Umweltkatastrophe an der Ostsee Millionenschäden nach Sturmflut – könnte das in Ostfriesland auch passieren?
Letzte Woche hat eine Sturmflut an der Ostseeküste riesige Schäden angerichtet. Was sagt die Krummhörner Deichacht dazu und wie unterscheiden sich ostfriesische Deiche von denen an der Ostsee?
Krummhörn / Ostsee - Die Spuren der zerstörerischen Sturmflut an der Ostsee sind noch gut sichtbar. Aufgerissene Straßen, weggespülte Promenaden und zerstörte Schutzwälle. Auf Fehmarn kam eine Frau durch einen umstürzenden Baum ums Leben und allein im Kieler Hafen sanken vergangene Woche an die 35 Boote. Nach Angaben der Küstenschützer wurden auch Deiche beschädigt. Die Höhe der Schäden soll insgesamt im dreistelligen Millionenbereich liegen. Das dürfte auch Ostfriesen aufhorchen lassen, da sie an der Nordseeküste auf den Schutz der Deiche angewiesen sind. Wie lassen sich die Küsten miteinander vergleichen und wie unterscheidet sich der jeweilige Küstenschutz?
Was und warum
Darum geht es: die Sturmflut an der Ostseeküste und die Fragen, inwiefern sich der Küstenschutz an Nord- und Ostsee unterscheidet
Vor allem interessant für: alle, die an der Küste wohnen und somit auf Küstenschutz angewiesen sind
Deshalb berichten wir: Die Bilder zerstörter Deiche an der Ostsee haben uns aufhorchen lassen. Nach der Flut an der Ostsee haben wir uns gefragt, ob diese Schäden auch bei uns denkbar wären. Die Autorin erreichen Sie unter: h.weiden@zgo.de
Nord- und Ostsee unterscheiden sich vor allem durch die Tide, sagt Gerd-Udo Heikens. Er ist der Oberdeichrichter der Deichacht Krummhörn, die für den Küstenschutz von der Leybucht bis an die Emder Knock zuständig ist. Während das Wasser an der Nordsee grundsätzlich viel in Bewegung ist, ist es an der Ostsee deutlich ruhiger. Das kann man unter anderem daran erkennen, dass das Wasser an der Nordsee eher trüb und an der Ostsee meist klar ist. „An der Ostsee ist das Wasser klar, weil da nicht so viel Sediment in Bewegung ist“, sagt Heikens. „Die beiden Küsten sind also eher nicht miteinander vergleichbar.“
Deiche in Ostfriesland sind deutlich höher
Bei der Flut vergangene Woche hat starker Ostwind das Wasser der Ostsee quasi auf das Land gedrückt, während er an der Nordsee das Wasser von der Küste weggezogen hat, raus auf die offene See. Experten nennen das Sturmebbe. Die löst extrem niedrige Pegelstände aus und sorgte dafür, dass einige Fähren nicht wie geplant zu den Ostfriesischen Inseln fahren konnten. „Dieser Ostwind ist aber extrem selten“, sagt Gerd-Udo Heikens. Meistens gibt es in Norddeutschland West- bis Südwest-Wind.
Beide Aspekte führen dazu, dass der Küstenschutz an der Ostsee deutlich weniger ausgeprägt ist als der an der Nordsee. Nach Auskunft des Landes Schleswig-Holstein sind die Deiche an der Ostsee auch nur knapp fünf Meter hoch. Teilweise gibt es auch nur Steilküsten oder Schutzdünen. Zum Vergleich: Die Deiche in der Krummhörn werden derzeit – wie zwischen Upleward und Manslagt – auf bis zu 9,8 Meter erhöht.
Kein Grund zur Hysterie
„Wir würden bei den Pegelständen, die sie nun an der Ostsee hatten, also nicht nervös werden“, sagt der Krummhörner Oberdeichrichter. In Flensburg waren zwei Meter über Normalnull gemeldet, später bis zu 2,2 Meter gemessen worden. Pegelstände, die zu dieser Jahreszeit an der Nordsee keine Besonderheit wären. „Das ist also eine ganz andere Situation.“
Heikens betont in diesem Zusammenhang, dass solche Ereignisse kein Grund zur Hysterie seien. „Wir sind und waren sicher“, sagt der Fachmann. Die rund 55 Kilometer zu schützende Deichlinie der Deichacht Krummhörn wurde bei der letzten Deichschau vor gut zwei Wochen zudem als „schaufrei“ erklärt. Sie ist also für die kommende Sturmflutsaison gewappnet. Das gilt grundsätzlich auch für die weiteren Bereiche in Ostfriesland und an der Nordseeküste.
An der Ostsee wird derweilen die Forderung nach besserem Küstenschutz laut. Aus den Reihen der SPD, FDP und des Südschleswigschen Wählerverbands kamen Rufe nach Überprüfung und Verbesserung der Küstenschutzkonzepte, nach einem Hilfsfonds und nach mehr Geld für den Küstenschutz. Weil vielerorts Strände und Dünen ins Wasser gespült wurden, will sich Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) an den für Küstenschutz zuständigen Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) wenden. „Ich werde ihn dringend bitten, aufgrund der aktuellen Lage bei uns in Mecklenburg-Vorpommern und in Schleswig-Holstein zusätzliche Mittel bereitzustellen.“
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