Berlin  Er will campen, sie auf die Kanaren – Wenn Geld die Beziehung zerstört

Susanne Grautmann
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Von Susanne Grautmann
| 27.10.2023 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Gemeinsame Kasse oder doch lieber getrennte Konten? Geldfragen führen nicht selten zu Streit in Beziehungen. Foto: imago images/Westend61
Gemeinsame Kasse oder doch lieber getrennte Konten? Geldfragen führen nicht selten zu Streit in Beziehungen. Foto: imago images/Westend61
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Viele Paare streiten über Geld – vor allem, wenn sie unterschiedlich gut verdienen. Experten erklären, welche Kontomodelle und finanziellen Regelungen die Liebe retten können.

In ihrem gemeinsamen Leben stolperten sie immer wieder darüber: an Weihnachten, bei der Urlaubsplanung oder wenn es darum ging, zusammenzuziehen. Dann schob sich diese enorme Kluft zwischen sie und torpedierte die Harmonie. Die Sache ist: Daniela verdient ungefähr das Vierfache von Stefan.

Sie hat in den vergangenen Jahren bis zur Erschöpfung geschuftet, ein Unternehmen aufgebaut, parallel wissenschaftlich gearbeitet und ihren Sohn alleine groß gezogen. Die Früchte dieser Arbeit will Daniela Böttcher, die ihren echten Namen für sich behalten möchte, nun genießen. Und sich den Lebensstandard gönnen, den sie sich jetzt, mit Mitte 40, leisten kann: eine großzügige Wohnung in Berlin, ab und an ein Abend im Restaurant oder eine entspannte Reise an einen schönen Ort.

Doch ihr Partner Stefan Vollmer will das alles nicht: keine schicke Wohnung, keinen Urlaub auf Lanzarote, keine Restaurant-Besuche. Findet er total abgehoben. Normale Leute, so sieht er das, leben nicht so. Und können sich das im Übrigen auch nicht leisten. Genauso wenig wie er, der Künstler, der ebenfalls anders heißt. Wenn es nach ihm ginge, würden sie in den Ferien campen gehen. Aber morgens aus einem klammen Zelt kriechen, mit der Zahnbürste unterm Arm zum Waschraum marschieren und danach einen Caro-Kaffee aufbrühen, das ist, bei aller Liebe, nicht Daniela Böttchers Vorstellung von Erholung. 

Dass sich ihre finanziellen Möglichkeiten deutlich unterscheiden, wussten die beiden von Anfang an. Sie die Unternehmerin mit der Eigentumswohnung, er der Künstler in der Studentenbude. Als sie sich verliebten, haben sie dem nicht viel Bedeutung beigemessen. Luft und Liebe waren genug da. Und der Rest? Ach ja. So richtig darüber geredet haben sie nicht. 

Über Geld spricht man nicht in Deutschland. Laut einer Studie der Postbank aus dem Jahr 2021 ist Geld für 70 Prozent der Deutschen ein Tabuthema. Wenn überhaupt, dann redet man darüber mit der Chefin oder dem Anlageberater. Aber doch nicht mit der oder dem Angebeteten! Es gibt wohl kaum ein anderes Thema, das einen so schnell von Wolke sieben holt wie Debatten über Euro und Cent. Hier Euphorie, Rauschzustand und Leidenschaft, da Nüchternheit, Berechnung und Kalkulationen. Also machen es viele Paare so wie Daniela und Stefan: Sie schieben das Thema weg. 

Aber dauerhaft lässt sich das Thema kaum aussperren. Im Finanziellen liege viel Sprengstoff, warnt die Paartherapeutin Miriam Dialo. Elf Prozent der Liierten geben in einer aktuellen Studie des Portals Elitepartner an, sich „häufig“ über Geld und Ausgaben zu streiten. Das Thema Geld ist so konfliktträchtig, weil Geld mehr als ein Zahlungsmittel ist. In unserer Gesellschaft hängen daran oft Ansehen und Macht. Wer mehr verdient, dessen Selbstwertgefühl steigt – das hat kürzlich eine Studie der Universität Zürich ergeben. Und wer weniger verdient als der oder die Liebste, kann sich schnell unterlegen fühlen.

Weiterlesen: Mehr Geld macht Menschen glücklicher – mit Ausnahmen

Miriam Dialo kennt weitere Ursachen, warum das Geldthema so brisant ist – auch wenn das vielen Paaren, die zu ihr kommen, nicht bewusst sei. Sie sagt, in einer Beziehung wolle der Mensch zwei gegensätzliche Bedürfnisse erfüllt wissen: sich einerseits geborgen und gebunden fühlen, andererseits aber auch seine Unabhängigkeit wahren. Genau diese beiden Bedürfnisse würden auch miteinander ringen, wenn es ums Geld geht. 

Was können Paare also tun, um das Konfliktpotenzial, das im Finanziellen steckt, auf möglichst kleiner Flamme zu halten? Getrennte Konten, gemeinsame Kasse – oder sogar drei Konten? Welche Vor- und Nachteile bringen die verschiedenen Modelle mit sich? 

Für ein gemeinsames Bankkonto spricht zunächst, dass es ein Ausdruck der Verbundenheit des Paares ist: Wir gehören zusammen, wir teilen alles, da kocht keiner sein eigenes Süppchen. Das Prinzip ist simpel: Alle Einkünfte gehen auf ein gemeinsames Konto, davon wird alles bezahlt.

Wenn Paare dagegen getrennte Kasse machen, legen sie mehr Wert auf klare Verhältnisse und die Wahrung ihrer Autonomie. Mit Apps wie Splitwise oder Splittr lässt sich die Buchhaltung vereinfachen. Aber auch wenn sich die einzelnen Posten auf diese Weise leichter abrechnen lassen: Die komplizierten Fragen bleiben offen. 

Denn sobald gemeinsame Kosten anfallen, ob für Miete, Urlaub oder Restaurantbesuch, muss jedes Paar sich einig werden, wie viel es dafür ausgeben will: Sterne-Restaurant oder Falafel-Stand, Mittelgebirge oder Malaysia, Dachgeschoss oder zweiter Hinterhof? Dabei spielt eine große Rolle, welchen Lebensstandard beide aus dem Elternhaus kennen. Außerdem muss sich das Paar darüber verständigen, ob beide exakt die Hälfte bezahlen, egal, wie viel sie verdienen. Oder teilt man die Kosten im Verhältnis zum Einkommen auf? Je eklatanter der Verdienstunterschied, desto größer das Streitpotenzial.

Daniela Böttcher und ihr Partner hatten immer getrennte Konten, aber aus dem finanziellen Gefälle erwuchsen bald grundsätzliche Konflikte. Daniela schlug beispielsweise vor, die Extra-Kosten für ein bisschen mehr Komfort im Urlaub für beide zu übernehmen. Doch das wollte Stefan auf keinen Fall, schon den Vorschlag empfand er als herablassend. „Du führst so ein fettes Leben, ich erkenne dich kaum noch wieder, so oberflächlich bist du geworden“, habe er ihr vorgeworfen. Er verstand nicht, warum sie nicht einfach mit ihm zelten ging. 

Wenn ein Paar sich dafür entscheidet, gemeinsame Kasse zu machen, ist das Konfliktpotenzial aber auch nicht abgeräumt. Denn damit ist ja nicht vergessen, wer von beiden den Löwenanteil auf das gemeinsame Konto überweist. Hat die Person mit dem geringeren Einkommen dasselbe Recht zu entscheiden, was mit dem Geld passiert? Dialo sagt: „Manchmal hat der oder die geringer Verdienende das Gefühl, er oder sie dürfe sich nichts leisten oder müsse es wiedergutmachen und in einem anderen Bereich Hochleistungen abliefern“ – etwa die Wohnung makellos machen.

Auch der Paartherapeut Hans-Georg Lauer schreibt in einem Blog-Artikel: Bei der Person, die weniger Finanzmacht in der Beziehung hat, könne das Bedürfnis entstehen, einen Bereich abzustecken, in dem sie die Kontrolle in ihren Händen hält. Zumeist suche der in Geldfragen unterlegene Partner unbewusst eine Machtprobe in einem anderen Beziehungsfeld. Das könne die Kindererziehung sein oder die Verteilung von emotionaler Wärme und Nähe.

Dialo sagt, am wenigsten Konfliktpotenzial berge das sogenannte Drei-Konten-Modell. Paare, die sich dafür entscheiden, haben ein gemeinsames Konto, von dem etwa Miete, Lebensmittel und Urlaube bezahlt werden, und noch je ein eigenes Konto für individuelle Ausgaben wie Friseurbesuche oder Wochenend-Trips mit Freunden. „Es verbindet, wenn man die gemeinsame Basis hat. Es befriedigt aber auch das Bedürfnis nach Autonomie, wenn man noch sein eigenes Geld hat, über das man niemandem Rechenschaft schuldig ist“, sagt Dialo. 

Noch ist es eine Minderheit, die sich für dieses Modell entscheidet: Laut einer Studie der Postbank aus diesem Jahr machen es 18 Prozent der Paare so; Tendenz steigend. Zum Vergleich: 45 Prozent der Befragten behalten demnach ihre eigenen Konten und teilen gemeinsame Ausgaben untereinander auf. Ein Drittel der Paare verfügt ausschließlich über eine gemeinsame Bankverbindung; wenn man nur Ehepaare berücksichtigt, ist es knapp die Hälfte. 

Auch Julia Köhnke (Name geändert) und ihr Mann sind vor einiger Zeit auf das Drei-Konten-Modell umgestiegen. Sie leben seit mehr als 20 Jahren zusammen in Berlin-Kreuzberg, sind verheiratet und haben zwei Kinder. Mit der Geburt ihres ersten Kindes vor 18 Jahren ist Köhnke aus ihrem damaligen Job in einer Werbeagentur ausgestiegen. Später hat sie sich mit einer ganzheitlichen Ernährungsberatung selbständig gemacht. Das ist genau ihr Ding, aber noch nicht lukrativ genug. 

Das war lange kein Problem, Köhnke und ihr Mann hatten ein gemeinsames Konto, er sei der Großverdiener gewesen, davon konnte die Familie gut leben. Knapp 15 Jahre hatte Köhnke kein eigenes Konto. Ihr Mann habe ihre Ausgaben auch nie kommentiert oder infrage gestellt, erzählt Köhnke. „Über Geld haben wir uns so gut wie nie gestritten.“

Manchmal hat sie sich trotzdem nicht ganz wohlgefühlt damit. Ab und zu hätte sie gerne ihr eigenes Ding gemacht, ohne auch nur daran zu denken, was ihr Mann davon halten könnte. „Man will ja eigenständig bleiben und sich auch mal etwas kaufen, ohne dass es jemand mitbekommt.“ Nahrungsergänzungsmittel zum Beispiel, die er für weniger sinnvoll hält. Oder dieses eine Badesalz, dessen Preis sich nicht wirklich plausibel herleiten lässt. Oder ein Geschenk für ihn.

Und dann war da noch der bange Blick in Richtung Zukunft. Je älter sie wurde, desto mehr drängte die Lücke, die in ihrer Alterssicherung klaffte, in ihr Bewusstsein. Mit ihrer Selbstständigkeit war sie aus der gesetzlichen Rentenversicherung ausgestiegen, hatte sich aber auch nicht um eine private Altersvorsorge gekümmert. Wenn sie daran dachte, meldete sich dieses ungute Gefühl im Magen, aber sie hatte nicht die geringste Idee, wo sie anfangen sollte. In die Hände eines womöglich windigen Vorsorge-Beraters wollte sie sich auch nicht begeben. Also schob sie das Thema ewig vor sich her. 

Bis sie sich vor drei Jahren mit einer Freundin zusammengetan hat, der es genauso ging. Gemeinsam haben sie sich in das Thema eingegraben, Bücher gelesen, Podcasts gehört. Köhnke hat noch ein Finanz-Coaching gemacht – und endlich, da war sie 48 Jahre alt, einen Überblick über ihre Finanzen gewonnen. Seitdem hat sie nicht nur ein eigenes Konto, ein Depot, ETFs und eine private Altersvorsorge, sondern auch einen 20 Stunden-Job zusätzlich zu ihrer Selbständigkeit angenommen. Das Gehalt aus diesem Job fließt jetzt auf das gemeinsame Konto, die Einnahmen aus ihrer Selbständigkeit auf ihr eigenes Konto.

Dass sie ihre Finanzen selbst in die Hand genommen hat, zeigt sich nicht nur auf dem Kontoauszug: „Ich habe mich in meiner Beziehung noch nie so selbstbewusst gefühlt“, sagt Köhnke.

Die Unternehmerin, Finanzexpertin und Bestseller-Autorin Natascha Wegelin, besser bekannt als „Madame Moneypenny“, ist mit ihrer Spezialisierung, Frauen beim Vermögensaufbau zu unterstützen, auf viel Resonanz gestoßen. Sie weiß: Viele Frauen fürchten sich vor Altersarmut. Aber diese Angst sei eher ein dumpfes Gefühl, denn oft wüssten sie nicht exakt, wie groß ihre Rentenlücke sei. Für Wegelin ist das aber die wichtigste Voraussetzung, um etwas zu ändern: Die Zahlen zu kennen. 

Im Jahr 2021 lagen die Alterseinkünfte von Frauen knapp ein Drittel niedriger als die von Männern. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes war jede fünfte Frau ab 65 Jahren 2021 armutsgefährdet. Der Hauptgrund für die magere Rentenbilanz ist, dass sie ihre Erwerbsarbeitszeiten oft unterbrechen, um sich um Kinder oder Pflegebedürftige zu kümmern. Häufig arbeiten sie deswegen in Teilzeit: Die Teilzeitquote ist bei Frauen fast fünfmal so hoch wie bei Männern. Das Ergebnis sieht man auf Gehaltszettel und Rentenbescheid. 

Viele Frauen nehmen die finanziellen Einbußen in Kauf, ohne mit ihrem Partner über einen Ausgleich zu sprechen. Wegelin meint: „Paare sollten das so früh wie möglich klären. Am besten schon bei der Familienplanung.“ Sie empfiehlt, die aus Kinderbetreuung und Co resultierenden finanziellen Einbußen genau zu berechnen und für eine Art Rückvergütung zu sorgen. Soll heißen: Wer weiter in Vollzeit arbeitet, überweist dem Partner oder der Partnerin, die in Teilzeit geht, jeden Monat die Summe, die sie verliert, auf ihr Konto.

Es stimmt, dafür müssen Paare sehr nüchterne Gespräche führen. Was einer Pioniertat gleichkommt, weil es oft noch als selbstverständlich gilt, dass Frauen die unbezahlte Sorgearbeit ohne Kompensation übernehmen. Aber Wegelin ist überzeugt: Der Aufwand lohnt sich. „Das kann man durchaus als Bestandsaufnahme der Beziehung begreifen: Sind wir wirklich auf Augenhöhe?“

Wegelin beobachtet, dass viele Frauen noch immer Glaubenssätze mit sich herumschleppen, mit denen sie aufgewachsen sind: „Geld verdirbt den Charakter“, „Finanzen sind Männersache“ oder „Meine Mutter hat sich ja auch um die Kinder gekümmert“. Sätze wie diese können sich tief ins Unterbewusstsein eingraben und dort ihre Macht entfalten – auch wenn die Frau in einem Start-up in Berlin-Mitte arbeitet. Wegelin sagt: „Diese Glaubenssätze müssen wir aufspüren und auflösen.“ 

Die Beziehung von Daniela Böttcher und Stefan Vollmer ist am Ende daran zerbrochen, dass sie so viel mehr verdient hat als er. Davon ist Daniela überzeugt. Sie hat um ihre Liebe gekämpft, aber es hat nichts genützt: „Er hat sich klein gefühlt deswegen.“ Oft denkt sie, die gleiche finanzielle Kluft wäre kein Problem gewesen, wenn es umgekehrt gewesen wäre: er der Großverdiener, sie die Künstlerin.

Geld und Liebe, diese Kombination ist sicher nicht der Gipfel der Romantik. Aber je früher ein Paar darüber spricht, desto besser. Auf der Themenliste könnte zum Beispiel das stehen, was im Englischen nicht ganz jugendfrei „fuck-you money“ heißt. Der Ausdruck will sagen: Jede und jeder sollte mindestens so viel eigenes Geld auf der hohen Kante haben, dass er oder sie gehen kann, wenn es nicht mehr passt. Denn wer finanziell vom Partner abhängig ist, ist es auch sonst.

Dieser Text ist zuerst im Tagesspiegel in Berlin erschienen.

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