Rückblick Streitobjekt Seniorenhuus Greetsiel – eine Chronik der Ereignisse
Aus dem Seniorenhuus in Greetsiel sollen Ferienwohnungen werden. Ein (zeitlicher) Überblick über Pläne und Diskussionen.
Greetsiel - „Das Seniorenhuus Greetsiel wird zum Jahresende seine Türen schließen. Zwar nicht für immer, aber für mehr als ein Jahr“, schrieb diese Zeitung ziemlich genau vor einem Jahr. Das war am 23. Oktober 2022. Heute ist klar, dass die Bewohner nicht wieder in das Pflegeheim zurückziehen werden - die Schaffung von 32 Ferienwohnungen steht im Raum. Wir werfen den Blick noch einmal zurück und fassen Entwicklungen um das Seniorenhuus im Greetsieler Ortskern zusammen.
Oktober 2022: Die Bewohner und ihre Angehörigen werden informiert, dass sie das das Haus bis Jahresende verlassen müssen. „Wir haben leider im Laufe der 25 Jahre, die das Haus bereits hinter sich hat, feststellen müssen, dass es ohne umfangreiche Investitionen vermutlich nicht mehr lange gut gehen wird,“ sagt damals Thomas Harazim, Mitglied der Geschäftsleitung des Pflegeheimbetreibers Sander Pflege auf Nachfrage dieser Zeitung. Deswegen habe man sich entschlossen, die Einrichtung für umfangreiche Sanierungsmaßnahmen zu schließen. Diese Arbeiten würden, so der Betreiber, nicht im laufenden Betrieb durchgeführt werden können. „Aufgrund der tiefgreifenden Maßnahmen bleibt keine Alternative, als alle Bewohner zum Jahresende ausziehen zu lassen“, so Harazim. Die geplanten Sanierungsmaßnahmen würden vermutlich 15 bis 18 Monate in Anspruch nehmen. An der Raumstruktur und den Grundrissen des Seniorenhuus werde „sich nahezu nichts ändern“.
Dezember 2022: Alle verbliebenen Bewohner des Seniorenhuus müssen ausziehen. Die meisten von ihnen werden im „Heimaadhaven“ in Emden, das ebenfalls von Sander-Pflege betrieben wird, untergebracht. Durch die direkte Aufnahme in Emden könne ein guter Übergang geschafft werden. Man hoffe, die Umstände für die Bewohner und Angehörigen so angenehm wie möglich zu gestalten, sagte damals Peggy de Beer, Pflegedienstleitung des Hauses, gegenüber dieser Zeitung.
März 2023: „Wir bauen für Sie um. Die Eröffnung ist für Frühjahr 2024 geplant. Wir freuen uns darauf, Sie dann in den neuen Räumlichkeiten zu begrüßen“, steht zu diesem Zeitpunkt noch auf der Website des Seniorenhuus. Zu diesem Zeitpunkt wird aber klar: Die Bewohnerinnen und Bewohner werden nicht mehr in das Pflegeheim mit seinen 62 Plätzen nach Greetsiel zurückkehren. Der Betreiber teilt den Mitarbeitenden und den Bewohnerinnen und Bewohner mit, dass die Einrichtung schließen wird. „Viele sind von einem Rückzug nach Greetsiel im nächsten Jahr ausgegangen. Leider werden wir dies nicht mehr ermöglichen können“, heißt es in einem Brief an die Betroffenen. Erhöhte Brandschutzvorgaben, Inflation, und auch steigende Zinsen hätten zu der Entscheidung geführt. Was mit dem Gebäude passieren soll, lassen die Inhaber zu diesem Zeitpunkt noch offen. Sowohl Bewohner als auch Mitarbeitende zeigen sich enttäuscht.
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August 2023: Vor dem ehemaligen Seniorenhuus sorgt ein großes Plakat für Aufsehen. Darauf steht: „Hier entstehen 32 Ferienwohnungen zwischen 50 und 110 Quadratmetern.“ Kurz vorher beobachten Anwohner, wie zum Teil teure Pflegebetten und technische Geräte einfach in Containern entsorgt wurden. Wenig später dann das Werbeplakat für die Ferienwohnungen. Der „Umbau einer Senioreneinrichtung in Ferienwohnungen“ wird von der Firma IKP-Bauinvest mit Sitz in Emsdetten umgesetzt. Geschäftsführer ist der Diplom-Kaufmann Gunnar Sander, der auch Chef von Sander-Pflege ist, die zuvor das Seniorenhuus betrieben hatte.
Eine Woche nach Aufstellen des Plakats reagiert Gunnar Sander. Mit diesen Reaktionen habe er nicht gerechnet, sagt er gegenüber dieser Zeitung. Er wehrt sich gegen die Unterstellung, dass der Bau von Ferienwohnungen von vorneherein geplant gewesen sei. Erst nach dem Auszug der Bewohner habe sich gezeigt, dass das Vorhaben aufgrund von Kostensteigerungen nicht mehr durchführbar sei. Das Seniorenhuus sei zuletzt eh nur zur Hälfte belegt gewesen.
Zeitgleich organisiert sich die Greetsieler Dorfgemeinschaft zu einem Protest. Viele Greetsielerinnen und Greetsieler sind nicht einverstanden mit den Plänen des Investors.
Am 28. August findet dann eine Informationsveranstaltung zur geplanten Umnutzung des ehemaligen Seniorenhuus zu einer Anlage mit Ferienwohnungen. Der Tenor an diesem Abend: Die Greetsieler wollen nicht noch mehr Ferienwohnungen in ihrem Ort haben. Sander zeigt sich an diesem Abend grundsätzlich offen für Alternativen. Er habe nicht damit gerechnet, dass es so viel Gegenwind gibt. Er würde auch verkaufen, beispielsweise an die Gemeinde, wenn er zumindest den Kaufpreis des Gebäudes im einstelligen Millionenbereich wieder reinbekommen würde. Schnell kommt der Wunsch auf, dass die Gemeinde als Betreiberin des Altenheimes einspringt.
September 2023: Rund 300 Menschen gehen am 10. September 2023 in Greetsiel auf die Straße, um gegen die Pläne von Investor Gunnar Sander zu demonstrieren. Auf den vielen Schildern, die die Leute bei der Kundgebung hochhalten, steht unter anderem: „Wir wollen hier alt werden“, „Wo sind Oma und Opa?“, „Greetsiel für Mehrgenerationen“, „Senioren werden abgeschoben, nicht mit uns“ und „Betreutes Wohnen anstatt Massentourismus“.
Unter den Demonstrierenden sind nicht nur Menschen nahe dem oder im Seniorenalter. Auch viele Leute im mittleren Alter, junge Menschen und Kinder nehmen an der Kundgebung teil. Auch Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos) spricht sich an diesem Tag klar gegen das Vorhaben aus. Man wolle ein Zeichen setzen dafür, dass man enttäuscht, traurig und wütend darüber sei, dass das Seniorenheim mitten in Greetsiel geschlossen wurde. „Und dass wir das nicht kampflos hinnehmen wollen“, so Looden. Es falle schwer, zu glauben, dass dem Betreiber nicht von Anfang an klar gewesen sei, dass es kein Zurück für die Bewohner geben würde. „Wir brauchen in Greetsiel vieles, aber weitere Ferienwohnungen brauchen wir sicher nicht“, so die Bürgermeisterin.
Oktober 2023: Eine Lösung für den Konflikt ist noch immer nicht in Sicht. Investor Gunnar Sander sagt klar, dass es die aber auf jeden Fall noch in diesem Jahr geben muss, auch, wenn es weiterhin noch keine konkreten Planungen gebe. Der Arbeitskreis zum Erhalt des Seniorenhuus setzt sich derweilen weiterhin dafür ein, dass eine alternative Lösung zu den Ferienwohnungen gefunden wird. Die Aussichten darauf scheinen aber zu schwinden. Krummhörns Bürgermeisterin Hilke Looden schreibt auf Nachfrage dieser Zeitung: „Es wird schwer werden, jemanden zu finden, der das Objekt künftig weiter als Pflege-/Seniorenheim betreiben will und kann.“