Geflügelzucht Die Schönste ist eine echte Ostfriesin
Eine junge Landhuhn-Henne der Rasse Ostfriesische Möwe macht bei der Rassegeflügelschau der Auricher Züchter die Richter sprachlos. Sie verraten, was ein Huhn braucht, um sie restlos zu begeistern.
Aurich - Fast andächtig schweigt Johann Siebels, Richter für Rassegeflügel, als er das Huhn mit den strahlendweißen Halsfedern vor sich hält. Mit der linken Hand unter dem Brustbein hebt er es hoch und betrachtet es, als könne er es kaum glauben. Skeptisch prüft er noch einmal die Steuerfedern am Hühnerschwanz. Hohe Wertungen hat er an diesem Tag noch nicht vergeben. Einige Tiere sind sogar ganz durchgefallen, wie die Henne von vorhin, auf der sich der Hahn offenbar gerne aufhält und ihr dabei die Rückenfedern zerrupft hat.
Was und warum
Darum geht es: In Ostfriesland und drum herum ist wieder die Zeit der Geflügelschauen. Die Redaktion hat ein Richterteam bei der Suche nach dem schönsten Huhn Aurichs begleitet.
Vor allem interessant für: Hühnerfreunde und alle, die noch ein Hobby mit Nutzwert suchen
Deshalb berichten wir: Am Wochenende, 28. und 29. Oktober, ist die Rassegeflügelausstellung des Vereins Deutscher Rassegeflügelzüchter Aurich in der Ausstellungshalle der Reisetaubenliebhaber-Vereinigung in Walle. Geöffnet ist am Samstag von 10 bis 17 Uhr und am Sonntag von 10 bis 16 Uhr.
Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de
Johann Siebels aus Ochtersum ist seit 1987 Richter. Jetzt, in der Saison der Geflügelschauen, ist er wieder ein gefragter Mann. An diesem Tag ist er nach Aurich gekommen, um vor Beginn der Rassegeflügelausstellung des Auricher Vereins Deutscher Rassegeflügelzüchter am Wochenende die Qualität der dort gezeigten Hühner und Hähne zu prüfen. Siebels ist kritisch, viele Tiere, die er an diesem Tag sieht, sind eigentlich nicht für die Zucht geeignet. Trotzdem versucht er, etwas Nettes für das Feld über die Vorzüge der Tiere auf dem Bewertungsbogen zu finden. „Wir flunkern manchmal auch ein wenig“, sagt er und zwinkert.
Die Bestnote gibt es nur selten
Bei den Rassen, die er selbst züchtet, sei er immer besonders streng, gesteht Siebels. Das gilt eigentlich auch für die Ostfriesische Möwe vor ihm, so der Name der alten schwarz-weißen Hühnerrasse. Aber diese Henne macht ihn sprachlos. Siebels prüft noch einmal die Schwanzfedern, den roten Kamm, die rot-braune Augenfarbe, die kräftig blauen Beine. Nein, kein Zweifel. Mit der regelmäßigen Flockung, den schwarzen Punkten auf den Körperfedern, die nur von den weißen Federkielen durchbrochen werden, hat er das perfekte Huhn vor sich. Es bekommt eine Wertnote 97, wie es in Fachkreisen heißt, oder: vorzüglich. Oft vergibt er diese Note nicht, maximal ein- bis zweimal pro Ausstellung, wenn überhaupt.
An diesem Tag bewertet Siebels die Tiere nicht allein. Er hat Richter-Anwärterin Jasmin Arians aus Esens dabei. Sie ist ein Glücksfall für die Esenser Rassegeflügelzüchter. Zum einen ist der Richter-Nachwuchs rar, zum anderen sind Frauen im Richterjob etwa so häufig wie Lamas auf dem Seedeich. Die 28-Jährige ist erst im Jahr 2019 auf das Huhn gekommen und hatte im ersten Jahr noch geglaubt, dass es bei ein paar Tieren im Garten bleiben würde. „Ich war anfangs eigentlich nur wegen der Pflicht-Impfung im Geflügelzuchtverein“, gesteht die 28-Jährige.
Anfangs waren es nur ein paar Hühner
Als nach der Corona-Pause wieder die Ausstellungen anfingen, nahm sie aus Spaß teil und stellte fest, wie wenig sie über die Hühnerrasse wusste, die sie für das tägliche Frühstücksei im Garten hielt. Schönheiten im Sinne des Rassestandards waren ihre Tiere nicht gerade. Dann holte sie sich Bruteier von einem professionellen Züchter und startete durch. „Wenn ich etwas mache, dann auch richtig“, sagt sie. Jetzt ist sie die zweite Vorsitzende der Esenser Geflügelzüchter, kümmert sich im Verein um die Webseite und lässt sich über drei Jahre zur Richterin ausbilden. In dieser Saison muss sie sechsmal „schreiben“. Das bedeutet, sie muss auf sechs Schauen die Urteile von sechs verschiedenen Richtern auf den Beurteilungsbögen notieren.
Im Fall der vorzüglichen Henne gibt es nicht viel zu schreiben. „Nach dem Zuchtstandard vorzüglich“ steht unter „Vorzüge“. Statt unter dem Punkt „Wünsche“ die gewünschten Verbesserungen einzutragen, notiert sie nur das Datum und den Ort. Siebels unterschreibt. Unter dem Punkt „Mängel“ steht in diesem Fall keine Kritik, sondern nur „Obmann“. „Bei einer solchen Bewertung sollte man eine zweite Meinung einholen“, sagt Jasmin Arians. Dort wird ein zweiter Prüfer unterschreiben, wenn er Siebels Meinung teilt. An diesem Tag sind drei Richter im Einsatz. Denn es ist viel zu tun. In der Ausstellungshalle der Reisetaubenliebhaber-Vereinigung im Aurich-Walle reihen sich die Käfige aneinander.
Die Richter haben in Aurich viel zu tun
Vor allem die Hähne machen sich durch lautes Krähen bemerkbar, während die Tauben in der ersten Reihe wie Musterschüler still in ihren Käfigen hocken. Nur hin und wieder schreitet eine von ihnen mit stolz geschwellter Brust durch den Käfig. Manchmal trötet eine Gans. Einen Tag vorher sind sie alle hier eingezogen. Von September bis Dezember ist die Hauptsaison der Geflügelzuchtschauen. Wegen der Vogelgrippe drängen sich die Termine in kurzer Zeit alle dicht aneinander. Manchmal sind mehrere Schauen an einem Wochenende. „Bei den Tauben geht es noch bis Januar“, sagt Jens Tammen aus Südbrookmerland. Er ist einer der drei Richter, die ihr Urteil über die gezeigten Tiere sprechen.
Tammen ist an diesem Tag vor allem für die Tauben zuständig, auch wenn er hauptsächlich für seine Hühner bekannt ist, mit denen er schon viele Preise geholt hat und unter anderem mehrfach Europameister und Deutscher Meister geworden ist. Er kennt das Geheimnis einer erfolgreichen Zucht. „Ein lückenlos gepflegter Stammbaum“, ist die spontane Antwort von Tammen, als er danach gefragt wird. Sie kommt aus ihm heraus, als hätte sie jahrelang auf den Moment gewartet. Wie bei der Pferdezucht müsse man die Herkunft lückenlos dokumentieren und die Merkmale gezielt züchten, erklärt er. Das würden die meisten Hühnerzüchter nicht beherzigen.
Anders als Züchter, die ihre Hennen nach einem Jahr gegen jüngere Tiere tauschen, die mehr Eier legen, setzt Tammen auf bewährte Hennen. Sie sorgen bei ihm bis zu acht Jahre lang für Nachwuchs. „Dann legen sie halt nur noch drei Eier. Dafür weiß ich, dass auch etwas Gutes rauskommt“, sagt Tammen. Er gehört mit seinen 31 Jahren ebenfalls zu den jungen Richtern, ist aber schon seit acht Jahren im Amt. Er hat all das bereits lange hinter sich, was Jasmin Arians als Richter-Anwärterin noch erwartet. Die steuert jetzt mit Johann Siebels, dem vorzüglichen Huhn mit der Ausstellungsnummer 51 und dem Bewertungsbogen auf den dritten Richter zu. Jetzt zählt es. Ist diese Ostfriesische Möwe wirklich so makellos? Richter Theo Suntken aus Esens nickt wortlos, hebt prüfend ein paar Federn und unterschreibt. Der Star der aktuellen Geflügelschau ist gefunden, noch ahnt ihr Züchter Dirk Heuermann aus Dietrichsfeld nichts von seinem Glück.
Am Wochenende, 28. und 29. Oktober, ist die Rassegeflügelausstellung des Vereins Deutscher Rassegeflügelzüchter Aurich in der Ausstellungshalle der Reisetaubenliebhaber-Vereinigung in Walle für Besucher geöffnet. Öffnungszeiten sind Samstag von 10 bis 17 Uhr und Sonntag von 10 bis 16 Uhr.
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