Reaktion auf Partei-Neugründung Frust und Erleichterung bei Auricher Linken wegen Wagenknecht
Sahra Wagenknechts Ankündigung, eine neue Partei zu gründen, führt zu gemischten Reaktionen bei der Basis in Aurich. Der Kreisvorsitzende kritisiert den Bundesvorstand – und rechnet mit Austritten.
Aurich - Es ist eine Mischung aus Frust und Erleichterung, die derzeit bei den Auricher Linken herrscht – nach der Ankündigung der prominenten Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, eine eigene neue Partei gründen zu wollen. „Es war zu erwarten. Aber jetzt sind zumindest die Fronten geklärt. Zum Schluss war es nur noch ein Hickhack“, sagt der Vorsitzende des Auricher Linken-Kreisverbandes, Jörg Erlautzki, auf Anfrage dieser Zeitung. Gleichwohl verspürt er einen anhaltenden Frust bei sich und den Mitgliedern, vor allem über das Verhalten des Bundesvorstands der Partei. „Von dort wird weiter nachgetreten. Das ist enttäuschend“, kritisiert Erlautzki die Führung.
Für sich selbst kann der Auricher nicht ausschließen, eines Tages in eine mögliche neue Partei zu wechseln. „Ich werde mir das noch eine Zeitlang angucken. Aber es ist vieles im Fluss. Es wird vom Bundesvorstand keine Einsicht gezeigt. Der Kurs geht klar auf das Riff zu. So können wir die Menschen nicht mehr erreichen.“ Erlautzki erwartet einen personellen Neuanfang der Führung auf Bundesebene. „Aber die Leute bleiben einfach in ihren Sesseln“, so Erlautzki.
Kreisvorsitzender: „Es werden sicher Austritte kommen“
Er höre von vielen in der Partei, dass sie über einen Wechsel nachdenken. „Es werden sicher Austritte kommen“, so Erlautzki.
Man werde nun erst einmal zeitnah eine Mitgliederversammlung einberufen, um gemeinsam über das Thema zu sprechen, kündigte er an. Der Kreisverband Auricher der Linken hat nach Angaben von Erlautzki rund 70 Mitglieder.
Ebenfalls nicht glücklich über die Situation ist Hendrik Siebolds. „Ich bin doch frustriert. Mir blutet das Herz, wenn die Linke sich spaltet“, erzählt der Fraktionsvorsitzende der Linken im Auricher Stadtrat dieser Zeitung. Er habe 2004/05 die damalige Vorläuferpartei „Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit“ (WASG) vor Ort mit aufgebaut, die später zur Partei „Die Linke“ fusionierte.
Zwar habe er „große Sympathie“ für Wagenknecht. Und man brauche eine gewisse Ikone. „Aber von einer Ein-Personen-Partei halte ich auch nichts“, so Siebolds.
Er wolle jetzt zunächst abwarten, wie das Programm der neuen Partei aussieht. So sei zum Beispiel die Frage, ob die kritische Haltung Wagenknechts zur Flüchtlingspolitik sich darin tatsächlich wiederfindet. Auch Siebolds übt Kritik am Bundesvorstand. „Ich hätte mir schon gewünscht, dass man auf Sahra Wagenknecht zugeht.“ Mit einer Austrittswelle rechnet er dagegen trotz allem nicht.
Grundsätzlich sei es für das linke politische Spektrum schlecht, wenn sich eine Partei abspalte. Die Frage, ob es in Ordnung ist, dass die abtrünnigen linken Bundestagsabgeordneten ihr Mandat mitnehmen, mochte Siebolds nicht eindeutig beantworten. „Das muss jeder Mandatsträger selber wissen.“
Linksjugend bedauert Schaden für Partei
Die Auricher „Linksjugend“, also die Jugendorganisation der Partei, sieht sowohl Probleme als auch Chancen in der Ankündigung Wagenknechts. „Die Linksjugend Aurich bedauert den Verlust einiger profilierter und geschätzter Persönlichkeiten auf allen Ebenen und den Schaden für die Strukturen der Partei“, teilte Linksjugend-Vorstandsmitglied Jasper Adden mit.
Genauso stehe die Partei jedoch vor der Chance, mit der Gründung interne Konflikte zu begraben, aus denen politische Niederlagen folgten. „Es ist die Möglichkeit, endlich wieder mit unserer Programmatik statt mit Konflikten öffentlich aufzufallen“, so Adden.
An diejenigen, „die gehen wollen“, appelliere man, das Potenzial des Neuanfangs innerhalb der Linken zu sehen und „über einen Austritt genau nachzudenken“. Zugleich sollten die Mandate bei der Partei belassen werden, so die Forderung der Auricher Linksjugend. Man wünsche sich außerdem einen „guten, konstruktiven gerne auch kontroversen Dialog auf Augenhöhe und weitere Zusammenarbeit in den vielen Bereichen, in denen wir uns einig sind“, so Adden.
Linke auch in Kommunalparlamenten vertreten
Gerade in Zeiten wachsender Armut, einer eskalierenden Klimakrise und von Kriegen brauche es eine starke linke Stimme auf allen Ebenen, die sich dem entgegen stellt, so Adden. Gerade deswegen verurteile man, dass für eine Konkurrenzpartei, deren langfristiger Erfolg auf der Person Wagenknechts beruhe, Strukturen und Ressourcen der Linken genutzt werden würden.
Die Linke ist unter anderem im Auricher Kreistag (ein Sitz), im Stadtrat (zwei Sitze) sowie in mehreren Gemeinderäten vertreten.