Hamburg Antisemitismus an Schulen: Tappen im Dunkelfeld
„Du Jude“ ist auf Schulhöfen eine Beleidigung und wenn es um Israel geht, wird es schnell ganz eng: Antisemitismus ist an Schulen ein großes Problem. Experten wie Soziologin Julia Bernstein fordern mehr Hintergrundwissen und bessere Daten.
Nach dem brutalen Angriff der Hamas-Terroristen auf Israel haben die Bildungsminister der Länder schnell reagiert: In Briefen an die Lehrkräfte verwiesen sie auf Materialien, die im Unterricht verwendet werden können, betonten die deutsche Solidarität mit Israel und gaben Handlungsempfehlungen für den Schulalltag.
Materialien in Handbüchern, Lern-Apps und Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrer, auch in Zusammenarbeit mit Yad Vashem, gibt es tatsächlich in Hülle und Fülle – und das ist auch bitter nötig. Denn der Antisemitismus, der sich jetzt wieder auf Demonstrationen, in den sozialen Netzwerken und gegen Synagogen entlädt, macht auch vor den Schulen des Landes nicht Halt.
Im Gegenteil. „Die Schule ist ein zentraler Ort antisemitischer Gewalt“, sagt etwa Julia Bernstein, die als Professorin an der Frankfurt University of Applied Science lehrt. Die Soziologin hat vielfach zu Antisemitismus allgemein und speziell zu israelbezogenem Antisemitismus publiziert. Ihre Studie zu Antisemitismus an Schulen – die erste empirische Erhebung zu diesem Thema überhaupt – ist auch bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen.
„Antisemitismus wird in der Öffentlichkeit immer so kommuniziert, als wenn das plötzlich und unerwartet kommt“, sagt sie. „Es gilt als überwundenes Problem. Dann kommen die Versprechen wie ‚Nie wieder‘, ‚Wehret den Anfängen‘‚ und all das. Und dann fängt man an, zu suchen: Wer sind die Antisemiten?“
Tatsächlich kommt man zumindest bei der Suche nach einer soliden Zahlenbasis nicht weit. Manche Bundesländer wie etwa Bremen oder Niedersachsen erfassen antisemitische Vorfälle im Unterricht und auf Schulhöfen gar nicht. Andere wie etwa Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein geben die ihnen vorliegenden Zahlen an entsprechende Dokumentationsstellen weiter.
Die zuständige Einrichtung in Schleswig-Holstein heißt Lida-SH. Sie erfasst für das vergangene Jahr ganze fünf Fälle. Glückliches Land zwischen den Meeren also, in dem es kaum Antisemitismus gibt? Eher nicht. „Vorfälle werden auch an Schulen nur dann gemeldet, wenn es das Maß des Erwartbaren überschreitet“, sagt Joshua Vogel, Leiter der Dokumentationsstelle. Er spricht von einem „riesengroßen Dunkelfeld an den Schulen“, von einem „antisemitischen Grundrauschen, das einfach immer da ist.“
Immer wieder dokumentiert werden in Schleswig-Holstein etwa antisemitische Memes in Klassenchats. Das sind oft geschlossene Gruppen auf WhatsApp, in denen die jeweilige Lehrkraft nicht Mitglied ist und sich die Schüler gegenseitig hochschaukeln: Der erste postet einen pornografischen Inhalt, der nächste kontert mit Gewaltdarstellungen, und irgendwann ist der Antisemitismus dran.
„Kinder und Jugendliche haben kein gefestigtes Weltbild“, sagt Joshua Vogel dazu. „Aber antisemitische Codes sind unglaublich verbreitet und die Jugendlichen wissen, dass es eine Grenzüberschreitung ist.“
Von weitverbreiteten Codes spricht auch Julia Bernstein, vor allem bei der sogenannten Israelkritik, nach ihrer Einschätzung „der gemeinsame Nenner des Antisemitismus in der Öffentlichkeit.“ Er ist die Form, die am schwierigsten als Antisemitismus zu erkennen ist, weil sich hier die Diskurse so vermischen. Wo hört legitime Kritik an israelischer Politik auf und wo fangen die Doppelstandards, die Dämonisierung an? Das ist für viele nicht leicht zu beantworten.
„Es müssen langfristige Formate für den Bildungs- und Hochschulbereich entwickelt werden“, fordert Julia Bernstein daher. „Es braucht viel mehr Hintergrundwissen, um zu erkennen, wie Antisemitismus codiert wird und die Lehrkräfte müssen wesentlich eindeutiger geschult werden.“
Der Umgang etwa mit migrantischen Schülern, die israelbezogenen Antisemitismus äußern, wird dabei auch engagierten Lehrern oft nicht leicht gemacht. Wenn es etwa in einer Handreichung für Berliner Grundschullehrer einerseits heißt, antisemitische Äußerungen und Darstellungen müssten ernstgenommen werden, andererseits aber dort steht: „Antisemitismus wird oft einseitig den als arabisch oder muslimisch gelesenen Schülerinnen und Schülern zugeschrieben, was eine erneute Diskriminierung zur Folge hat“, dann erfordert es schon eine Menge Engagement und Einfühlungsvermögen, bei Vorfällen solcher Art angemessen zu reagieren. „Lehrkräfte haben Angst, als rassistisch abgestempelt zu werden“, hat auch Julia Bernstein im Rahmen ihrer Forschung festgestellt.
„Schulen müssen sich auf die veränderte Zusammensetzung der Schülerschaften einstellen“, sagt die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU), die auch Vorsitzende des jüdischen Forums ihrer Partei ist. „In Familien, die aus fernen Ländern eingewandert sind, spielt die Shoah kaum eine Rolle. Daraus ergibt sich eine andere Notwendigkeit der Tatsachenvermittlung“, fordert sie.
In weiterführenden Schulen ist es dann vor allem auch die Behandlung des Nahost-Konflikts im Unterricht, der zu schwierigen Situationen führen kann. „Viele Lehrkräfte sind tatsächlich engagiert, aber kennen sich dabei nicht mit israelbezogenem Antisemitismus aus“, sagt Bernstein. „Sie behandeln im Unterricht den Nahost-Konflikt. Nicht selten kommt es dabei dann zur Täter-Opfer-Umkehr. Und das hat direkte Auswirkungen auf die Juden in Deutschland, es verschlechtert unter anderem ihre Sicherheitslage massiv.“
Was das bedeutet, kann man dieser Tage wieder in Berlin und anderen deutschen Städten beobachten: Jüdische Wohnhäuser werden mit Davidsternen markiert, Molotowcocktails fliegen auf jüdische Einrichtungen. In manchen Gegenden sichtbar eine Kippa zu tragen, führt zu verbaler und körperlicher Gewalt. Und jüdische Schulen: Stehen unter Polizeischutz, heute mehr denn je.