Osnabrück  Ex-Bundespräsident Wulff: „Eine Gesellschaft ohne Religion ist blutleer“

Johannes Kleigrewe
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Von Johannes Kleigrewe
| 27.10.2023 14:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff warb eindrücklich für die Rolle der Religionen in der Gesellschaft. Foto: Osnabrücker Friedensgespräche/Uwe Lewandowski
Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff warb eindrücklich für die Rolle der Religionen in der Gesellschaft. Foto: Osnabrücker Friedensgespräche/Uwe Lewandowski
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Im letzten Osnabrücker Friedensgespräch des Jahres ging es um die ganz großen Themen: die Zukunft Europas und die Rolle der Religionen. Dank der gleich sieben Teilnehmer gab es für die Zuschauer viele Denkanstöße. Und einen Bundespräsidenten a.D., der sich als Missionar versuchte.

Braucht es Religion noch und wie können verschiedene Religionen in der EU gemeinsam Gutes bewirken? Auf diese und weitere Fragen gab es bei der Podiumsdiskussion am Donnerstag, 26. Oktober, viele Sichtweisen. Denn es waren nicht nur Sonya Zayneb Ouertani, Christian Wulff und Hans-Gert Pöttering, sondern auch gleich vier Repräsentanten des Runden Tischs der Religionen Deutschland eingeladen.

Für eine historische Einordnung sorgte Hans-Gert Pöttering, der einen Bogen vom Westfälischen Frieden bis zur Europäischen Union spannte. Der Friedensschluss von 1648 habe einen Religionsfrieden bedeutet, aber keine Religionsfreiheit. Denn die jeweiligen Fürsten durften ihren Glauben wählen, ihre Untertanen mussten ihn übernehmen. „Doch Freiheit ist die Schwester von Frieden“, betonte Pöttering. Dieses Geschwisterpaar sei in der Europäischen Union angelegt. „Die EU ist nicht das Paradies auf Erden, aber ein besserer Teil dieser“, so der ehemalige Präsident des EU-Parlaments.

In der ungewöhnlichsten Rolle präsentierte sich Ex-Bundespräsident Christian Wulff am Donnerstagabend. „Ich möchte heute Missionar sein“, erklärte er und beklagte eine Abkehr von der Religion in der Gesellschaft. „Aber eine Gesellschaft ohne Religion ist blutleer“, warnte Wulff. So gebe es Studien, nach denen religiöse Menschen eher an Gesetze halten würden. Zudem animiere die Religion die Menschen, an die zu denken, die am Boden sind.

Sonya Zayneb Ouertani strich heraus, dass Deutschland und Europa plurale Gesellschaften seien und es daher „Pluralitätskompetenz“ bei den Menschen brauche. „Das bedeutet, mit Vielfalt und Differenzen umgehen zu können und sie als positiven Wert zu begreifen“, erklärte sie. Sie wollte diese Aufforderung nicht als Drohung verstanden wissen, sondern als eine realistische Einschätzung.

Ein Weg, um diese Pluralitätskompetenz zu schulen, sei es, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Eine Idee, der sich Ahmad Aweimer begeistert anschloss. „Springen Sie über ihren Schatten“, riet er. Bis man es versuche, wisse man gar nicht, was man verpasse, so Aweimer. Hans-Gert Pöttering warnte zudem eindringlich davor, von den Taten Einzelner auf eine gesamte Gruppe zu schließen. Gerade im Kontext von religiös begründeten Gewalttaten sei dies wichtig.

Martin Hein warnte davor, den Umgang mit Religionen am französischen Laizismus auszurichten und das Religiöse ins Private zu verbannen. „Das stärkt Parallelgesellschaften“, so der emeritierte Bischof. Christian Wulff stimmte Hein prinzipiell zu, dass das Verhältnis zwischen Staat und Religion in Deutschland besser sei, warnte aber davor, diese Einstellung zu offensiv in anderen Teilen der Welt zu empfehlen. „Wir sind manchmal sehr arrogant“, so Wulff, „und sollten das ändern.“

Dass es zudem auch in Deutschland noch Verbesserungspotential im Umgang mit Religion gibt, verdeutlichte Carola Roloff. Seit 1985 versuchten die Buddhisten, als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt zu werden, berichtete sie. Damit einher gehen einige Privilegien. „Wir werden aber an den Standards der christlichen Kirchen gemessen“, bemängelte sie einen unfairen Vergleich, da der Buddhismus ganz anders organisiert sei.

Nicola Towfigh war es wichtig, den Blick auch über den EU-Tellerrand hinaus zu öffnen. Nur wenn die gesamte Welt in den Blick genommen werde, könne Europa auch ein guter Ort bleiben. „Religionen kommt dabei eine besondere Rolle zu, da sie weltweit aktiv sind“, erklärte sie. Im Bahaitum gehe man davon aus, dass die Welt ein Land sei und alle Menschen seine Bewohner, bot sie einen Gegenentwurf zu identitären oder nationalistischen Sichtweisen an.

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