Istanbul 100 Jahre Türkei: Am Istanbuler Taksim spiegelt sich die Geschichte der Republik
Die Türkei feiert ihren 100. Geburtstag. Kein Ort im Land am Bosporus symbolisiert die türkische Geschichte so, wie der Taksim-Platz in Istanbul. Von Atatürks Gründung der Republik über Pogrome und Staatsstreiche bis hin zum Putschversuch 2016. Ein Ortsbesuch.
Auf dem Taksim-Platz drängen sich die Menschen. Autos hupen, die Trambahn klingelt, Leute rufen – still ist es nie hier im Zentrum von Istanbul, wo sich die Wege von Schulkindern, Rentnern, Arbeitern, Geschäftsleuten und Touristen aus allen Ecken der Türkei und der Welt kreuzen. Der Taksim ist der Nabel der Türkischen Republik, die an diesem Sonntag, dem 29. Oktober, hundert Jahre alt wird. Wie kein anderer Ort in der Türkei spiegelt der Platz die Geschichte dieses Staates.
Am Denkmal der Republik auf dem Taksim erweisen Besucher aus dem ganzen Land dem Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk ihre Reverenz, indem sie Selfies vor dem Denkmal schießen. Der 28-jährige Muhammed Ali ist aus dem südtürkischen Isparta gekommen, um es seiner Frau Ayse zu zeigen. „Dieses Denkmal ist unsere Freiheitsstatue“, sagt er. „Dass unsere Republik nun hundert Jahre alt wird, das ist eine unbeschreibliche Freude – da wird mir heiß und kalt.“
Das Denkmal zeigt Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk gleich zweimal: Nach Norden marschiert er in Militäruniform seinen Soldaten im Unabhängigkeitskrieg vor 1923 voran; nach Süden schreitet er als Staatsmann nach 1923 im Frack daher. Ein Ehepaar von Anfang 50 umrundet das Denkmal voller Ehrfurcht. Ahmet und Ayse Ceylan sind aus dem westtürkischen Izmir angereist: „Dieses Denkmal bedeutet uns mehr, als ich sagen kann“, meint Ahmet. „Atatürk hat uns die Republik gegeben, er hat uns Frauen das Wahlrecht gegeben und die Gleichberechtigung, deshalb lieben wir ihn“, sagt Ayse.
Um mehr über Atatürk und seine Republik zu erfahren, müssen wir nur ein paar hundert Meter mit der knallroten Bimmelbahn fahren, die direkt vor dem Denkmal abfährt. Die Fahrt geht den Boulevard der Unabhängigkeit entlang zum Sitz des „Vereins zur Förderung Modernen Lebens“, dem Hauptquartier der Bannerträger von Atatürk. Hier stehen Büsten des Staatsgründers auf den Fensterbänken aufgereiht, die Wände sind mit Atatürk-Porträts geschmückt.
Ayse Yüksel ist die Vorsitzende des Vereins. In präzisen, geschliffenen Sätzen spricht die Medizin-Professorin über ihre Arbeit und über die Bedeutung der Republik für sie persönlich: „Dank dieser Republik habe ich als Frau studieren können, einen Beruf erlernen können, einen Arbeitsplatz bekommen und am Arbeitsleben teilhaben können.“ Für Yüksel besonders wichtig ist, dass Atatürk nach der Republiksgründung vom 29. Oktober 1923 die Frauen den Männern gleichstellte. „Vorher waren wir Frauen nichts als Sklavinnen.“
Dreh- und Angelpunkt der Revolution von Atatürk sei die Bildung gewesen, sagt die Professorin. Ihr Verein fördert deshalb aus Spendengeldern jährlich tausende Schülerinnen mit Stipendien, damit sie das Gymnasium besuchen und studieren können. Zum 100. Geburtstag der Republik hat der Verein sein Ziel von 100.000 vergebenen Stipendien erreicht. Trotzdem fürchtet die Professorin um Atatürks Erbe. „Heute besteht die Gefahr, dass diese Republik durch einen religiösen oder religiös orientierten Staat ersetzt wird.”
Der Boulevard der Unabhängigkeit führt zum Taksim zurück; viele der eleganten Bauten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert an der Einkaufsstraße wurden von Griechen, Juden, und Armeniern gebaut, die früher hier lebten. Heute flanieren Touristen die Straße entlang, an der das multikulturelle Zusammenleben in der Türkischen Republik im Jahr 1955 ein jähes Ende nahm – als Lynchmobs in einer Septembernacht hier Geschäfte, Wohnhäuser und Kirchen plünderten und die alteingesessenen Minderheiten vertrieben. Heute leben nur noch wenige Griechen, Juden und Armenier in der Türkei.
Die Pogrome von 1955 waren eine Wegscheide für die Türkei, ebenso wie die Staatsstreiche der Militärs 1960, 1971 und 1980. Besonders der Putsch von 1980 wirkt bis heute nach, sagt Arzu Cerkezoglu. Blaue Windjacke, roter Anstecker, offenes Haar: Die 54-Jährige, die am Taksim aus einem Auto springt, ist Vorsitzende des Revolutionären Gewerkschaftsbundes der Türkei, kurz DISK. Für die Gewerkschafter hat der Taksim eine tragische Symbolkraft – seit dem 1. Mai 1977, als Scharfschützen am Tag der Arbeit das Feuer auf hunderttausende Arbeiter auf dem Platz eröffneten.
„Die ersten Schüsse kamen von da drüben, wo jetzt die Moschee steht – das war damals die Wasserbehörde“, sagt Cerkezoglu. „Auch aus dem Hotelhochhaus hier auf dieser Seite wurde geschossen. Viele Menschen wurden in der Massenpanik erdrückt und von Polizeifahrzeugen zerquetscht. 34 Menschen ließen ihr Leben, hunderte wurden verletzt.“ Die Täter wurden nie ermittelt. Drei Jahre nach dem Massaker ergriffen die Generäle die Macht. DISK wurde verboten, alle Tarifverträge wurden ausgesetzt, die Löhne wurden gekürzt.
DISK wurde 1992 wieder zugelassen, doch die Arbeiterrechte wurden bis heute nicht wieder hergestellt, sagt Cerkezoglu. Die Ergebnisse seien offensichtlich: „Von 100 Arbeitnehmern im privaten Sektor haben 95 keine Gewerkschaftsrechte und keine Tarifverträge.“ Auch den Tag der Arbeit dürfen die Gewerkschaften heute nicht mehr auf dem Taksim feiern. Der Platz wird alljährlich am Vorabend des 1. Mai von der Polizei abgeriegelt. Cerkezoglu kommt deshalb stets zwei Tage vorher auf den Taksim, um rote Nelken niederzulegen.
Mit Polizei-Absperrungen am Taksim kennt sich auch Yonca Verdioglu aus. Wir treffen sie an den Stufen, die vom Taksim-Platz zum Gezi-Park führen. Die Bezeichnung Park ist etwas übertrieben für diesen Grünflecken in der Betonwüste von Istanbul, knapp 300 Meter lang und 150 Meter breit und teilweise von einem Hotelhochhaus besetzt. Yonca Verdioglu zeigt auf eine Stelle neben einem Spielplatz. „Der ganze Platz hier war mit Zelten voll. Unser feministisches Zelt war genau hier.“
Von den Gezi-Protesten im Frühjahr 2013 erzählt Verdioglu, als Demonstrationen gegen die geplante Abholzung von Bäumen im Gezi-Park zu Massenprotesten gegen die Regierung eskalierten, die Millionen Menschen auf die Beine brachten. Verdioglu war vom ersten Tag an dabei. Linke, Nationalisten, Kurden, LGBTI-Aktivisten und Feministinnen wie sie selbst begehrten im Park gemeinsam gegen die zunehmend autoritären Tendenzen der Regierung von Recep Tayyip Erdogan auf. „Es war für mich, aber ich denke auch für alle eine einzigartige Erfahrung“, sagt Verdioglu.
Zweieinhalb Wochen lang hielten sich die Demonstranten im Gezi-Park, am 15. Juni räumt die Polizei das Lager. Tote und Verletzte gab es dabei. Yonca Verdioglu wurde von Polizisten im Reizgas festgehalten. Schmerzhafter als die blauen Flecken sei aber die Enttäuschung ihrer Hoffnungen gewesen, erzählt sie. Die 50-jährige zählt die Rückschläge des letzten Jahrzehnts auf: das Ende des Friedensprozesses mit den Kurden, der Austritt der Türkei aus dem Europarats-Abkommen zum Schutz der Frau, die Verhaftung des Kulturförderers Osman Kavala und anderer Bürgerrechtler wegen der Gezi-Proteste.
Trotzdem wolle sie nicht resignieren, sagt Verdioglu. „Es ist natürlich nicht einfach, in diesem Land zu leben. Aber ich weiß auch, dass es nicht einfach ist, in einem fremden Land ein neues Leben aufzubauen und zu leben. Daher werden wir weiterkämpfen.“
Gegenüber vom Gezi-Park weihte Erdogan vor zwei Jahren eine gewaltige Moschee mit Raum für 4000 Gläubige ein, die heute den Platz dominiert. Sengül Kazanir freut sich immer darüber, wenn sie über den Platz geht. „Wir brauchten hier eine Moschee, und diese ist sehr gelungen“, sagt sie. Sengül Kazanir geht oft über den Taksim. Als Ortsvorsitzende des Frauenverbandes von Erdogans Regierungspartei AKP läuft sie von früh bis spät durch diesen Stadtbezirk.
Wie die Atatürk-Verehrerin Yüksel engagiert sich Kazanir für die Bildung – aber aus ganz anderen Gründen. Die 52-jährige schließt gerade ihr Studium ab. Warum erst jetzt? Kazanir zupft an dem cremeweißen Schal, mit dem ihr Haar verhüllt ist. Als junge Frau habe sie in den 90er Jahren mit Kopftuch nicht studieren dürfen, erinnert sie.
Um ihr Recht auf Bildung einzufordern, demonstrierte Kazanir damals mit Gleichgesinnten vor der Universität Istanbul. “Noch heute fühle ich diese kalten Steine im Gesäß, wenn ich an dem Platz vorbeikomme”, sagt sie. Kazanir schloss sich der Bewegung von Erdogan an, der damals Oberbürgermeister von Istanbul war. Vor 21 Jahren an die Regierungsmacht in Ankara gewählt, schaffte die AKP die Kopftuchverbote ab. „Heute können sich junge Leute an allen öffentlichen Räumen, Institutionen und Schulen wohl fühlen, ob mit Kopftuch oder ohne“ sagt Kazanir. „Wir leben in der freiesten Zeit, die das türkische Volk je gekannt hat.“
Die Lokalpolitikerin kennt die europäische Kritik an ihrer Auffassung von Freiheitsrechten, doch sie werde von der Mehrheit der Türken nicht geteilt, sagt sie. „Das haben wir beim Putschversuch von 2016 gesehen, als die Jugend dieses Landes sich den Putschisten entgegengestellt hat. Das waren nicht nur AKP-Anhänger.“
Elvan Agdas gehörte zu jenen, die in der Putschnacht 2016 auf die Straße gingen. Am Denkmal der Republik am Taksim weist er auf eine Stelle, wo Atatürk in zivilem Frack zur Republikgründung schreitet. „Hier stand ich in der Nacht des 15. Juli 2016, hier am Fuß des Republik-Denkmals - und hier wurde ich niedergeschossen“, sagt er.
Agdas, ein Schneider, saß an jenem Abend mit seinen Nachbarn in der Nähe vom Taksim zusammen, als Staatspräsident Erdogan im Fernsehen erschien und forderte, die Türken sollten gegen den Putschversuch auf die Straße gehen. „Da sind wir seinem Aufruf gefolgt und zum Taksim gelaufen.“ Dort hatten die Soldaten das Denkmal umstellt, vor ihnen versammelte sich eine Menschenmenge. Die Offiziere ließen die Soldaten auf den Boden schießen – von den abprallenden Kugeln wurden viele Menschen verletzt. „Und zwei oder drei Leute wurden so wie ich direkt getroffen“, sagt Agdas. Im Krankenhaus erfuhr er, dass sich die Soldaten ergeben hatten. „Damit war der Putsch beendet. Wir hatten es geschafft.“ Heute sei die Türkei ein freies Land.
Davon sind nicht alle Besucher am Denkmal überzeugt, die der Republik und ihrem Gründer hier zum 100. Jubiläum die Aufwartung machen. Muhammed Ali, der 28-jährige aus Isparta, ist skeptisch. „Wir hatten eines der besten Länder der Welt, aber heute machen wir täglich weiter Rückschritte, was Freiheit, Rechte und Gerechtigkeit angeht. Nein, ich sehe keine gute Zukunft für uns. Ich wünschte, wir könnten wieder so sein wie zu Atatürks Zeit.”
Das wünschen sich auch Ahmet und Ayse Ceylan, die Besucher aus Izmir. Wenn Atatürk nur wiederkehren könnte, sagen beide fast unisono: Sie wünschen sich zum Jubiläum ein weiteres Jahrhundert der Republik von Atatürk.