Osnabrück Wo bleibt der Aufschrei? Der Kulturbetrieb schweigt zum Antisemitismus
Wo bleibt der Aufschrei? Wo bleibt der Hashtag, wo das große Solidaritätskonzert? Das Massaker der Hamas an Juden in Israel, antisemitische Ausfälle in Deutschland: Der Kulturbetrieb schweigt. Dabei versteht er sich als aufgeklärt, engagiert, kurz, als links.
Ein Abgesang auf die Linke? Nein, es geht nicht um die Partei, die diesen Namen trägt. Es geht nicht um Sahra Wagenknecht und das nächste Schisma der linken politischen Bewegung. Es geht um das Versagen, ja den Bankrott einer politischen Haltung.
Was ist hier mit dem Wort links gemeint? Die Empathie mit Menschen, mit ihrer Not und Bedürftigkeit zum Beispiel. Links ist die Überzeugung, dass Menschen sich entwickeln können, hin zum Besseren, dass sie heute gut leben sollen. Möglichst alle, ohne Ausnahme. Links: Das Wort meint einen Universalismus des Menschenrechts. Das ist der Kern.
Aber seit dem Überfall der Hamas auf Israel, seit dem barbarischen Morden mit über 1400 Toten schweigt die Linke. Der Tag des Massakers, der 7. Oktober 2023, ist von der Weltöffentlichkeit unmittelbar als historische Zäsur verstanden worden. Das Erschrecken, der Aufschrei – sie sind aber, anders als beim Überfall von Putins Russland auf die Ukraine 2022, ausgeblieben bei vielen von denen, die sich als aufgeklärt und engagiert verstehen.
Welchen Debattenlärm verursachten noch die Streitgespräche über die Frage, ob man ein Jugendbuch über Winnetou publizieren darf oder weiße Musiker berechtigt sein dürfen, Rasta-Locken zu tragen. Zur Debatte über falsche kulturelle Aneignung gehört der Cappuccino mit Hafermilch – so das Stereotyp. Der Kontrast zwischen dem Lärm solcher Debatten und dem Schweigen der gleichen Kreise über Israel, über die erneuerte Angst der Juden frappiert.
Es müsste um die ungeteilte Empathie mit den Opfern der Hamas gehen, zu denen übrigens auch jene Menschen in Gaza gehören, die jetzt geschunden sind, die im Zuge der provozierten Bodenoffensive der israelischen Armee ihr Leben verlieren. Verheerend, was jetzt in Gaza geschieht. Es müsste um den sicht- und spürbaren Schulterschluss mit den Juden in Deutschland gehen, die sich inzwischen kaum noch vor jene Tür trauen, auf die Unbekannte Davidssterne gemalt haben.
Ja, es hat schockiert, dass Demonstranten in Berlin-Neukölln und andernorts die Massaker feierten. Mindestens ebenso schockiert, wie leise jetzt jene Engagierten bleiben, die sich ansonsten schnell echauffieren. Die Stille gerade im Kulturbetrieb hat eine Lautstärke, die nicht mehr zu ertragen ist. Es hat sich nicht nur etwas verschoben in diesem Land, es scheint etwas zerbrochen, was man für unverbrüchlich hielt: eine Solidarität, ein Versprechen.
Rückblickend wir klar, dass die antisemitischen Bilder, die 2022 auf der Documenta in Kassel zu sehen waren, kein Ausrutscher gewesen sind. Sie waren repräsentativ für eine Szene, die im Zeichen des Kampfes gegen Kolonialismus Israel unter Staaten subsumiert, die es zu bekämpfen gilt. Sie waren bezeichnend für jenen latenten Antisemitismus, der gerade da zu beobachten ist, wo er eigentlich nicht sein dürfte – in Kreisen jener, die sich als links verstehen.
„Free Palestine from german guilt“, skandierten Demonstranten vor dem Auswärtigen Amt in Berlin, als wäre das Eintreten Deutschlands für das Existenzrecht Israels eine Lästigkeit, die es endlich zu beseitigen gelte. Der Befreiungskampf vermengt sich so unverhohlen mit unerträglicher Relativierung des Holocaust.
Und das nicht nur in Deutschland. Fridays for Future publiziert analoge Botschaften mit der Zeile „Climate justice is anti-colonial!“. Greta Thunberg, die Jeanne d´Arc der Klimabewegung, hat sich mit ihrem einseitigen Eintreten für Palästina, selbst marginalisiert. Unterdessen versucht die deutsche Sektion von Fridays for Future, mit Dementis zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Das Netz spricht ohnehin eine deutliche Sprache. Der Hashtag #freepalestine kommt bei Instagram am 30. Oktober 2023 auf 4915680 Nennungen, #standwithisrael auf 180129.
Sicher, der Blick auf das Leid von Menschen darf an keiner Grenze enden, in keiner Aufrechnung versanden. Und ja, auch die aktuellen Gewaltexzesse haben ihre Vorgeschichte – und wenn die in ihrer monatelangen, akribischen Vorbereitung besteht. Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, hat auf der Frankfurter Buchmesse aber zu Recht gefordert, den Blick ohne Relativierung auf das Massaker der Hamas zu richten, dessen Ungeheuerlichkeit beim Namen zu nennen.
Wann wird aus dem Blick auf Kontexte eines Geschehens eine nicht mehr hinnehmbare Relativierung? An dieser Frage arbeiten sich viele Intellektuelle derzeit ab und versäumen darüber die klare Stellungnahme. Auch Prominente wie die amerikanische Gender-Philosophin Judith Butler bekommen das nicht hin. Ihre Einlassungen zu Hamas und Israel klingen gelehrt und gleichzeitig seltsam aseptisch, wenn es darum gehen müsste, sich klar gegen Antisemitismus zu stellen.
Das Leid anderer betrachten: Der Titel des 2003 publizierten Buches der Kulturkritikerin Susan Sontag liest sich heute wie eine Handreichung für all jene Intellektuellen, die lieber über Postkolonialismus reden statt sich gegen Antisemitismus auszusprechen. Mit ihnen versagt die intellektuelle Linke.
Immerhin melden sich jetzt Autoren zu Wort, die sich mit dem „an Bräsigkeit nicht zu überbietenden Schweigen“ der Kulturszene nicht länger abfinden wollen. „Literaturbetrieb, jetzt!“: Der Titel des Offenen Briefes, den Autorinnen und Autoren wie Nora Bossong, Durs Grünbein und Rebekka Kriecheldorf unterzeichnet haben, klingt nach einem verzweifelten Weckruf.
Ob er gehört wird? Es ginge darum, das Leiden zu benennen, Juden in Deutschland sichtbar zur Seite zu stehen. Bislang versagt die Linke. Dabei wäre ihre Empathie, ihr Universalismus des Menschenrechts jetzt dringend gefragt.