Schweden Steht Greta Thunberg in einer antisemitischen Tradition Schwedens?
Für ihre Äußerungen zu Israel steht Klimaaktivistin Greta Thunberg in der Kritik – und mit ihr die Bewegung „Fridays for Future“. Ihre Haltung lässt sich auf eine Tradition der Sozialdemokraten und Linken in Schweden zurückführen.
Thunberg, die vor über fünf Jahren den Schulstreik gegen das Klima als globale Bewegung initiiert hatte, hat kürzlich ein Foto auf X (vormals Twitter) veröffentlicht, bei dem sie auf einem Schild „Gerechtigkeit für Palästina“ fordert. „Stoppt den Völkermord“, fordern Aktivisten neben ihr. Bereits zuvor hatte Thunberg sich in einem Beitrag mit Gaza solidarisiert. Zu sehen war ein Plüsch-Krake, der als ein antisemitisches Symbol für die „jüdische Weltherrschaft“ gilt. Die Zwanzigjährige hat sich dafür entschuldigt und auf ihr Unwissen über die Symbolik verwiesen. Doch auch die neuen Beiträge des internationalen „Fridays for Future“-Kontos passen zum Narrativ der Hamas. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Schwedens ist vom „großen Vertrauensverlust“ für die Klimabewegung die Rede.
Der deutsche und der österreichische Ableger der Klimabewegung haben sich mittlerweile klar von den Aussagen des internationalen Kontos distanziert, der schwedische zog etwas zögerlicher nach. Was die junge Schwedin mit Asperger-Syndrom einst zur Heldin der Klimabewegung machte – das unbeirrte Beharren auf ihrem Standpunkt – macht sie nun für viele einstige Anhänger zu einer Antiheldin.
Einordnen lässt sich Thunbergs Haltung in einer Tradition der Sozialdemokraten und Linken in Schweden. Schon im Jahre 1965 nahm der Parteisekretär der Sozialdemokraten Sten Andersson Stellung für die Palästinenser und gegen Israel. Andersson gilt als der geistige Architekt der Nahost-Politik, die der spätere Regierungschef Olof Palme fuhr: Vertreter der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) sollten international als ernst zu nehmende Partner gesehen werden.
Mit dem Wahlsieg Olof Palmes 1969 nahm Schweden im Nahost-Konflikt innerhalb der Vereinten Nationen eine neutrale Haltung ein. Der Sozialdemokrat Palme, Gründer der Idee von Schwedens Außenpolitik „des Dritten Wegs“, traf als westlicher Vertreter den PLO-Chef Jassir Arafat 1974, der damals im Westen als „Terrorist“ galt, auch im Hinblick auf das Attentat bei der Olympiade in München 1972. Israel sollte Palme nie besuchen, der bis zu einer Ermordung 1986 mit einer Unterbrechung das Land regierte.
Auch der hohe moralische Ton, für den Thunberg bekannt ist, lässt sich auf Palme zurückführen. Die im Wohlstand lebenden Schweden hat er eingeschworen, die Verfolgten der Welt aufzunehmen und ihnen Asyl zu gewähren. Damit begann das Selbstbild wie Aushängeschild von Schweden als „Humanitäre Großmacht“. Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 verzeichnet der Historiker Henrik Bachner ein starkes Anwachsen von Antisemitismus gerade unter den linken Schweden und der Studentenbewegung. Profilierte linke Schriftsteller wie Jan Myrdal verglichen Israel, das im Verlauf des Krieges die Kontrolle über Gaza, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, das Westjordanland und Ostjerusalem erlangte, mit dem NS-Staat. „Kolonialismus“ und „Machthaber“ sind auch das Vokabular, das Greta Thunberg nun in Bezug auf Israel nutzt.