vermeidung?

Antwort: Das weiß ich nicht, es kann sein. Es stimmt schon: Wenn ich ein Bier oder zwei Sekt getrunken hatte, fühlte ich mich stark. Auf einmal konnte ich reden. Alles war leichter. Als ich mit dem Trinken aufgehört habe, hatte ich nach einem Jahr eine Depression. Ich bin zum Arzt und habe gesagt: Das halte ich nicht aus, dann möchte ich lieber wieder saufen; jetzt höre ich auf zu trinken und dann kriege ich diese Depression. Nein, sagt er, die Depression hatten Sie immer, die haben Sie nur weggetrunken.

Frage: Stimmt es, dass Sie nach dem Silbernen Bären keine Rollen mehr bekommen haben –auf Anweisung von oben?

Antwort: Ja, zwei Jahre habe ich gar nichts gedreht und nur am Theater gespielt. Der Preis kam vom Klassenfeind und wurde öffentlich nicht thematisiert. Ich kriegte eine Gagenerhöhung von 150 Mark – und keine Filmrollen mehr. In der Stasi-Akte habe ich irgendwann auch gelesen, warum: Ich sollte erstmal auf den Teppich zurück. Zwei Jahre haben sie mich bluten lassen, dann kam wenigstens wieder mal ein Fernsehfilm.

Frage: Haben Sie das erst aus der Akte erfahren? Oder hatten Sie schon vorher das Gefühl: Irgendwas läuft falsch?

Antwort: Ich muss was geahnt haben. Ich habe nämlich zum Telefon gegriffen – natürlich nach einer Flasche Sekt – und habe gesagt: Jetzt will ich den Pehnert sprechen. Horst Pehnert war Chef der Hauptverwaltung Film, sozusagen der Filmminister. Merkwürdigerweise bekam ich den sofort ans Telefon. Er hat irgendeinen Scheiß geredet; was wirklich dahintersteckte, habe ich nach der Wende erfahren.

Frage: Gab es andere böse Überraschungen in der Stasi-Akte?

Antwort: Grauenvolle. Und da meine ich nicht den Regieassistenten oder den stellvertretenden Intendanten, sondern die beste Freundin. Die hat meinen ganzen Lebenslauf weitergetragen: Mein Verhältnis zur Mutter, wie ich groß geworden bin, den Alkohol, meine Liebschaften – alles. Da ist mir schlecht geworden. In der Akte sind die Namen erstmal geschwärzt; ich konnte mir nicht vorstellen, wer das alles über mich weiß. Man kann sich die Namen aber mitteilen lassen. Danach habe ich sie angerufen. Sie hat geschrien und geheult.

Frage: Haben Sie mal überlegt, die Akte lieber gar nicht einzusehen?

Antwort: Viele haben gesagt: Das will ich alles gar nicht wissen; es könnten ja Freunde oder Familie sein. Aber deshalb habe ich es ja gemacht. Sonst würde die heute noch neben mir sitzen.

Frage: Die Schriftstellerin Anne Rabe hat gerade ein Buch darüber geschrieben, wie die Stasi-Diktatur bis in Familien hinein gewirkt hat, in die Härte der Erziehung, ins Männerbild. Ihre These: „Bis heute gibt es im Osten eine vererbte Brutalität.“

Antwort: Ich habe das nicht so erlebt. Ich weiß auch nicht, wie es im Westen war, als ich im Osten ein Kind war. War die Erziehung da wirklich anders? Natürlich war ich in der Pionierorganisation und später in der FDJ; da gab es gar keine Frage. Einer in unserer Klasse trug kein Blauhemd, weil er Christ war. Kinder wie er wurden wie Aussätzige behandelt. Aber Härte in der Familie habe ich nicht erlebt.

Frage: Anne Rabe zweifelt auch an der sprichwörtlichen Ost-Solidarität.

Antwort: Bei der Gemeinschaft, von der immer gesprochen wird, bei diesem Kollektiv – da frage ich mich das auch: Wo sind die heute alle? Ich glaube, da war nie mehr als eine simples „Die-eine-Hand-wäscht-die-andere“. Du gibst mir Holz und dafür kriegste Kohle. Da sind sich wahrscheinlich alle Menschen ähnlich. Wenn das so unglaublich schön war, warum sind alle nach der Wende verschwunden? Ich hatte nach 1989 nur noch zwei Freunde von damals.

Frage: Was denken Sie heute über die Suche nach Unterschieden zwischen Ost und West?

Antwort: Ich lebe jetzt genauso lange im Westen, wie ich im Osten gelebt habe: 33 Jahre. Die erste Hälfte hat mich mehr geprägt, weil es eben die Kindheit war. Man bleibt für immer ein Ostler. So fühle ich mich – aber es fühlt sich nicht wie ein Nachteil an. So groß sind die Unterschiede doch auch gar nicht. Wir sprechen alle eine Sprache. Die eine Hälfe ist besser in Englisch, die andere in Russisch. Aber Deutsche sind Deutsche. Im Umgang sind wir alle gleich: Im Hotel meckern wir über das Frühstücksei. Und ab 13 Uhr traut sich keiner mehr, den Rasen zu mähen.

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