Berlin „Wenn es still wird, kommen die Alpträume“: Kriegsfotograf im Interview
Die AP-Fotografen Mstyslav Tschernow und Evgeniy Maloletka haben das Sterben im belagerten Mariupol dokumentiert. Was können Fotos aus dem Krieg im Zeitalter der Fake-News-Rufe bewirken? Im Interview haben wir Tschernow dazu befragt.
Eins der prägenden Fotos aus dem Ukrainekrieg zeigt Irina Kalinina. Hochschwanger wird sie aus den Trümmern einer Geburtsklinik getragen. Weder sie noch ihr Kind überleben den 9. März 2022, an dem Russland das Krankenhaus in Mariupol bombardiert. Dokumentiert haben das zwei Journalisten der Nachrichtenagentur AP: der Kameramann Mstyslav Tschernow und der Fotograf Evgeniy Maloletka, die dafür den Pulitzer-Preis bekamen.
Den Horror der belagerten Stadt schildert Tschernow auch in einem Dokumentarfilm: „20 Tage in Mariupol” zeigt Eltern über ihren toten Kindern, Operationen ohne zureichende Betäubung, einen Keller voller Leichen, in dem auch ein Neugeborenes liegt. Die Ukraine hat den Film für den Oscar eingereicht, der gerade als Abschlussfilm des Ukrainischen Film Festivals in Berlin zu sehen war.
Frage: Herr Tschernow, wie haben Sie die Belagerung von Mariupol überlebt?
Antwort: Mstyslav Tschernow: Wir waren in derselben Situation wie die Bevölkerung, die sich in Kellern versteckte und an Essen und Wasser kommen musste. Um wenigstens ein paar Bilder nach draußen zu kriegen, brauchten wir auch noch Elektrizität und ein Signal. Ich kenne Kriegs- und Krisengebieten, aber Mariupol war meine gefährlichste Erfahrung. Mit diesem Ausmaß an Zerstörung hatten wir nicht gerechnet. Wir hatten Glück. Anders als unser litauischer Kollege Mantas Kvedaravičius, der beim Versuch, die Stadt zu verlassen, erschossen wurde.
Frage: Wie leben Sie mit den Schrecken, die Sie gesehen haben?
Antwort: Wenn man seine Angehörigen verliert, sein Zuhause, seine Stadt – dann ist das Schlimmste, nicht zu wissen, warum das passiert. Das ist die Frage aller Überlebenden: Warum? Ich selbst habe eine Antwort, weil ich in Mariupol eine Aufgabe hatte. Das Schlimmste kommt aber noch. Im Moment ist alles so intensiv; der Krieg tobt. Wenn es still wird, kommen die Alpträume.
Frage: Haben Sie Bilder fotografiert, die zu hart oder zu intim für die Öffentlichkeit waren?
Antwort: Viele unserer Bilder sind unerträglich. Es ist ein Balanceakt. Wir mussten darauf achten, dass die Zuschauer weder wegblicken noch abstumpfen. Entschärfen dürfen wir die Bilder aber auch nicht. Man muss sehen, wie inakzeptabel der Krieg ist. Beim Sundance Festival hatten wir Angst, dass die Leute das Kino verlassen. Und dann haben wir den Publikumspreis gewonnen. Die Menschen wollen sehen, was passiert.
Hier sehen Sie den Trailer von „20 Tage in Mariupol“:
Frage: Im Film sagt ein Polizist: Eure Bilder verändern den Kriegsverlauf. Tun sie das?
Antwort: Ich habe mit meinem Freund, dem Fotojournalisten Maks Levin darüber gesprochen. Er wurde inzwischen an einem Waldrand von Russen erschossen. Maks meinte: Jeder Fotograf träumt von dem Foto, das den Krieg beendet. Aber das ist unmöglich. Was immer Journalisten tun, wird die Welt nicht verändern. Diese Illusion habe ich schon beim ersten Einsatz verloren.
Frage: Was war das?
Antwort: 2014 war ich einer der ersten an der Absturzstelle des Malaysia-Airlines-Flugs MH 17. Ich habe alles gefilmt: die Trümmer, tote Kinder, menschliche Überreste in Flammen. Dabei dachte ich: Das zeigen jetzt Tausende Sender und dann fangen die Politiker an zu verhandeln. Die Bilder liefen wirklich überall, in Russland, in der Ukraine, in Europa – aber die Interpretation war überall völlig anders.
Tschernows Bilder aus dem belagerten Mariupol:
Frage: Bei den Fotos von Mariupols Geburtsklinik hat sich das wiederholt. Von russischer Seite wurden sie als vermeintliche Inszenierung angegriffen.
Antwort: Als die Geburtsklinik bombardiert wurde, war mir klar: Ich muss alles bis ins letzte Detail dokumentieren. Mir war aber auch klar, dass die Desinformation kommt. Immerhin haben die Bilder geholfen, einen Fluchtkorridor für Mariupol auszuhandeln. Das wurde mir später von Offiziellen berichtet.
Frage: Wirkt Kriegsfotografie in der Fake-News-Ära anders als früher? Glauben die Leute trotz aller Beweise nur noch, was sie wollen?
Antwort: Wir leben nicht im Zeitalter der Missinformation, sondern in dem der Missinterpretation. Unsere Bilder aus der Geburtsklinik waren in Russland so präsent wie in Deutschland und in der Ukraine. Es wurde nur eine andere Geschichte dazu erzählt. Was man tun kann: Kontext liefern. Je mehr Kontext ich zeige, desto besser ist die Geschichte geschützt.
Frage: In diesem Fall wurden nicht nur Sie angegriffen, sondern auch Opfer. Weil die Überlebende Marianna Vyshemirsky ihre Schwangerschaft zuvor auf Instagram dokumentiert hatte, wurde sie als „Schauspielerin“ diffamiert.
Antwort: Leider kann jeder angegriffen werden; man kann nicht vorhersehen, wen es trifft. Das verpflichtet uns umso dringender, zu berichten, was wir sehen – besonders wenn es um Kriegsverbrechen geht. Auch wenn wir respektvoll und sorgfältig sind, haben die Bilder Folgen für alle. Aber wir Journalisten sind nicht der Grund für diese Konsequenzen. Wir erzählen nur die Geschichte.
Marianna Vyshemirsky und ihr Kind haben die Bombardierung der Geburtsklinik in Mariupol überlebt. Danach wurde die junge Frau als angebliche „Schauspielerin“ diffamiert:
Frage: Wenn ich es richtig verstehe, arbeitet Ihr Team so: Sie filmen, Ihr Kollege Evgeniy Maloletka macht Fotos?
Antwort: Ich bin der Kameramann und habe auch die Texte für unseren Film geschrieben. Evgeniy fotografiert. Das Bild aus der Geburtsklinik, das den Word Press Photo Award bekommen hat, ist von ihm.
Frage: Wirken Film und Foto unterschiedlich?
Antwort: Ein Foto ist limitiert, es zeigt weniger Kontext. Nach der Bombardierung der Geburtsklinik wurden deshalb vor allem die Fotos attackiert. Dafür sind Fotos das Format mit Bestand. Für den Film ist es schwieriger, sich einzubrennen. Wir alle kennen das Foto des Mädchens aus dem Vietnamkrieg. Damals wurde auch gefilmt, aber erinnern tun wir uns an das Foto. Langsam ändert sich das. Die junge Generation liest kaum noch, sie guckt Videos und hört Podcasts. Dokumentarfilme werden einflussreicher.
Frage: Haben Sie Angst, dass der Krieg in Israel von der Ukraine ablenkt?
Antwort: Als Journalist erwarte ich sogar, dass die Aufmerksamkeit schwankt. Die Ukraine kämpft nicht um die Aufmerksamkeit der Welt, sie kämpft um ihre Existenz. Weniger globale Unterstützung bedeutet mehr zivile Opfer. Aber all diese Konflikte hängen zusammen. Was in der Ukraine passiert, hat Auswirkungen darauf, was in Gaza passiert, und andersherum.
Frage: Sie sind gerade in Los Angeles. Fahren Sie zurück in die Ukraine?
Antwort: Nach Mariupol war ich in Butscha, dann in meiner Heimatstadt Charkiw. Ich unterbreche das nur, um den Film zum Publikum zu bringen – was auch wichtig ist. Aber ich fahre zurück. Das ist meine eigentliche Arbeit: Ich berichte.