Hamburg Guido Maria Kretschmer erklärt, was es bedeutet, eine „drückfähige“ Person zu sein
Guido Maria Kretschmer ist mehr als nur ein Modedesigner: Er gehört zu den beliebtesten deutschen TV-Stars. Seit 2021 lebt er in Hamburg-Blankenese. Ein Interview mit dem Multitalent über sein neues Buch, seinen verstorbenen Vater und die verlorene Freude an Berlin.
Seit 2021 lebt Modedesigner mit seinem Ehemann Frank Mutters im Hamburger Stadtteil Blankenese. Ein Grund: Er habe „die Freude an Berlin verloren“. Den Abschied von seiner langjährigen Wahlheimat hat der TV-Star („Shopping Queen“) in seinem neuen Buch „19.521 Schritte“ verarbeitet. Darin geht es auch um seinen inzwischen verstorbenen Vater und seine an Demenz leidende Mutter.
Im Interview mit unserer Redaktion beschreibt Guido Maria Kretschmer, warum er die Krankheit mit den Bildern von Gerhard Richter vergleicht, was ihm am Leben in Hamburg so gefällt und was es bedeutet, eine „drückfähige“ Person zu sein.
Frage: Herr Kretschmer, werden Sie gerne von Fremden auf der Straße angesprochen?
Antwort: Ja! Ich freue mich immer sehr darüber, neue Bekanntschaften zu machen und nette Leute kennenzulernen. Es ist immer wieder erstaunlich, zu sehen, wie nah mir die Menschen sind. Sie erzählen mir meist direkt sehr private und persönliche Geschichten und sind sehr freundlich. Ich empfinde es als großes Glück, diese Form der Zuneigung erleben zu dürfen und bin immer offen für schöne Gespräche und Begegnungen. Manchmal passt es vielleicht in einem Moment nicht optimal, weil ich schnell irgendwo hin muss, aber in der Regel nehme ich mir dann auch die Zeit, für ein Hallo und ein Foto.
Frage: Wie ist ihr neues Buch entstanden?
Antwort: Ich war in Berlin zu einer TV-Sendung anlässlich des Todes der Queen. Als ich das Hotel verließ, gab der nette Concierge des Hotels mir schon mit auf den Weg, dass ich mir doch unbedingt einen schönen Tag machen sollte. Nach der Sendung bin ich dann losgelaufen und habe nach wenigen Metern direkt Bekanntschaft mit einem Ehepaar gemacht, dass mich eingeladen hat, mit ihnen einen Kaffee zu trinken. Dann nahm der Tag seinen Lauf, ich bin durch Berlin spaziert, habe irre, liebevolle, traurige und sehr wunderbare Begegnungen erlebt und mich auf diese Weise auch irgendwie nochmal ein bisschen von Berlin verabschiedet. Das hatte mit meinem Umzug nach Hamburg gefühlt verpasst. Als ich abends meinem Frank von diesem Tag erzählt habe, hat er nur gesagt „Das musst du aufschreiben, mein Menschenfänger“. Und so nahm das ganze seinen Lauf.
Frage: Sie beschreiben sich in dem Buch als sehr „drückfähigen“ Menschen. Was meinen Sie damit?
Antwort: „Drückfähig” ist die Möglichkeit, Menschen zu umarmen und sie nahe haben zu wollen. Ich bin als Kind sehr viel umarmt worden von meiner Mama, von meinem Vater, sehr, sehr eng. Ich bin sehr daran gewöhnt, dass man mich drückt und kann das deshalb auch sehr gut, auch mit Menschen, die ich gar nicht kenne. Häufig fragen mich Menschen auf der Straße, ob sie mich mal in den Arm nehmen können und darüber freue ich mich. Sich zu drücken ist eine große menschliche Geste und deshalb würde ich von mir behaupten sehr „drückfähig” zu sein.
Frage: Ziehen Sie mit Ihrer positiven Art auch positive Begegnungen an?
Antwort: Eigentlich mache ich fast ausschließlich positive Begegnungen. Manche sind, um ehrlich zu sein, etwas schräg, aber in den allermeisten Fällen sind die Menschen mir gegenüber sehr nett und ich erlebe glücklicherweise selten negative Begegnungen.
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Frage: Glauben Sie, solche Begegnungen, wie im Buch beschrieben, hätten Ihnen auch in Hamburg passieren können?
Antwort: Das auf jeden Fall, denn viele der Menschen, die ich in Berlin getroffen habe, kamen ja ursprünglich gar nicht aus der Stadt. Die Begegnung in Schöneberg anlässlich des Folsom Europe Treffens hätte ich sicher in Hamburg so nicht erlebt, aber ganz bestimmt auch viele Menschen mit besonderen Geschichten getroffen. Das Besondere an diesem Tag war aber, wie bereits erwähnt, natürlich auch das Abschiednehmen von dieser Stadt, in der ich so viel erlebt und mich entwickelt habe. Das konnte natürlich nur dort stattfinden.
Frage: Sie schreiben in dem Buch, Sie hätten „die Freude an Berlin verloren“. Was erfreut Sie an Hamburg?
Antwort: Ich liebe es in Hamburg zu leben und wir fühlen uns hier wirklich sehr wohl. Nachdem wir so oft in unserem Leben umgezogen sind, fühlt es sich gut an einen Platz zu haben, an dem man irgendwie angekommen ist. Ich mag die Menschen in Hamburg, wir haben sehr nette Bekanntschaften geknüpft, aber auch die Elbe, die Nähe zum Wasser und die unzähligen kulturellen Möglichkeiten. Hamburg ist eine feine Stadt. Das Einzige, was mich hier wirklich nicht erfreut, ist der Straßenverkehr und die ganzen Baustellen (lacht).
Frage: Im Vergleich zu Ihren früheren Büchern geben Sie in „19.521 Schritte“ auch viel Persönliches preis. Hat Sie dieser Schritt Überwindung gekostet?
Antwort: Da ich generell ein relativ transparenter Mensch bin, auch in der Öffentlichkeit, ist es mir nicht wirklich schwergefallen und hat irgendwie auch Sinn gemacht, diese Geschichte so persönlich zu erzählen. Ich habe schon beim Schreiben der ersten Seite sehr schnell gemerkt, dass es nur so geht. Das Private und Persönliche lässt sich ja nicht von meinem Leben trennen, das wäre dann auch nicht authentisch. Ich habe alles so geschrieben, wie es war und hatte nicht eine Sekunde das Gefühl, dass ich irgendetwas preisgebe, was nicht menschlich genug wäre es zu teilen. Das Buch zeigt deshalb auch sehr gut, wer ich bin und woher ich komme.
Frage: Sie haben das Buch Ihren Eltern gewidmet. Ihr Vater ist leider im August verstorben, haben Sie mit ihm über das Buch gesprochen?
Antwort: Ich habe ihm das Buch noch vor seinem Tod vorgelesen. Er hat währenddessen meine Hand gestreichelt und es hat ihm so gut gefallen. Mein Vater ist ein großer Teil dieses Buches und es macht mich sehr glücklich, dass ich ihn noch daran teilhaben lassen konnte. Er fehlt mir jeden Tag.
Frage: Sie machen in Ihrem Buch auch die Demenz-Erkrankung Ihrer Mutter Marianne öffentlich. Wie gehen Sie mit der Erkrankung um?
Antwort: Für mich ist es manchmal traurig und ich glaube, es wird wirklich schmerzhaft, wenn sie mich eines Tages vielleicht nicht mehr erkennt. Ich vergleiche ihre Demenzerkrankung manchmal mit den Bildern von Gerhard Richter, bei dem die Übergänge fließend sind. Es ist wie mit ihren Erinnerungen, sie verwischen immer mehr. Ich habe mich aber etwas damit arrangiert, korrigiere meine Mutter nie! Wenn die Welt morgen für sie rot ist, dann ist sie das für mich auch. Manchmal erzählt sie mir Geschichten aus ihrer Kindheit und katapultiert mich damit in eine ganz andere Welt. Ich switche dann einfach mit ihr mit und finde es großartig. Was sonst soll ich tun? Sie ist 85 Jahre alt und so ist nun mal nun ihr Leben. Wir sind sehr eng miteinander verbunden und machen das Beste aus der Situation.
Frage: Ist Ihr Umzug nach Hamburg der letzte oder glauben Sie, da kommen noch welche?
Antwort: Aktuell fühlen wir uns sehr wohl und planen keinen Umzug. Man weiß natürlich nie, was kommt und wir bleiben flexibel, aber derzeit ist davon nicht die Rede.