Tierschutz ohne Siegel Was steckt hinter dem Erfolg der Auricher Eier?
Die Auricher Eier sind aus Ostfriesland nicht mehr wegzudenken. Die Erfolgsgeschichte begann vor 30 Jahren zu Zeiten der Käfighaltung – mit dem Wunsch eines Bäckermeisters nach mehr Tierschutz.
Aurich - Was die Auricher Eier ausmacht, kann Juniorchef Volker Posselt am besten auf der eigenen Freilauffläche zeigen. Also geht es hinter das Haus, wo die Tiere zwischen Stall, geschütztem Wintergarten und mit Bäumen bepflanztem Auslauf wechseln können. Letzteren teilen sich die Legehennen neuerdings mit einer Herde Schafe. Eine Kombination, die funktioniert.
Was und warum
Darum geht es: Die Auricher Eier aus Brockzetel sind in Ostfriesland aus dem Einzelhandel nicht mehr wegzudenken. Es gibt sie mittlerweile schon so lange, dass viele sich an die Anfänge nicht mehr erinnern. Ein Blick hinter die Kulissen einer ostfriesischen Erfolgsgeschichte.
Vor allem interessant für: Eierfreunde, Landwirte und alle, die wissen möchten, wo ihre Lebensmittel herkommen und wie sie produziert werden
Deshalb berichten wir: Im nächsten Jahr wird die Idee hinter den Auricher Eiern 30 Jahre alt. Das nehmen wir zum Anlass, nachzufragen, was hinter der Marke steckt.
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Wie zum Beweis flattert ein Huhn auf den Rücken eines wolligen Mitbewohners. „Manchmal nutzen sie das Schaftaxi und reiten ein Stück mit“, sagt Volker Posselt und lacht. Die Schafe sind erst in diesem Jahr auf die Freilauffläche des Legehennen-Betriebs in Aurich-Brockzetel gezogen. Sie sollen die Hühner vor Habichten schützen. „Wenn Bewegung in der Herde ist, schlagen die nicht so oft zu“, ist die Hoffnung von Seniorchef Georg Posselt. Bisher klappt es.
Von der Milchkuh aufs Huhn gekommen
Die Posselts sind heute einer von 26 Betrieben, die hinter der Marke Auricher Eier stehen. Schon als die Idee dafür vor fast genau 30 Jahren geboren wurde, war die Familie dabei. Das Besondere: Die Posselts halten nicht nur selbst Legehennen, sondern betreiben auch die Eierpackstation, von wo aus wöchentlich 250.000 Auricher Eier an den Einzelhandel, an Hotels, Hofläden, Gaststätten und Bäckereien bis über die Grenzen der Ostfriesischen Halbinsel hinaus geliefert werden – von den Inseln im Norden bis hinunter nach Oldenburg und südlich bis Papenburg.
Ursprünglich waren die Posselts Milchviehhalter, wie die meisten Landwirte im Nordwesten. 1958 kamen die Eltern von Georg Posselt von Wiesens nach Brockzetel und bauten dort den Betrieb auf. Seitdem gab das Rind den Arbeitstakt vor. Auf das Huhn kam der Betrieb erst eine Generation später durch Seniorchefin Frieda Posselt. „Ich wollte damals gerne Hühner für den Eigenbedarf“, sagt sie. Dass diese Idee dazu führen würde, dass der Betrieb die Kühe eines Tages ganz abschafft, hätte sie damals nicht gedacht.
Am Anfang war der Wunsch nach mehr Tierschutz
Seitdem ist viel passiert. Auslöser der Veränderung war eine Idee von Ubbo Lorenz von der Bäckerei Lorenz aus Victorbur. „Wenn Ubbo eine Idee hatte, dann tat er alles dafür, sie umzusetzen“, sagt Georg Posselt und muss bei der Erinnerung daran schmunzeln. Der im Jahr 2002 verstorbene und für seine Ideen bekannte Bäckermeister wollte für seine Bäckerei und die angeschlossenen Backshops Eier aus Freilandhaltung mit hohem Tierschutzstandard. Zu der Zeit war in Deutschland in vielen Großbetrieben noch Käfighaltung üblich und führte regelmäßig wegen des schlechten Zustands der darin gehaltenen Hühner zu Skandalen. Deshalb suchte Lorenz Landwirte aus der Umgebung, die auf dem Weg zu mehr Tierschutz mitziehen wollten. Seine Forderung damals: er wollte 1000 Eier täglich.
Die Posselts gehörten zu den vier Betrieben, die im Jahr 1994 diese Herausforderung gemeinsam annahmen und stockten ihren Hühnerbestand auf 300 Tiere auf. Insgesamt 1200 Hühner deckten anfangs den Bedarf der Bäckerei. Die Eierpackstation und den Transport übernahmen die Posselts. Gepackt wurde noch von Hand – auf einer Sortieranlage so groß wie ein Küchentisch. „Ich habe die tausend Eier noch mit einem VW Golf ausgeliefert“, erinnert sich Georg Posselt und muss lachen.
Mehr Platz als Öko-Hühner
Alles lief so gut, dass Ubbo Lorenz eines Tages anmerkte: „Da müsst ihr mehr draus machen.“ So erzählt es Georg Posselt. 1995 wurden die Marke und das Logo entwickelt, 1996 wurde die Erzeugergemeinschaft „Auricher Eier“ gegründet. Es kamen immer mehr Betriebe und neue Abnehmer dazu. Im Jahr 1999 verließ schließlich das letzte Rind den Hof der Posselts.
Die 1994 vereinbarten Standards zur Hennenhaltung gelten noch heute und lassen beim Platzangebot so manches Öko-Huhn vor Neid erblassen. Bei der Stallfläche erfüllt die Erzeugergemeinschaft mit maximal sechs Hühnern pro Quadratmeter die Anforderungen des Ökolandbaus. Bei der Freilauffläche liegt sie mit zehn Quadratmetern pro Huhn weit darüber (Ökolandbau vier Quadratmeter). „Der einzige Unterschied zu ökologischer Landwirtschaft ist das Futter“, sagt Juniorchef Volker Posselt, der vor acht Jahren in das Unternehmen eingestiegen ist.
Eine Regel gegen Massentierhaltung
Etwa tausend Legehennen gehören zur Herde der Posselts, zwischen ihnen wachen 15 stattliche Hähne. Nicht alle Landwirte würden Hähne zu ihren Legehennen setzen, sagt Georg Posselt. „Aber sie bringen Ordnung in die Herde“, findet der Senior. Das hat sich in Brockzetel bewährt. Auch wenn die Anzahl von tausend Hühnern auf dem Hof der Posselts für Laien viel klingt. Im Vergleich zu anderen Betrieben sind tausend Tiere wenig. Wie in der Schweinehaltung gibt es laut Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung auch bei Legehennenhaltern eine Tendenz zu immer größeren Betrieben. Im Jahr 2020 wurden 87 Prozent der Tiere in Betrieben mit mehr als 10.000 Legeplätzen gehalten.
Davon sind die Mitglieder der Erzeugergemeinschaft weit entfernt. „Zwar können unsere Betriebe auch mehr als eine Herde mit maximal 1000 Tieren halten“, sagt Volker Posselt, aber selbst der größte Betrieb käme gerade einmal auf 3700 Tiere – also vier Herden. Mehr als tausend Tiere pro Einheit sind laut Selbstverpflichtung der Erzeugergemeinschaft nicht erlaubt. So soll Massentierhaltung vermieden werden. „Ohne die Erzeugergemeinschaft würde sich die Hühnerhaltung unter solchen Bedingungen und in einem solchen Umfang für die meisten Betriebe nicht rechnen“, sagt Posselt. Denn ab 350 Hühnern ist eine Eierpackstelle notwendig, die Eier müssen mit einem Herkunftsnachweis gestempelt werden. Das ist viel Aufwand.
Ohne Erzeugergemeinschaft wäre es schwierig
Bei den Auricher Eiern übernehmen das die Posselts – dafür gibt es eine Sondergenehmigung. Die meisten der angeschlossenen Landwirte nutzen die Hühnerhaltung als zweites Standbein für ihren Betrieb, erklärt Georg Posselt. Ohne die Erzeugergemeinschaft wäre es für sie schwer, ihre Eier zu vermarkten. Darum müssen sie sich als Mitglieder nicht selbst kümmern. Sie liefern täglich ihre Eier palettenweise auf gestapelten, 30 Eier fassenden Eierpappen nach Brockzetel und bekommen dafür ein vereinbartes Eiergeld. Wie hoch das ist, ist ein Betriebsgeheimnis.
Angenommen werden Paletten nach Betrieb getrennt am Eingang der kleinen Produktionsstraße, die 2010 in das Unternehmen gezogen ist – in einen weiteren Anbau des stetig wachsenden Betriebs. Aus den Eierpappen werden sie von Saugnäpfen gegriffen, auf kleine Förderbänder gesetzt und mit einem Code als Nachweis für die Herkunft bedruckt. Danach fahren die Eier über einen Beleuchtungstisch. Hier werden sie auf Schäden wie Risse geprüft, Federn herunter gepflückt und dreckige oder kaputte Eier aussortiert. Dann übernimmt die Anlage das Wiegen und schubst die Eier je nach Gewicht an der richtigen Stelle vom Förderband zum Verpacken und Etikettieren.
Das leise Tröten der Hühner
Die Auricher Eier ernähren so nicht nur die 26 angeschlossenen Familienbetriebe, sondern schaffen weitere Arbeitsplätze. Allein acht Mitarbeiter werden täglich an der Eier-Straße benötigt, hinzu kommen die drei Fahrer, die sie zu den Verkaufsstellen bringen. Wie die Entwicklung weitergeht? Volker Posselt steht am Gatter und beobachtet die aus allen Ecken herbei strömende Hühnerherde. Der Juniorchef ist für ein moderates Wachstum. Vielleicht wird eines Tages eine eigene Halle für die Eierpackstation gebaut, die Anlage modernisiert. Aber alles zu seiner Zeit.
Die Tiere sammeln sich vor ihm, picken und gluckern beruhigend vor sich hin, als würden sie sich und ihrem Landwirt leise etwas vorsingen. „Hier zu stehen hat schon etwas sehr Entspannendes“, sagt Volker Posselt, als hätte er die Gedanken der Redakteurin erraten. Das weiche Tröten, Flöten und Gackern der Hühner hätte einen Platz auf einer Meditations-CD verdient. Freilandhaltung wie diese nimmt zwar immer mehr zu, ist trotzdem noch eher die Ausnahme als die Regel.
Im Jahr 2022 stieg der Anteil dieser Haltungsform in Deutschland auf immerhin 21 Prozent. Nach dem Aus der Käfighaltung im Jahr 2010 leben die meisten Legehennen inzwischen in Bodenhaltung (60,5 Prozent) – hier sind die Tiere meist zu Zehntausenden in hallenähnlichen Ställen untergebracht. Für die Betriebe hinter den Auricher Eiern ist das keine Option – und die Verbraucher geben ihnen recht. Die Zahlen jedenfalls sprechen dafür: die Steigerung der Nachfrage von täglich 1000 Eiern für eine Bäckerei bis zu den inzwischen 250.000 Stück pro Woche über die Grenzen Ostfrieslands hinaus in 30 Jahren.
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