Hamburg  Bildungsexperte: Darum versagen Schulen bei Antisemitismus

Marie Busse, Karolina Meyer-Schilf
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Von Marie Busse, Karolina Meyer-Schilf
| 30.10.2023 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
In deutschen Schulen bleibt oft zu wenig Zeit, um über Antisemitismus und Rassismus zu sprechen, kritisiert Fereidooni. Foto: Unsplash
In deutschen Schulen bleibt oft zu wenig Zeit, um über Antisemitismus und Rassismus zu sprechen, kritisiert Fereidooni. Foto: Unsplash
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Das deutsche Schulwesen ist nicht darauf ausgelegt, Antisemitismus zu bekämpfen, sagt der Bildungsforscher Karim Fereidooni. Er glaubt nicht, dass sich daran in den kommenden Jahren etwas ändern wird.

Seit dem Angriff der Hamas in Israel kommt es in deutschen Großstädten zu pro-palästinensischen Demos. Dabei gab es auch immer wieder Sympathiebekundungen mit der islamistischen Terrorgruppe. Was lernen Schüler in Deutschland über den Konflikt und Antisemitismus in Deutschland? Erschreckend wenig, sagt der Bildungsforscher Karim Fereidooni.

Frage: In Deutschland gibt es seit dem Angriff der Hamas auf Israel pro-palästinische Demos. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Rechnen Sie mit einer weiteren Eskalation?

Antwort: Ich rechne tatsächlich mit einer weiteren Eskalation, weil die Lage in Nahost und auch hier so angespannt ist. Wichtig sind mir bei diesen Demos drei Dinge. Erstens: Es muss eine eindeutige Verurteilung des Terrors stattfinden, der am 7.10. israelischen Bürgern angetan wurde. Zweitens: Israels Existenzrecht darf nicht infrage gestellt werden. Drittens: Die Palästinenser*innen haben das Recht auf einen eigenen Staat. Wenn Menschen friedlich demonstrieren, muss das erlaubt sein. Wenn Menschen jubeln, weil Menschen woanders umgebracht werden, muss das bestraft werden. 

Frage: Die Bilder von Menschen, die den Angriff feierten, haben für Empörung gesorgt. Wie gut konnten Lehrer am Montag nach dem Angriff und den Demos erklären, was da los war? 

Antwort: Von meinen Student*innen, die gerade an Schulen unterrichten, haben einige von der Schulleitung die Anweisung bekommen, nicht über den Konflikt zu sprechen. Das ist verheerend, weil der Terror vom 7. Oktober, sowie der Krieg im Nahen Osten und der Nahost-Konflikt nicht ignoriert werden können. Jüdische Schüler*innen haben Angst in die Schulen zu gehen, das darf nicht ignoriert werden. Palästinensische Schüler*innen haben Angst, pauschal als Hamas-Unterstützer gebrandmarkt zu werden, das darf nicht ignoriert werden. Aber leider passiert genau das viel zu oft.

Antwort: Meiner Meinung nach muss der Terroranschlag in Schulen eindeutig verurteilt werden. Gleichzeitig müssen palästinensische Schüler*innen trauern dürfen, wenn Verwandte, die keine Hamas-Anhänger*innen sind, im Krieg sterben. Es muss ein Raum für jüdische und muslimische Schüler*innen geschaffen werden, um über ihre Gefühle zu sprechen. Und alle Menschen, die an Schulen tätig sind oder dort lernen, müssen sich klarmachen: Sie können den Nahost-Konflikt nicht lösen. Sie können die Schule aber zu einem Lern- und Lebensraum für alle Schüler*innen machen, damit alle Schüler*innen gerne zur Schule gehen.  

Frage: Warum passiert das nicht? Gibt es an deutschen Schulen nicht den Willen, gegen Antisemitismus und Rassismus vorzugehen?

Antwort: Wir haben in unserer Forschung festgestellt, dass Lehrkräfte Antisemitismus oft gar nicht erkennen und einordnen können. Häufig ist es sogar so, dass Lehrkräfte an der Reproduktion von Stereotypen beteiligt sind, weil antisemitische Darstellungen genutzt werden, um Antisemitismus zu thematisieren. Das darf nicht sein. Auch in Schulbüchern kommen jüdischen Menschen nur selten vor. Und wenn sie vorkommen, dann in problematischen Kontexten wie mittelalterliche Judenverfolgung, Nahost-Konflikt und Holocaust. Ganz normales jüdisches Leben in Deutschland spielt so gut wie keine Rolle. Das Gleiche gilt für die Darstellung von Muslim*innen. Muslim*innen werden in Schulbüchern oftmals problembezogen behandelt.  

Frage: Sind die Schulbücher und Lehrpläne das größte Problem?

Antwort: Die größte Herausforderung ist die Lehrkräfte-Ausbildung. Angehende Lehrkräfte lernen in Regel kaum etwas über Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit. 

Frage: Woran liegt das?

Antwort: Es gibt verschiedene Ursachen. Zum einen gibt es kaum Professuren für diese Themen und es steht nur wenig Geld für die Erforschung dieser Themen zur Verfügung. Als Ergebnis stehen dann irgendwann Lehrkräfte vor zu großen Klassen mit 32 Schüler*innen und sollen in 45 Minuten über menschenfeindliche Ideologien aufklären. Das ist schlicht nicht machbar. 

Frage: Sie waren selbst als Lehrer tätig und bilden jetzt an der Universität Bochum angehende Lehrkräfte aus. Was machen Sie anders?

Antwort: Meine Studierenden kommen nicht umhin, sich Menschenfeindlichkeit auseinanderzusetzen. Bei mir sind diese Themen Teil der grundständigen Ausbildung. Zur Wahrheit gehört aber auch: Bildung funktioniert nicht linear. Nur weil jemand von diesen Themen in der Ausbildung gehört hat, heißt es nicht, dass sich im Unterricht etwas ändert. 

Frage: Was muss sich an deutschen Schulen ändern, wenn man es ernst meint mit dem Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus?

Antwort: Es sind vor allem drei Dinge: Grundständige Ausbildung, Klassengröße und Unterrichtszeit. Die Lehrkräfte müssen aktuell Fachunterricht geben und darüber hinaus gibt es kaum Zeit für weitere Themen. Außerdem haben sie gar nicht die Zeit, an Bildungsveranstaltungen zu den Themen Antisemitismus und Rassismus teilzunehmen. Zudem fehlt es an guten Unterrichtsmaterialien. Es ist eine komplexe Gemengelage und es gibt leider keine einfache Lösung. Es müssen sich an vielen Stellen Menschen bewegen. 

Frage: Ist es also bislang eine Frage des individuellen Engagements der Lehrkraft, ob an Schulen Themen wie Antisemitismus und Rassismus behandelt werden?

Antwort: Individuelle Maßnahmen müssen von institutionellen Veränderungsprozessen flankiert werden. Ich fordere daher, dass diese Themen in die Ausbildung eingespeist werden, unabhängig davon, ob die Lehrkraft Politik oder Physik unterrichtet. Aber selbst wenn in der Ausbildung Antisemitismus behandelt wird, heißt das nicht, dass es nachhaltige Veränderungen gibt. Wir müssen uns bedauerlicherweise damit arrangieren, dass ein Teil der Bevölkerung antisemitischen Äußerungen zustimmt. Ich verweise auf die „Mitte Studie“, die belegt, dass 11 bis 15 Prozent der bundesdeutschen Gesellschaft antisemitischen Aussagen zustimmen. Das Problem des Antisemitismus alleinig muslimischen Menschen zuzuschreiben, ist falsch. Antisemitismus zu bekämpfen, ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. 

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